SHEILA MYSOREKAR POLITIK VON UNTEN

Produktionskrise in der Panik-Industrie

Bis vor einer Woche gab es sie noch in Deutschland: krisensichere Arbeitsplätze als Islamkritiker oder Terrorexperte. Jetzt macht Bundespräsident Wulff das einfach kaputt

Christian Wulff gefährdet Arbeitsplätze. „Auch der Islam gehört zu Deutschland“, hat der Bundespräsident in seiner Vereinigungsfeier-Rede gesagt. Ist diesem Mann nicht klar, dass er mit so einer leichtfertigen Bemerkung Arbeitsplätze aufs Spiel setzt? Angstbezogene Berufe brauchen den Islam als Feindbild! Die Panikbranche galt bislang als krisensicher, und jetzt gräbt unser eigener Präsident ihr das Wasser ab.

Bisher konnte man den Kindern sagen: „Wenn du Islamkritiker wirst oder Terrorexperte, dann hast du ausgesorgt bis zur Pension.“ Und jetzt? Im DAX fallen die Kurse für Sarrazine, die Integrationsstatistiker sind auf Kurzarbeit, und wenn es nicht bald einen ordentlichen Terroranschlag gibt, können selbst professionelle Panikmacher Konkurs anmelden.

Das Geschäft heißt Angst. Angst vor Arbeitslosigkeit. Vor Islamisten. Vor der Schweinegrippe. Vor Überfremdung. Vor dem Chef. Vor der Einsamkeit. Vor Moscheen. Vor Straßenschlägern. Vor dem Altwerden. Vor Außerirdischen.

Angst wird generiert. Angst wird uns eingeredet. Angst hat man nicht einfach so, außer vielleicht vor Schlangen. Aber Angst vor Islamisten? Den meisten Deutschen ist noch nie ein echter Islamist über den Weg gelaufen, schon gar kein Bombenleger. Muslime kennt man schon, aber die meisten Muslime haben auch Angst vor Islamisten. Und wenn sie deutsche Muslime sind, kennen sie Attentäter in der Regel auch nur als Ussama Bin Laden aus dem Fernsehen. Genau wie die Christen von der Pfarrei um die Ecke nichts zu tun haben mit diesem wahnsinnigen christlich-fundamentalistischen Priester in den USA, der dauernd Koran-Verbrennungen ankündigt. Apropos: Wenn die E-Book-Reader mal gang und gäbe sind, dann hört das ganz schnell auf mit den Bücherverbrennungen. Man muss nur abwarten und auf die moderne Technik vertrauen. Gut, ne?

Aber zurück zu Politik und Panik. Ein gewiefter Panikmacher stellt „Muslime“ und „Islamisten“ auf die gleiche Stufe; das ist sein Geschäft. Sonst kriegen die Leute ja keine Angst. Zum Beispiel vor Kopftüchern. Die sehen zwar harmlos aus, sind in Wirklichkeit aber stoffgewordene Integrationsverweigerung und deswegen gefährlich. Das verdanken wir den unermüdlichen Arbeitern im panik-industriellen Komplex: Kopftücher gelten heute in Deutschland als bedrohlich für die Demokratie, außer sie werden von Omas auf dem Land getragen. Für Archäologen in 300 Jahren was zum Knobeln.

Aber es ist eine simple Rechnung: Leute, die Angst haben, sind einfach zu regieren. Selbst auf persönlicher Ebene dominiert die Angst: vor Veränderungen, vor Gefühlen oder schlicht: Angst vor der Freiheit. Es ist gar nicht so leicht, Freiheit zu leben, und oft einfacher, weiter im Hamsterrad mitzurennen. Aber so sichern wir ja die Arbeitsplätze in der Hamsterrad-Montage.

Die Autorin ist Journalistin und in der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Foto: Firat Bagdu