Mit leichtem Strich

INTEGRATION Klischees aushebeln: Die Grafikdesignerin Alexandra Klobouk schafft es, einen Kontrapunkt zur aktuellen Migrantendebatte zu setzen. Ein Porträt

VON NINA APIN

Eigentlich habe sie ein richtiges türkisches Frühstück zubereiten wollen, entschuldigt sich Alexandra Klobouk schon an der Wohnungstür. In ihrer WG-Küche an der Berliner Kastanienallee – zusammengewürfelte Einrichtung, Putzplan an der Wand – stehen jetzt Obst und Kekse auf dem Tisch. Das einzig Türkische im Raum ist ein blaues Glasauge am Kühlschrank, das den „bösen Blick“ abwehren soll.

■  Alexandra Klobouks Bildband „Istanbul, mit scharfe Soße?“ (Onkel & Onkel Verlag, 128 Seiten, 14,95 Euro) ist ein Buch „für alle, die auch keine Ahnung haben“. Ohne Ahnung von der türkischen Sprache, Land und Stadt ging die Autorin Alexandra Klobouk für sieben Monate nach Istanbul. Ihre Eindrücke verarbeitet sie in diesem zweisprachigen, liebevoll illustrierten Band – eine Gebrauchsanleitung für den Istanbuler Alltag, zugleich ein Blick in türkische Befindlichkeiten, jenseits aller Integrationsdebatten.

Die Zeit habe gefehlt, ruft Klobouk und setzt Kaffee auf, diese sei aber nun mal die wesentliche Zutat für ein ordentliches „Menemen“. Die 27-jährige Grafikdesignerin greift zu einem Buch auf dem Küchentisch und demonstriert anhand einer Illustration, welch vielfältige Variationen die türkische Rührei-Variante annehmen kann: mit kleinen Paprika, Knoblauchwurst, Schafskäse, dazu der Tee … Die Hände tanzen über die Seiten, sie folgen den Pfeilen, die demonstrieren, wie man türkischen Tee zubereitet.

Die Illustrationen hat Klobouk selbst gemalt, das Kapitel über Frühstücks- und Teekultur entstammt ihrem Buch „Istanbul, mit scharfe Soße?“ – die Titelillustration zeigt eine junge Frau, die auf einem Dönerspieß über den Bosporus reitet. „Wer in Deutschland aufwächst“, erklärt Klobouk das Titelbild, „weiß von der Türkei so gut wie nichts.“ Dönerverkäufer, Frauen mit Kopftuch und Fußballspieler, die kenne man. Der Rest sei sekundäres Wissen – Medienberichte über Ehrenmorde, Zwangshochzeiten und bildungsferne Parallelgesellschaften.

Der schmale Band, beim Kleinverlag „Onkel & Onkel“ erschienen, ist das Resultat einer Verärgerung. Alexandra Klobouk hatte Fatih Akins Film „Crossing the Bridge“ gesehen, eine Dokumentation über die Istanbuler Musikszene. „Ich war begeistert. Und entsetzt, wie wenig die Bilder auf der Leinwand mit denen in meinem Kopf zu tun hatten“, sagt sie. Selbst habe sie sich immer für einen weltoffenen Menschen gehalten – „nach dem Film musste ich feststellen, wie sehr die Türkenklischees aus dem ‚Tatort‘ auch meine Wahrnehmung bestimmten“.

Die Erschütterung darüber ist Klobouk noch heute anzumerken. Das erste Kapitel ihres zweisprachigen Buchs hat sie den gängigen Vorurteilen gewidmet: Verhüllte Frauen schleppen dem schnauzbärtigen Ehemann schwere Einkaufstaschen hinterher, eine Betonburg mit Namen „Antalya Beach Paradise“ wartet auf deutsche Urlauber. Die reduzierten Grafiken deuten mit leichten Strichen vieles an, der Rest spielt sich im Kopf des Betrachters ab.

