crime scene

Die hohe Kunst der Andeutung: In „Weiße Nacht“ lässt Åsa Larsson eine Steueranwältin ermitteln

Hoch oben im Norden Schwedens, einer geografisch eher abseitigen Gegend, spielen die Kriminalromane der Åsa Larsson. Die aus Kiruna stammende Autorin nutzt, ähnlich wie ihre Krimikollegin Liza Marklund, die eigene Biografie als Fundament für ihre Romane, indem sie der Heldin denselben Erlebnishorizont verleiht, über den sie selbst verfügt. Während Marklund mit ihrer Heroine Annika Bengtzon den Berufsstand der Boulevardjournalistin in den literarischen Adelsstand der kriminalistisch relevanten Berufe erhoben hat, ist es in Larssons Romanen der Job der Steueranwältin, der durch die detektivischen Aktivitäten der Heldin Rebecka Martinsson eine beachtliche Aufwertung erfährt. Die Autorin selbst hat die Steueranwältinnenkarriere mittlerweile aufgeben können, um sich ganz dem glamouröseren Handwerk der Kriminalschriftstellerin zu widmen. Ihr erster Roman „Sonnensturm“ wurde als bestes schwedisches Krimidebüt ausgezeichnet. Für den nun auf Deutsch erschienenen zweiten Rebecka-Martinsson-Roman „Weiße Nacht“ gab es gar den schwedischen Krimipreis 2004.

Was passiert?: Rebecka Martinsson, die nach grauenhaften Erlebnissen in Larssons erstem Roman noch nicht wirklich in der Lage ist, ihren Beruf auszuüben, fliegt dienstlich nach Kiruna. Sie soll langsam wieder auf die Beine kommen und eine kleine Routineangelegenheit betreuen. Doch der Zauber der heimatlichen Wälder fängt sie ein, und sie bleibt länger als geplant. Dabei wird sie in die Geschehnisse rund um einen furchtbaren Mord hineingezogen. Die Pastorin des Dorfes, in dem sich Rebecka vorläufig niedergelassen hat, ist auf besonders brutale Weise erschlagen und dann in der Kirche aufgehängt worden. Da die Ermordete eine Person mit entschiedenen Ansichten gewesen ist, die zu äußern sie nie gezögert hat, mangelt es nicht an Feinden und somit Verdächtigen.

Vor allem viele Männer hassten die Geistliche wegen ihres feministischen Aktivismus. Zudem machte sie sich unbeliebt, als sie einen Fonds zum Schutz einer in den Wäldern um Kiruna lebenden Wölfin ins Leben gerufen und zu diesem Zweck Gelder umverteilt hatte, die zuvor der örtlichen Jägerschaft zugutegekommen waren. Es könnten also handfeste ökonomische Interessen im Spiel sein. Oder war es Mord aus Eifersucht?

Es gibt zahllose Möglichkeiten, das macht die Handlung hochspannend. Was dem Roman aber seine außergewöhnliche atmosphärische Dichte verleiht, ist die Art, wie Larsson, mit der Toten als zentraler Figur, allmählich das Beziehungsgeflecht der Personen im Dorf ans Licht holt. Sie beherrscht eine unter Krimiautoren recht seltene Kunst: die Figuren mit wenigen Strichen so weit charakterlich zu skizzieren, dass man sogar hinter der weniger ausgefeilten Skizze einer Nebenfigur noch eine unauslotbare Tiefe erahnt.

Das macht die Charaktere auf eine Art lebendig, die weit über ihre Funktion innerhalb dieses einen Krimis hinausweist. Auch wenn der Mord mit aller wünschenswerten Eindeutigkeit aufgeklärt werden kann, bleibt dennoch ein Nachhall von Rätselhaftigkeit und Geheimnis, denn jede Person ist ein Mysterium für sich. Diese Larssonsche Kunst der Andeutung erstreckt sich sogar auf den literarisch eher heiklen Bereich der Tiersymbolik. Der Kriminalfall nämlich wird begleitet von einer Parallelhandlung, worin das Leben der Wölfin geschildert wird, die die Ermordete hatte schützen wollen. Larsson nimmt sich und lässt uns die Freiheit, diese Geschichte ganz losgelöst von der anderen zu betrachten. Wenn wir uns denn dafür entscheiden wollen.

Åsa Larsson kann sehr fesselnd erzählen. Hinter dem Erzählten aber öffnet sich ein weiter Raum für Imagination und Interpretation. Ein offenes Kunstwerk par excellence – und doch klassischer Krimi. Das gibt es also auch. KATHARINA GRANZIN

Åsa Larsson: „Weiße Nacht“. Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs. C. Bertelsmann Verlag, München 2006, 382 Seiten, 19,90 Euro