Tanz den Metaxas

FARBE DES GESANGS „Rembetiko“ – der neue Comic von David Prudhomme erzählt ein vergessenes Kapitel aus der Zeit der griechischen Obristendiktatur

Der französische Zeichner David Prudhomme erzählt in seiner Comicgeschichte „Rembetiko“ von der Freiheit von Musikern im faschistischen Griechenland 1936. Es ist eine elegische Geschichtsschau über die Möglichkeiten und den Missbrauch der Kunst.

Bei einem Besuch in einem griechischen Restaurant mag es vorkommen, dass im Hintergrund unbemerkt eine Musik läuft, derentwegen im Griechenland der dreißiger Jahre Migranten aus Kleinasien von der faschistischen Diktatur verfolgt wurden. Diese Musik ist der „Rembetiko“, der mit seinem schwermütigen Klang dem Blues oder dem Fado verwandt ist. Er war die Musik der Außenseiter, der Halb- und Unterwelt, mit orientalischen Wurzeln, abgeklärt und melancholisch.

In seiner Comicerzählung, die er erstmals auch selbst schrieb, begleitet David Prudhomme einen trinkseligen Tag lang fünf Rembetes – Musiker, die sich dem Rembetiko verschrieben haben –durch die Straßen Athens. Der Rembetiko erscheint darin als historisches Echo der Lebenskunst von Underdogs, die kaum mehr braucht als ein Instrument, Raum zum Tanzen und die richtigen Drogen.

Gekränkter Nationalismus

Am 13. September 1922 mussten im heutigen Izmir die überlebenden Bewohner des griechischen Viertels vor türkischen Truppen flüchten, die die Stadt nach einer griechischen Invasion 1919 zurückeroberten und in Brand setzten. Anderthalb Millionen Orthodoxe, die ihre Heimat seit Generationen in Kleinasien hatten, emigrierten nach Griechenland. Sie überleben in den Elendsvierteln am Rande der Großstädte, unter ihnen auch türkische Musiker, die im Rembetiko die Musik des Orients und Okzidents miteinander verschmolzen.

1936 hatte der General Ioannis Metaxas ein faschistisches Regime gegründet, in dem der Gesang der Rembetes wie „das Echo der großen Katastrophe von 1922“ klingt, eine nationalistische Demütigung. Deshalb darf der aufsässige Rembete Stavros im Comic nicht mehr öffentlich auftreten. Nachdem er und seine Freunde ihren Kompagnon Markos empfangen haben, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, ziehen sie spielend und tanzend durch ihre Haschischkneipen, bis sie vor der Polizei flüchten müssen.

Musik und Freiheit

David Prudhomme versetzt die Rembetes mit seinen Zeichnungen in eine Welt, in der das Leben in einem bräunlichen Dunkel stattfindet, das von schwarzen Flächen durchzogen wird. Nur wenn die Sänger ein Lied anstimmen, hellen die Worte des Gesangs den düsteren Raum mit himmelblauen Buchstaben auf.

Visuell erinnern die Orte, an die David Prudhomme seine Figuren versetzt, an die raue Wirklichkeit aus den Filmen des italienischen Neorealismus. Auf der einen Seite teilt Prudhomme dessen Programm, indem er das Leiden einfacher Leute unter der Diktatur darstellt. Allerdings geht er einen Schritt weiter und zeigt, welch ein mächtiges Mittel der Rembetiko für die Menschen war, um sich selbst zu behaupten und sogar Furcht bei den Unterdrückern hervorzurufen. In diesem Jahr verlieh man ihm dafür auf dem wichtigsten europäischen Comicfestival in Angoulême den Preis „Regards sur le monde“ („Blicke auf die Welt“).

Für Rembetiko griff David Prudhomme auf reale Biografien zurück, die er zu einer kulturgeschichtlichen Lektion formte. Dabei blickt er allerdings nicht nur zurück, sondern illustriert den Verrat an der Kunst, wenn sie ihres Ursprungs beraubt und kommerzialisiert wird.

Ein Musikagent bringt einen der Rembetes nach New York. Im Epilog, der wie ein Nachruf klingt, bespaßt der Musiker im Wohlstand lebende Exilanten und leidet darunter, dass der Rembetiko fade geworden ist, weil dort kaum jemand den Kampf und den Schmerz kennt, die die Musik ausgemacht haben. Dadurch verkommt sie zu einem Artikel aus dem Souvenirshop, einer Plastik-Akropolis.

Die Bilder von den tanzenden Rembetes sollten den großen Stolz einfangen, mit dem sie den harten Zeiten begegnen. Die Menschen bewegen sich zu einer Musik der geistigen Freiheit und Selbstbehauptung. Dass die Darstellung des Tanzes oder die Anordnung der einzelnen Panels den Fluss der Musik nur sehr, sehr weit entfernt erahnen lassen, ist vor diesem Hintergrund eher Tugend als Makel: Rembetiko ist ein elegischer Nachhall, dessen ursprüngliche Klänge wir bloß erahnen können.