Klobouk wuchs im bayerischen Regensburg auf, ihre Eltern sind Künstler. Im Gymnasium gab es keine türkischstämmigen Mitschüler. Auch als Klobouk vor sieben Jahren nach Berlin kam, um an der Kunsthochschule Weißensee Kommunikationsdesign zu studieren, beschränkten sich ihre Kontakte zur türkischstämmigen Bevölkerung auf ein Minimum: der unfreundliche Gemüsehändler um die Ecke, Halbstarke in der S-Bahn. Und immer wieder Medienberichte. Nach ihrem Film-Erlebnis beschloss Klobouk, sich selbst ein Bild zu machen. Sie reiste für drei Wochen nach Istanbul. Ihr Ziel: Einen Austausch zwischen ihrer Kunsthochschule in Weißensee mit einer türkischen Hochschule ins Leben zu rufen. „Im Rückblick war die Herangehensweise vielleicht etwas naiv“, lacht Klobouk. „Ich konnte kein Wort Türkisch und hatte auch die Bürokratie unterschätzt.“ Am Ende gelang ihr aber ein Studienplatztausch mit einem Istanbuler Grafikstudenten.

Sieben Monate verbrachte die junge Frau dann in Istanbul. Sie studierte an der Marmara-Universität im asiatischen Teil der Stadt und zog mit einer Kommilitonin zusammen, die ebenso wenig Englisch sprach wie Klobouk Türkisch. „Ich verstand nichts“, sagt Klobouk und mimt mit ein paar Handbewegungen völlige Hilflosigkeit, „aber vom ersten Moment an bekam ich von allen Seiten Hilfe.“ Klobouk fand sich rasch in ein Netzwerk aus Freundinnen integriert, die zusammen studierten, feierten und jeden Sonntag in ihrer Wohnung stundenlange Frühstücksorgien zelebrierten. „Alle redeten, ich hörte zu – und bekam jede Viertelstunde eine Zusammenfassung des Gesprächs.“

Dank dieser effektiven Sprachlernmethode war sie bald in der Lage, auf dem Markt einzukaufen, „und einer türkischen Mutter zu sagen, wie großartig ich ihr Essen finde“. Dazu gab es reichlich Gelegenheit. An die türkische Gastfreundschaft, die dem Gast jegliche Mithilfe untersagt, musste sich Klobouk erst gewöhnen. Auch an vieles andere: die Sammeltaxis, die Straßenkinder, die Bürokratie, die viele Polizei. Während ihres Aufenthalts erschütterten schwere Terroranschläge die Stadt, beim schlimmsten starben 17 Menschen. Im Buch sieht man eine U-Bahn-Passagierin, die ihren Rucksack als Nagelbombenschutz vor den Körper presst.

Nein, leben möchte Alexandra Klobouk nicht in Istanbul. „In sieben Monaten bekommt man doch zu viel mit, um nur zu schwärmen“, sagt sie nüchtern. Klobouk erzählt von ihrer besten Freundin Duygu. Deren kurze Hosen seien in ihrer Heimatstadt Izmir selbstverständlich – in Istanbul erregten sie die Gemüter der zugezogenen anatolischen Landbevölkerung, die seit einigen Jahren konservative Einflüsse in die zuvor so westliche Metropole bringen. Stärker sei das Auftreten kopftuchtragender Frauen geworden. Und immer mehr Kneipen verkauften keinen Alkohol.

Alexandra Klobouk war entsetzt, wie sehr Klischees ihre eigene Wahrnehmung bestimmt haben

Eine Islamisierung? Klobouk zuckt die Schultern, sagt: „Ich habe nur einen ganz kleinen Teil der türkischen Gesellschaft kennen gelernt. Niemand in meinem Freundeskreis trägt Kopftuch oder geht in die Moschee.“ Dennoch spürten auch ihre Freundinnen Rechtfertigungsdruck für ihre Lebensweise und schmuggelten Männerbesuch an selbsternannten Tugendwächterinnen im Haus vorbei.

Das Küchentischgespräch nähert sich der aktuellen Integrationsdebatte. Alexandra Klobouk seufzt. Bei der Frankfurter Buchmesse sei sie auch Thilo Sarrazin begegnet. „Eigentlich müsste ich ihm danken, schließlich bekommt mein Buch dank seiner Migrantenbeschimpfung einen ganz aktuellen Anlass.“ Sie habe aber keine Lust, sich auf die Argumentation von Leuten wie Sarrazin oder Seehofer einzulassen. Sie sei, sagt Klobouk, der das Auftrumpfen nicht liegt, schon ein bisschen stolz, mit ihrem Buch einen kleinen Kontrapunkt zum allgegegenwärtigen Türken-Bashing zu setzen.

Ob man noch was essen gehe? Keinen Döner! Sie halte nicht sonderlich viel vom Berliner Döner, der bayerische sei besser.