Brot soll per Gesetz Vitamine bekommen

Rheinland-Pfalz will Lebensmittelindustrie verpflichten, dem Mehl das Vitamin Folsäure unterzumischen. Noch hält die Bundesregierung Aufklärung für den besseren Weg. Doch Befürworter sehen eine Chance, Kindern Leid zu ersparen

BERLIN | taz ■ | Es gibt Krankheiten, die müsste es in dieser Häufigkeit nicht geben. Spina bifida gehört dazu, der „offene Rücken“ bei Neugeborenen. Bei einer von 1.000 bis 2.000 Geburten kommt ein Kind mit diesem Defekt zur Welt, bei dem das Rückenmark wie eine Wulst direkt unter der Haut liegt. Der Auslöser: Folsäuremangel.

Die Deutschen nehmen pro Tag nur die Hälfte der empfohlenen Tagesdosis zu sich. Deshalb sollen jetzt möglichst alle Bürger eine Extraration des Vitamins bekommen: Die Landesregierung von Rheinland-Pfalz will über den Bundesrat die Müller nötigenfalls gesetzlich verpflichten, dem Grundnahrungsmittel Mehl synthetische Folsäure beizumengen. Die Müller finden den Vorstoß der Mainzer gut. Christoph Persin, Forschungsleiter der VK Mühlen AG, sagt, es werde Zeit, dass es endlich zu einer gesetzlichen Regelung komme. „Es ist unterlassene Hilfeleistung, da nichts zu tun.“ Zur VK Mühlen gehören Marken wie Diamant oder Aurora.

Das Unternehmen ist einer der größten Mühlenbetreiber in Europa. Ein wirtschaftliches Interesse an dem Engagement für Folsäure im Mehl ist aber nahezu auszuschließen. Um Weizenmehl ausreichend mit Folsäure auszurüsten, müssten pro Tonne 10 Euro investiert werden. Das Getreide kostet im Einkauf um 150 Euro pro Tonne. „Was das bei einem Brot ausmacht, ist nicht mehr darstellbar“, sagt Persin. Wie wirksam eine verpflichtende Beimengung wäre, zeigt das Beispiel USA. Dort werden seit dem Jahr 1998 Mehl, Reis und Nudeln generell mit Folsäure angereichert. Seitdem hat die Zahl der Fälle von Spinida bifida um 20 Prozent abgenommen. Die Ungarn haben schon nachgezogen. Österreich könnte demnächst folgen.

In Deutschland will die Bundesregierung eine Verpflichtung nicht mittragen. „Wir werden die Initiative aus Rheinland-Pfalz nicht unterstützen“, sagte eine Sprecherin von Ernährungsminister Horst Seehofer (CSU). Die Gründe seien vielfältig: Zum einen werde die eigentliche Zielgruppe, junge Frauen, nicht genau getroffen. Da könne nur eine verbesserte Aufklärung helfen. Außerdem gebe es Hinweise darauf, dass Folsäure schädliche Nebenwirkungen habe.

So ist zum Beispiel bekannt, dass zu viel Folsäure bei älteren Menschen einen Mangel an Vitamin B12 verdecken kann. Zudem sollen sich unter Folsäure-Einfluss Krebszellen im Darm besser vermehren können.

Lisa Loewenthal hält das für eine falsche Sicht der Dinge. Sie spricht für den Arbeitskreis Folsäure und Gesundheit, in dem neben Medizinern und Wissenschaftlern auch Fachleute aus dem Ernährungsministerium sitzen. Loewenthal sagt, Aufklärung habe bisher nicht den gewünschten Erfolg gehabt. Das B12-Problem trete erst ab Dosen von 5 Gramm auf – es gehe aber nur um Mikrogramm. Und die Studie zur Ausbreitung der Darmkrebszellen sei fragwürdig. Hingegen hält sie für unstrittig, dass Folsäure Krebs vorbeugt.

Loewenthal bekommt Unterstützung vom Bundesinstitut für Risikobewertung. „Die obligatorische Anreicherung von Mehl mit Folsäure könnte die Gesamtzufuhr in allen Bevölkerungsschichten effektiv und kalkulierbar erhöhen“, heißt es in einer Erklärung des Instituts. Loewenthal vermutet politische Gründe hinter der Seehofer’schen Zurückhaltung: „Wir sind noch zu sehr von den schlechten Erfahrungen mit den furchtbaren Programmen für Volksgesundheit der Nazis beeindruckt.“

Am Mittwoch wollen die Wissenschaftler der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) eine Stellungnahme zur Folsäure veröffentlichen. Nach ihren Empfehlungen richten sich die Berliner Ministeriellen zumeist. Somit ist offen, ob die Bundesregierung beim strikten Nein zur Folsäure-Beimengung bleibt.