Der Seeblogger

Als Funker ist der gebürtige Allgäuer Eduard Henn mehr als 30 Jahre lang zur See gefahren. Heute plagt ihn Rheuma und die Angst vor dem Fernweh. In einem Weblog schreibt er aus St. Pauli über seine Reisen und das Leben auf dem Kiez

VON SILKE BIGALKE

„Stört es dich, wenn ich rauche?“ Eduard Karl Henn beugt sich nach vorne und greift zur roten Zigarettenschachtel, einer Billigmarke. „Das ist meine letzte Packung. Ich höre auf.“ Der 66-Jährige, der sich selbst Opa Edi nennt, rollt in seinem schwarzen Bürostuhl weg von dem niedrigen Glastisch. In seiner kleinen Anderthalbzimmerwohnung im 14. Stock über der Reeperbahn beißt sich der dunkelblaue Teppich mit dem grünen Überwurf auf dem alten Bettsofa. Doch wenn er aufsteht, kann Opa Edi durchs Fenster über die Balkonbrüstung hinweg den Hafen sehen. Mit seiner vorvorletzten Zigarette zwischen den schmalen Lippen schaut er in den rosa gefärbten Abendhimmel. „Nein, hier gehe ich nicht mehr weg“, sagt er. Seine Mundwinkel zucken Richtung Ohrläppchen.

Henn ist in seinem Leben selten längere Zeit an einem Ort geblieben. Als Funker fuhr er 36 Jahre lang zur See. Neben der Wohnzimmertür hängen Fotos von seinen Fahrten: Sidney, die bergige Küste Thailands, Afrika. Gegenüber umrahmen Porträtfotos von jungen Leuten den Computer auf dem Ecktisch. „Das sind meine Lieblinge aus dem Netz“, erklärt Opa Edi. Er schreibt das Weblog „Der Club der halbtoten Dichter“. Den Namen hat er von einem Punk aus seiner Algäuer Heimat. Ihm hat er früher seine Geschichten vorgelesen. Jetzt erzählt Edi im Internet aus seinem Leben.

Mit 17 Jahren meldete sich der gebürtige Kemptener Henn in Wilhelmshaven zur Marine. Er wollte weg vom untreuen Vater und der Familie, die er als Maurerlehrling mit 90 Mark Lehrgeld im Monat ernährte. „Meine Bildung war auf Grundschulniveau“, sagt er. „Aber ich wollte die Welt sehen.“ Mit 18 Jahren wurde der groß gewachsene Mann zum jüngsten Unteroffizier der deutschen Marine. Er lernte Englisch, Französisch und Spanisch.

Edi atmet tief ein. Man hört dieses leise Quietschen, dann hustet der Raucher los. Sein ganzer Körper drückt sich in den Stuhl, die Füße heben vom Boden ab. Wegen des Hustens sei jetzt Schluss mit den Zigaretten, keucht er. Ihm stehen die Tränen in den Augen.

„In einem Taifun sind die größten Schiffe hilflos“, sagt er. „Zwischen riesigen Wänden aus Wasser ist es aus mit dem Heldentum.“ Edi hat einen solchen Taifun ein Mal gestreift. Bei starkem Unwetter gab es an Bord tagelang nichts zu essen, weil die Töpfe in der Kombüse durcheinander flogen. „Wenn alles rausgekotzt ist und nur noch Galle kommt, wollen viele gar nicht mehr leben.“ Bei der Marine hat der junge Offizier seine seekranken Kumpels am Mast festgebunden, damit sie nicht vor Verzweiflung über Bord gingen.

„Übel wird dem Opa, wenn er an die Käsespätzle der Schwaben denkt“, sagt er. Käsespätzle seien schließlich eine Spezialität aus dem Allgäu. Im Internet streitet sich der 66-Jährige darüber mit einem Stuttgarter namens „Poodle“. „Da geht’s richtig zur Sache“, sagt Edi und stellt seine Stimme auf ernst. Richtige Spätzle gebe es nur bei ihm, im „Café Sperrmüll“. So nennt Edi seine Wohnung. Eintrittskarte ist ein Polaroidfoto an der Eingangstür. Wer hier hängt, darf jederzeit auf ein Astra vorbei kommen.

