Ein Dorf voller Energie

AUS FREIAMT BERNWARD JANZING

Freiamt ist das Paradies für jeden, dessen Herz für die Grünen schlägt. Wald, Wiesen und kristallklare Bäche, die Gemeinde mit ihren gut 4.000 Einwohnern ist eingebettet in die Landschaft der Schwarzwälder Vorbergzone. Vor allem aber wird hier erneuerbare Energie genutzt: Windkraft und Sonne, Biogas, Wasser und Holz – das ganze Spektrum. Längst ist Freiamt zum Stromexporteur geworden. Solaranlagen, Wind- und Wassermühlen produzieren pro Jahr 14 Millionen Kilowattstunden. Nur 11 Millionen verbrauchen die Dorfbewohner. Der Rest geht ins Netz.

Freiamt ist aber auch die Hölle für jeden grünen Parteifunktionär. Denn in der Gemeinde kriegen die Grünen kaum einen Fuß auf den Boden; bei den letzten Kommunalwahlen hatten sie nicht einmal eine eigene Liste im Dorf. Der Gemeinderat setzt sich zusammen, wie man es in einer Landgemeinde von Baden-Württemberg erwartet: 10 von 14 Sitzen sind fest in der Hand von CDU und Freien Wählern, die vier anderen hält die SPD.

Dennoch: Die Entscheidung, auf dem heimischen Schillinger Berg zwei Windkraftanlagen zu bauen, fiel im Gemeinderat einstimmig. „Unsere Bürger sind wertkonservativ und heimatverbunden“, sagt Bürgermeisterin Hannelore Reinbold-Mench. Sie seien konservativ im Sinne von „bewahren“, nicht fortschrittsfeindlich; aber getrieben von einer „ausgeprägt positiven Grundhaltung zur Natur“. Wer hier lebt, hat schließlich vor Augen, was es zu bewahren gilt. Schon vor 200 Jahren hatte der Dichter Johann Peter Hebel vom „Dörflein nahe am Himmel“ geschrieben.

Wyhl als Vorbild

Und für den Erhalt dieser Umwelt wird man hier auch persönlich aktiv. Ernst Leimer etwa. Er ist Vorstand des Vereins zur Förderung der Windenergie. Im Jahre 1997 begann er, sich um die Windkraft am Ort zu bemühen – ein Baustein gegen die Atomkraft, gegen die Klimakatastrophe, zum Erhalt der ländlichen Strukturen. Dass sich Bürgerengagement lohnt, das braucht man den Menschen hier nicht zu erklären: Kaum 20 Kilometer entfernt, im Dörfchen Wyhl, verhinderten die Bürger in den Siebzigerjahren ein Atomkraftwerk.

Heimatliebe und ein wenig badische Aufmüpfigkeit schwingt bei jedem in Freiamt mit. „Mir war wichtig, dass nicht irgendjemand bei uns Windkraftanlagen baut“, sagt Leimer, „sondern dass wir das selbst tun.“ Heute stehen vier Anlagen auf der Gemarkung und sie gehören 303 Bürgern. Viele davon kommen aus dem Ort, einige aus dem Umland. Manche sind nur mit kleinen Beträgen dabei, aber auch sie sind wichtig. Die großen Kapitalgesellschaften, die andernorts Windparks bauen, hatten in Freiamt keine Chance.

Man ist sich meist einig in Freiamt, wenn es um den Ausbau der erneuerbaren Energien geht. 80 Solaranlagen zur Stromerzeugung sind gegenwärtig am Netz, zusammen 800 Kilowatt. Außerdem gibt es rund 150 Solaranlagen zur Wassererwärmung. „Die Aktiven im Förderverein, das sind angesehene Bürger“, sagt die Bürgermeisterin, „und wenn die was vorschlagen, dann hat das Gewicht.“

Das durfte auch Windfreund Leimer erfahren. Nach dem Wind nahm er sich den Solarstrom vor. Er suchte Dächer aus, die sich für Solarstrom eignen. Große Gemeinschaftsanlagen könne man dort bauen, dachte er. Man könne sie mit Geld der Bürger finanzieren, so ähnlich wie es bei der Windkraft lief. Und tatsächlich: Überall, wo Leimer anklopfte, hörte man sich den Vorschlag interessiert an. Nur zu den erhofften Gemeinschaftsanlagen kam es nicht. Denn jedes Mal gaben ihm die Hausbesitzer am Ende einen Korb: „Ist wirklich interessant, aber das machen wir selbst.“

Hier auf dem Land ist man zupacken eben gewohnt. Der Landwirtschaftsbetrieb von Edwin und Elisabeth Schneider montierte sich gleich 30 Kilowatt Photovoltaik aufs Scheunendach. Von einer sechsstelligen Investitionssumme haben sie sich nicht abschrecken lassen. Denn wenn die Kalkulation stimmt, findet sich immer auch eine Bank, die das Geld gibt. Nun reicht der Strom der Schneiders rechnerisch fast für zehn Haushalte.

