Fechten wie die Bösewichte

In Berlin fanden am Wochenende die ersten internationalen Meisterschaften im szenischen Fechten statt – mit historischen Kampfstilen und Kostümen. Der Organisator konsumierte einst selbst Musketierfilme und gewann in der Kategorie „Fantasy“

Es war ein Flyer, der vor neun Jahren das Leben von Karsten Hoffmann nachhaltig verändern sollte. „Fechten wie die Musketiere, Ritter und Edelleute“, lautete die kleine Werbebotschaft. Hoffmann war bereits ein begeisterter Konsument von Musketierfilmen. Nun wollte er aktiv werden. Er ging zum Olympischen Sport-Club Berlin (OSC) zur Abteilung „Szenisches Fechten“. „Das ist eine ganz eigene Welt“, sagt er ganz verklärt. Sie nimmt ihn bis heute gefangen.

Der Geografiestudent Hoffmann verlegte 2002 sein Auslandsjahr nach Frankreich, ins Mutterland des szenischen Fechtens. Hier ficht man schon seit den 80er-Jahren im Wettbewerbsmodus. Das hat ihn dazu inspiriert, in Deutschland die ersten Meisterschaften im szenischen Fechten zu organisieren.

Am Samstag war es nun so weit: Im Freizeit- und Erholungszentrum (FEZ) in Köpenick fand die erste „Internationale Deutsche Meisterschaft im Szenischen Fechten“ statt. 14 Teams aus sieben Ländern traten an. Es ging um die beste Darbietung von Fechtkämpfen innerhalb kleiner Theaterszenen. Kampfstil und Kostüme sollten den historischen Hintergrund verdeutlichen.

Die 400 Zuschauer wurden in ferne Zeiten entführt – damals, als verletztes Ehrgefühl und Edelmut noch etwas galten. Auf der Bühne standen sich Kavaliere und Bösewichte gegenüber, zur besseren Übersicht spielten sie den Kampf auf Leben und Tode oft in weißen und schwarzen Kostümen nach. An Pathos und eindringlicher Begleitmusik wurde nicht gespart.

In der Kategorie „Fantasy“ konnte eher zeitlos oder zukunftsorientiert gefochten werden. Batman und Catwoman traten auf, in fernen Galaxien wurde mit illuminierten Stöcken um sich geschlagen. Als Sieger gingen aus diesem Wettbewerb Karsten Hoffmann und Thomas Mensen mit einem allerdings eher traditionellen Stoff hervor. Sie fochten einen Erbstreit aus.

Die meisten der Anwesenden dürften Karsten Hoffmann diesen Titel gegönnt haben. Denn ohne den 29-Jährigen hätte diese Meisterschaft gar nicht stattgefunden. Der Berliner war maßgeblich an deren Realisierung beteiligt und hielt noch am Tag des Wettkampfes als Aktiver die Fäden der Organisation in der Hand. Umso bemerkenswerter, dass er sich mit seinem Partner noch auf seine eigene Vorführung konzentrieren konnte.

Bewertet wurden die verschiedenen Darstellungen nach einem komplizierten Regelsystem, das grob gesagt zwischen technischen und künstlerischen Aspekten unterscheidet. Für die Zuschauer im FEZ waren die feinen Qualitätsunterschiede der verschiedenen Aufführungen so kaum ersichtlich und der Kampf um halbe Punkte blieb ihnen wohl verborgen. Wer es genau wissen wollte, musste sich über das Ende des Wettkampfes hinaus gedulden. Erst dann konnten die detaillierten Ergebnislisten eingesehen werden.

Selbst für Fachleute sei es schwierig, zu vergleichen, gibt Philip d’Orléans zu. „Ohne diese Kriterien kann ich in vielen Fällen auch nicht sagen, wer besser ist. Das ist dann willkürlich wie beim Schlagerwettbewerb der Eurovision“, sagt der englische Fechtlehrer und Kampfregisseur, der in der Jury saß.

In der Summe erhielt man in Berlin für das fechterische Können die meisten Punkte. Zwei Teams fielen während der Meisterschaft aus dem Rahmen. Das tschechische zeigte die größte fechterische Brillanz, was wenig verwunderte: Es war als einziges mit Profis bestückt, die mit der Fechtkunst bei Film und Theater ihren Lebensunterhalt verdienen. Das andere gefeierte Team waren die „Ritter-Knappen“ aus Gransee. Ein Kinderensemble, welches das Publikum mit pfiffigen Ideen begeisterte. Diese Bandbreite und Offenheit sorgte für den ganz besonderen Charme der Veranstaltung.

Karsten Hoffmann war darüber besonders glücklich. Ein wenig enttäuscht zeigte er sich über den Umstand, dass nur drei deutsche Teams angetreten waren. Eigentlich hat er im Sinn, dass die deutsche Meisterschaft alle zwei Jahre ausgetragen wird. Momentan ist niemand in Sicht, der seine arbeitsaufwendige Rolle übernehmen wollte. Vielleicht war die erste deutsche Meisterschaft im szenischen Fechten zugleich auch die letzte.