Opa Edi fotografiert nur seine Lieblingsgäste. Viele junge Leute, hauptsächlich Studenten, wollen ihn besuchen, nachdem sie sein Blog gelesen haben. Einige kennt Edi noch aus seiner Zeit als Kurierfahrer. Als er mal keinen Job auf See hatte, fuhr er die Jugendlichen mit dem Dienstwagen abends von der Disco nach Hause. Edi will nirgendwo anders wohnen als auf dem Kiez. „Hier kommen meine Freunde oft vorbei und sehen, ob es schon nach Verwesung riecht.“ Wer in St. Pauli zu lange feiert, schläft einfach auf Opas Bettsofa.

Neben der Tür zur Küche hängt ein Bild von Edis Frau Emma. Mit 21 Jahren hat er sie geheiratet. Da hatte sie schon einen zweijährigen Sohn. „Nach zwei Legislaturperioden habe ich mich geschieden,“ erzählt der Seemann trocken. „Nach acht Jahren.“ Bei der Marine hielt Edi es zwölf Jahre aus, dann wechselte er zur christlichen Seefahrt. „Ich bin kein Soldat.“

Wenn Seeleute in einen Hafen kommen, müssen sie Druck ablassen, sagt der Funker. „In Brasilien oder Mexiko ist das mit den Prostituierten eine ganz andere Sache als hier.“ Edi redet jetzt schneller. Hier in Hamburg müsse man vorher alles aushandeln, sagt er und wippt auf seinem Stuhl. „Ohne BH kostet auf dem Kiez zehn Euro extra.“ In Lateinamerika hingegen lerne man die Mädchen ganz ungezwungen beim Tanzen kennen.

Verliebt hat sich Edi in die Mexikanerin Linda aus Veracruz. In ihrer Blechhütte am Stadtrand teilten sie eine Matratze und hörte den ganzen Tag „Hotel California“. Das scharfe Chili von Lindas Vater ließ dem Seefahrer Tränen in die Augen steigen. In seinem Blog schreibt er: „Nie wieder werde ich so unbeschwert sein können wie in den Tagen von Veracruz.“ Bevor er ablegte, gab er Linda alles Geld, das er bei sich trug. „I’m coming back, I promise“, sagte er zum Abschied. „Das war die größte Lüge meines Lebens.“

Einen Moment lang sitzt der alte Seefahrer ganz ruhig. Ein tiefes, lang gezogenes Tuten ertönt. Edis Mund zieht sich zu einem Grinsen. „Das ist ein Großer“, ruft er im Aufstehen. „Große Schiffe machen tiefe Geräusche, lange Sinuswellen. Die hört man weit.“ Durch sein Fernglas schaut Edi vom Balkon aus zum Hafen. Ein Kreuzfahrtschiff schiebt sich an den orangen Kränen vorbei. Edi dreht den Kopf mit. Als das Schiff weiter weg ist, stellt er das Fernglas weg und stützt sich auf die Brüstung. Seit 13 Jahren plagt ihn das Rheuma. Noch mehr plagt ihn die Angst vor dem Fernweh.

Das Internet lenkt den Funker von Reisereportagen im Fernsehen ab. Den Blog der halbtoten Dichter schreibt Edi seit mehr als einem Jahr. An besonders gute Gastautoren verteilt er gefälschte Äquatortaufscheine. Die bekommt ein Seefahrer sonst nur, wenn er das erste Mal den Äquator überquert.

Über den Blog hat Edi seinen alten Kumpel, den Bootsmann Klaus, wiedergefunden. Klaus hatte seinen eigenen Namen gegoogelt und war auf Edis Lebensgeschichte gestoßen. Die erzählt der Rentner online in 41 Kapiteln. Jeder darf seine Karriere kommentieren, bis auf das letzte Kapitel. Es handelt von Edis jüngerem Sohn Hardy, der vor zwei Jahren an Krebs gestorben ist.

Bevor er starb, habe Hardy vor Schmerzen geschrien. Den Enkel musste Edi damals zu sich nehmen. „Wenn ich Krebs habe, dann mache ich keine Chemo“, sagt er. „Ich bin jetzt für niemanden mehr verantwortlich.“ Er dreht den Stuhl vom Fenster weg zur Wand. Neben dem Schreibtisch liegen auf einem Stapel die Ergebnisse seiner Vorsorgeuntersuchung. Aber er hat noch nicht reingeguckt. „Will ich gar nicht wissen“, murmelt der Opa.

Er will seinen Enkel in Süddeutschland besuchen fahren, doch derzeit fehlt dafür das Geld. Wenn er sich nach einem Besuch dort unten verabschiede, dann habe er immer das Schlucken im Hals, sagt der 66-Jährige. Aber Umziehen? „Hier habe ich alles, was ich brauche“, sagt Edi und greift zur vorletzten Zigarette.

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