Schwerpunkt mit 137 Sitzen

Coming-out-Dramen in kleinstädtischer Atmosphäre: 1909 als „vornehmes Institut für belehrende Unterhaltung“ eröffnet, zeigt das Xenon-Kino in Schöneberg heute ein schwul-lesbisches Programm

Kommt man an einem nicht zu kühlen Abend in der Schöneberger Kolonnenstraße am Xenon vorbei, fällt einem Bernhard auf: Mit seinen langen Haaren sitzt er regelmäßig vor dem Eingang und liest. Bernhard Rudolf ist 57 Jahre alt. Von denen arbeitet er bereits 27 als Vorführer im Xenon-Kino, er ist also so etwas wie die „graue Eminenz“ des Betriebs.

Als er anfing, hieß das Kino noch Colonna und hatte gerade zum zweiten Mal in kurzer Zeit den Besitzer gewechselt. Bernhard half eigentlich nur seinem Bruder, der das Colonna 1978 übernommen hatte. Anfänglich war es für den Physikstudenten nur ein Job – und im Grunde ist Bernhard bis heute kein echter Cineast. Er interessiert sich mehr für globale Ökonomie.

Heute ist Bernhard der einzige feste Angestellte des jetzigen Xenon-Betreibers Andreas „Andy“ Wieske, der ansonsten nur noch zwei Minijobber und eine Aushilfe beschäftigen kann und selbst nebenher noch eine Werbeagentur betreibt. Mit dem Xenon ist kein Vermögen zu machen: Kürzlich musste Andy sich aus ökonomischen Gründen vom Splatter-Spezialisten Jörg Buttgereit trennen, der im Xenon ab und an als Vorführer arbeitete.

In Sachen Architektur, Interieur und Technik ist das Xenon nicht gerade eine Perle unter den Berliner Kinos. Im Parterre eines schmucklosen Hauses von 1907 erstreckt sich der Vorführsaal mit 137 Sitzen schlauchförmig in den Seitenflügel hinein. Das kleine Entrée bietet ein paar Sitzplätze und eine Theke, ein Filmstill an der Wand zeigt Louise Brooks in „Die Büchse der Pandora“. Der Charme des Kinos steckt nicht in Äußerlichkeiten, sondern in seiner Mischung aus liebevoller Betreuung, kleinstädtisch-intimer Atmosphäre – und seinem Programmschwerpunkt.

Andy Wieske, der das Xenon 1995 übernommen hat und selbst Filme von David Lynch, John Cassavetes und John Waters liebt, macht überwiegend ein schwul-lesbisches Programm. Er zeigt Spielfilme zu Fragen sexueller Identität, jugendlicher Initiation und Coming-out. Zum Beispiel den großartigen autobiografischen Dokumentarfilm „Tarnation“ von Jonathan Caouette. Auch Klassiker der Filmkunst wie Pasolinis „120 Tage von Sodom“ werden gezeigt. „Die Filme müssen nicht nur eine schwul-lesbische Thematik haben, sondern mich auch qualitativ überzeugen“, erklärt Andy seine Auswahl. Die wunderbar erzählte Familiengeschichte „C.R.A.Z.Y.“ von Jean-Marc Vallée aus Kanada, die in Deutschland nur mit wenigen Kopien startete, war im Xenon für Wochen zu sehen.

Die ganze Woche Kinotag

Ein vergleichbares Programm bietet in Berlin lediglich die „Mongay“-Reihe im Kino International, bei der fast ausschließlich Previews gezeigt werden. Im Xenon laufen die Filme jedoch nicht nur montags, sondern die ganze Woche über. „Wir haben auch mal eine Pornoreihe in Zusammenarbeit mit dem Schwulen Museum gezeigt“, sagt Andy Wieske. „Aber wir sind kein Pornokino – das machen genug andere.“

Das Xenon ist im Kiez gut integriert – auch wenn ab und an Jugendliche im Vorbeigehen schwulenfeindliche Bemerkungen machen. Zu der benachbarten türkischen Teestube aber ist das Verhältnis freundlich – die Männer nehmen auch schon mal Pakete fürs Kino entgegen.

Als Andy Wieske 1984 aus Hamburg kam, um an der HdK Werbegrafik zu studieren, zog er in den Wedding und lernte dort die Leute vom Sputnik-Kino kennen. Er wurde Teil ihres Teams, das später auch noch das Sputnik 2 am Südstern sowie das Freiluftkino Hasenheide betrieb. Auf der Webseite des Xenon wird mit Trauer an das erste Sputnik-Kino im Wedding erinnert. Es wurde kürzlich im Auftrag der Schering AG abgerissen.

Ein Ort mit Geschichte

Wo heute das Xenon ist, sollen bereits 1909 Filme vorgeführt worden sein. Das würde es zu einem der ältesten Kinos Berlins machen – wobei Kinos damals noch als „Effekt-Theater“ und „vornehmes Institut für belehrende Unterhaltung“ beworben wurden. Sicher ist, dass Herbert und Anna Reiß das Kino 1932 für 15.000 Mark erwarben und es unter dem Namen Colonna bis 1974 betrieben. Karl Winter vom Verleih der Freunde der deutschen Kinemathek hatte das Kino direkt von dem Ehepaar Reiß übernommen und bis zur Übernahme durch Bernhard Rudolfs Bruder 1978 betrieben.

Die Fußballweltmeisterschaft und die Hitze in diesem Sommer hatten in der Kinobranche einen enormen Besuchereinbruch zur Folge. Zwar hatte auch das Xenon darunter zu leiden, Andy Wieske ist aber optimistisch: „Der Tiefpunkt war letztes Jahr, seitdem kommen wieder mehr Leute“, meint er. Tatsächlich stößt der inhaltliche Fokus nicht nur bei einem schwulen und lesbischen Publikum auf wachsendes Interesse, auch Multiplex-Müde kommen gerne in sein Kino.

Zudem wurde das Programm des Xenon schon mehrfach mit Prädikaten und Förderungen von Seiten der Bundeskulturstiftung ausgezeichnet. Für Wieske ein Ansporn. „Wir müssen nur noch drei Jahre durchhalten, dann können wir 100-jähriges Jubiläum feiern.“