Büchertisch nach Brandstiftung

Schmökerspenden erbeten

Ana Lichtwer hat lange gesucht. Die 40-Jährige ist zu Attac gegangen, hat Obdachlosen in einer Gemeinde geholfen. Doch das war nicht, was sie suchte: Menschen am gesellschaftlichen Rand helfen und das in einem Projekt, das sich selbst trägt. „Ich habe bei meinen Jobs gemerkt, dass ich nicht meine Arbeitszeit, sondern meine Lebenszeit verkaufe“, sagt die studierte Volkswirtschaftlerin und Slawistin. „Das musste ich ändern.“

Die Idee für ihren eigenen Verein kam schließlich recht zufällig. Der Umzug in eine kleinere Wohnung, viel zu viele Bücher, Versteigerung bei Ebay. „Als wir gesehen haben, wie viel Geld wir dafür bekommen haben, dachten wir, dass sich daraus doch was machen lässt.“ Der Büchertisch war geboren. Eine Initiative, die ausgelesene Schmöker sammelt und an Jugend- und Kultureinrichtungen kostenlos verteilt. Im Oktober 2003 erweiterte Ana Lichtwer ihr Schlafzimmer um eine Büroecke und katalogisierte die ersten Bücher. Im August 2004 gründete sich daraus der „Berliner Büchertisch e. V.“

Seitdem fahren Ana Lichtwer und ihre MitstreiterInnen zu Berliner Haushalten, um geschenkte Bücher einzusammeln und in den inzwischen drei Geschäftsstellen am Mehringdamm, in der Riemannstraße und in der Pankower Berliner Straße zu verkaufen. Der Großteil der Bücher wird aber an Kindergärten, Jugendklubs und Gefängnisbibliotheken verschenkt. Und jedes Kind, das vorbeikommt, darf sich kostenlos ein Buch mit nach Hause nehmen. Der Durchbruch kam mit der Bücher-Verschenk-Kiste, die der Verein auf den Bürgersteig des Mehringdamms stellte. „Da begannen sich die Leute zu fragen, wer so was macht.“ Viele fingen an, für die Bücher Geld zu spenden, einige sich für den Verein zu engagieren. Heute hat Ana Lichtwer zwanzig MitarbeiterInnen – Honorarkräfte, Ein-Euro-JobberInnen, Ehrenamtliche. „Wir beschäftigen viele Langzeitarbeitslose“, sagt Lichtwer. „Wollen sie wieder an Arbeitszeiten gewöhnen, sie bestenfalls auch längerfristig übernehmen.“

Das galt bis zum vergangenen Wochenende. Da zerstörte ein Feuer die Geschäfts- und Verkaufsräume des Vereins am Mehringdamm 51. Massenweise türmen sich dort nun hinter rotem Absperrband zerfledderte und verkokelte Bücher. „Eine Katastrophe“, schüttelt Ana Lichtwer den Kopf. „Drei Jahre Arbeit wurden hier vernichtet.“ Die Polizei spricht von Brandstiftung. „Wir haben keine Ahnung, wer das gewesen sein könnte. Wie liegen doch mit niemandem im Clinch.“ Gut 10.000 Bücher sind durch den Brand zerstört worden. „Was das Feuer nicht geholt hat, ist bei den Löscharbeiten draufgegangen.“

Seit dieser Woche sind die Vereinsmitglieder nun mit Aufräumarbeiten beschäftigt, haben eine Notunterkunft von der Hausverwaltung im Vorderhaus gegenüber zur Verfügung gestellt bekommen, ein Zelt für einen Büchersonderverkauf aufgestellt. Viele Passanten hätten spontan geholfen, doch weitere Spenden seien vonnöten. Bücher, Büromöbel, Telefone – alles wird nach dem Brand gebraucht. Ana Lichtwer denkt jedenfalls nicht daran, aufzugeben. „Wir haben mit nichts angefangen, wir schaffen das auch noch ein zweites Mal.“ Konrad Litschko

Kontakt: Berliner Büchertisch e.V., Mehringdamm 51, oder im Internet: www.berliner-buechertisch.de