Auch eine Biogasanlage gibt es längst. Gerhard und Inge Reinbold sind die Betreiber. Bürgermeisterin Reinbold-Mench klärt sofort auf: „Wir sind nicht verwandt und nicht verschwägert.“ In Freiamt heißt man eben Reinbold – wie andernorts Müller oder Meier.

Früher standen bei den Reinbolds 100 Bullen und 350 Mastschweine im Stall. Doch dann ließen BSE und Schweinepest die Preise fallen. Die Reinbolds gaben die Tierhaltung auf, nicht aber ihren Betrieb. Heute sind die Landwirte das, was man gern „Energiewirte“ nennt. Inge Reinbold mag diesen Begriff nicht so recht: „Wir sind immer noch Landwirte“, sagt sie. Denn nach wie vor bewirtschaftet der Hof 70 Hektar. Grünland ist dabei, Maisfelder und Getreideäcker; alles wie gehabt. Nur kommen die Rohstoffe heute nicht mehr in die Ställe, sondern zusammen mit Putenmist vom Nachbarhof in den Fermenter. Dort zersetzen Bakterien die Biomasse zu Methan – ein Gas, das zwei kleine Kraftwerke versorgt. „Die Anlage frisst wie eine Kuh“, sagt Landwirt Gerhard Reinbold. Zweimal am Tag wird sie gefüttert. Es ist wie früher – fast jedenfalls.

Neu ist die positive Energiebilanz der Gemeinde, die durch den Reinboldhof um eine weitere Million Kilowattstunden jährlich verbessert wird – genug für 300 Haushalte. Zudem versorgt die Abwärme der Biogasanlage neun Haushalte in der Nachbarschaft mit Wärme und macht manchen Liter Heizöl überflüssig.

Andere Bürger im Ort haben andere Wege gewählt, um sich von den globalen Energiemärkten abzukoppeln und Wärme aus heimischen Quellen zu nutzen. Walter und Helga Schneider – auch sie Landwirte – heizen ihren Hof mit Holzhackschnitzeln aus dem eigenen Wald. „Einmal im Jahr lasse ich mir den Häcksler kommen“, sagt Walter Schneider, „dann habe ich meinen Keller wieder voll.“ Und der Brennstoff ist noch nicht mal halb so teuer wie Heizöl.

Natürlich kommt auch der Häcksler aus dem Ort. Er gehört einem Unternehmer, der mit seinem Gerät die ganze Region bedient. „Drei solche Häcksler-Unternehmen gibt es hier in Freiamt inzwischen“, sagt Landwirt Schneider. Auch sie sind wichtige Glieder der regionalen Wertschöpfungskette.

Zu tun haben sie genug. Rund 60 private Hackschnitzelanlagen gebe es inzwischen in Freiamt, hat die Bürgermeisterin gezählt. Manchmal erfahre sie eher zufällig, wenn wieder eine neue Anlage installiert wurde – man macht hier im Ort eben nicht so viel Aufhebens um die Dinge. Wegen einer neuen Hackschnitzelanlage kommt der Lokalreporter schon lange nicht mehr vorbei.

Windkraft als Erlebnis

Holz als Brennstoff hat man hier immer genutzt. Und auch die Wasserkraft hat ihre Geschichte – anfangs nur mechanisch, seit gut hundert Jahren auch zur Stromgewinnung. Drei Wasserkraftanlagen laufen heute noch in Freiamt. Die heimischen Rohstoffe werden geschätzt. Deshalb protestierte auch niemand, als 2001 die ersten Windkraftanlagen ans Netz gingen; Freiamt lud stattdessen zum Volksfest ein. Mehr als 3.000 Menschen drängten sich schließlich am Fuße der Anlagen. Es gab einen ökumenischen Gottesdienst, ein Festzelt und Bewirtung durch den Musikverein. Windkraft als Gemeinschaftserlebnis.

Zurück im Tal trifft man auf das Anwesen des örtlichen Bäckers. Friedrich Mellert betreibt noch eine eigene Mühle und zwei Filialen, eine im Ort und eine in der Nachbarschaft. Ein Bäcker mit Tradition – und mit eigener Wasserkraftanlage im Hause. Vor 30 Jahren sei ein Mann vom damaligen Energieversorger Badenwerk gekommen, erinnert sich Mellert. Der wollte seinen Vater überreden, die Wasserkraftanlage doch endlich still zu legen. Strom aus dem Atomkraftwerk sei doch billig und im Überfluss vorhanden. Doch sein Vater habe den Konzern abblitzen lassen, erzählt Friedrich Mellert und ist ein wenig stolz darauf. So steht die Kleinwasserkraftanlage von 1955 noch heute im Keller des Hauses im Freiamter Ortsteil Reichenbach. 60.000 Kilowattstunden erzeugen die Generatoren jährlich und decken damit den Großteil des Strombedarfs der Bäckerei. Sie ist ein wichtiger Baustein der grünen Freiamter Energiebilanz – und eine Perle für jeden Technikhistoriker.