Ehen, an die der Staat nicht glaubt

GRAUE EHE Ob zum Schein oder aus Liebe – die Hintergründe jeder Ehe sind vielfältig. Natasa Drakula zeigt im Kunsthaus Meinblau, was jene durchmachen müssen, denen die Behörden unromantische Motive unterstellen

VON SONJA VOGEL

Anonymität ist die Voraussetzung, um öffentlich über zwischenmenschliche Verhältnisse zu sprechen, denen der Staat mit Misstrauen begegnet. Diesen Umstand nimmt Natasa Drakula in ihrer ersten Einzelausstellung „M For Fake“ zum Anlass, sich der Ästhetik des Scherenschnitts zu bedienen. Sie präsentiert auf Video Interviews mit acht Männern und Frauen. Alle sprechen über ihre Erfahrungen mit einer Zweckehe. Man sieht ihre Silhouetten und man hört sie. Die Sprechenden nennen keine Namen. Was sie sagen, ist strafrechtlich relevant.

Nur der kann in den Verdacht kommen, sich per Eheschließung etwas erschleichen zu wollen, dem Rechte vorenthalten wurden. Wer würde die Heirat aus Steuergründen als Schein verunglimpfen?

„In Frankreich nennt man es die graue Ehe“, sagt Drakula, „weil sie in einem gesellschaftlichen Graubereich stattfindet.“ Die Scheinehe selbst ist kein Straftatbestand. Auch in Deutschland ist vielmehr das „Erschleichen von Aufenthaltstiteln“ strafbar, eine Unterstellung, die jede hierzulande geschlossene binationale Ehe trifft. Es ist dieser Graubereich, der die Interviewten in den Schattenriss zwingt und das Einzelschicksal zum Beispielhaften erhebt. Ihre Motivationen und Bedürfnisse sind unterschiedlich. Gemeinsam ist allen der Verweis auf eine Realität, die Menschen ohne gesicherten Aufenthaltstitel Rechte vorbehält. Eindrucksvoll zeigt die Installation, was Menschen riskieren und opfern, um sich oder andere in eine bessere Ausgangsposition zu bringen. Sie kämpfen gegen behördliche Willkür, verheimlichen, täuschen vor oder inszenieren die perfekte eheliche Harmonie.

Eine Frau aus der Türkei heiratete einen schwulen Deutschen. Er wohnt heute mit seinem Freund in Spanien, sie lebt mit ihrem hier. Die Ehepartner sind damit sehr glücklich. Sie bleiben verheiratet, obwohl es nicht mehr vonnöten ist. Ein junger Mann, der als Kind vor dem Krieg in Bosnien floh, heiratet seine deutsche Freundin, als nach 10 Jahren seine Abschiebung droht. „Es war zwar keine Scheinehe in diesem Sinne. Aber wir haben geheiratet, um zusammen bleiben zu können.“

Immer der Verdacht

Oder das deutsch-ägyptische Paar. Er wohnt in Kairo. Ob sie sich sehen können, bestimmen ausschließlich die deutschen Behörden. Dass eine Frau für das Besuchsvisum eines Mannes bürgt, reicht bereits aus, um das deutsche Konsulat zu alarmieren: „Da ist immer gleich der Verdacht. Und wenn irgendwas merkwürdig ist, muss Geld hinterlegt werden.“ Die Unterstellungen, der finanzielle und bürokratische Aufwand nagen an der Beziehung. Eine Scheinehe? „Ich würde es als romantische Zweckehe bezeichnen. Es ist ja auch Liebe. Nur muss ich dafür nicht verheiratet sein.“ Schließlich ist da die Frau, die, um aus dem sozialistischen Polen zu ihrem Freund ziehen zu können, einen anderen Mann heiratet. Die Verhöre der deutschen Behörden erträgt sie nur unter Beruhigungsmitteln. Als Scheinehe bezeichnet sie ihren Fall nicht: „Es ging ja nicht um die Verbesserung des Lebensstandards, sondern um unsere Familie.“

Besonders deutlich wird die Absurdität des Scheinehevorwurfs, wenn von dem für die Schließung binationaler Ehen vorgesehenen Fragenkatalog berichtet wird. Was isst sie am liebsten zum Frühstück? Was hat er ihr zuletzt geschenkt? Ein Mann: „Wir haben nie zusammengelebt, trotzdem kenne ich ihr Lieblingsparfüm: Kenzo Blau. Ich habe es nie gesehen, nie gerochen.“ Vor diesem Hintergrund wirkt das im Endlosloop laufende Privatvideo von Drakulas eigener Hochzeit geradezu absurd. Zu sehen ist das lächelnde Paar im Standesamt, wie es ausgelassen tanzt, wie es beglückwünscht wird. Die Bilderbuchhochzeit genauso wie die Prozedur der Vertragsunterzeichnung werden so zur Performance. Während die Hochzeitsgesellschaft feiert, liest man im Untertitel: „Wir hatten eine ganz normale Hochzeit, waren aber der Meinung, dass die ständigen Forderungen der Behörden von Anfang an unsere Beziehung belasteten. Heute, 12 Jahre später, sind wir geschieden und gute Freunde.“ Der Scheinehen-Diskurs, so Drakula, unterschlage, dass eine solche Entscheidung für alle Beteiligten eine existenzielle sei. Die „Scheinehe“ lebt von der Unterstellung, die Menschen aussondert. Schließlich kann nur in den Verdacht kommen, sich etwas erschleichen zu wollen, wem fundamentale Rechte vorenthalten wurden. Denn wer würde die gängige Heirat aus Steuergründen als Schein verunglimpfen?

Die Stärke von Drakulas Ausstellung ist nicht das künstlerische Arrangement. Es ist der politische Gehalt. Sie sei froh über Sarazzins Äußerungen, sagt sie, denn sie hoffe auf eine Debatte um Integration, die nicht bei der Bringschuld Zugezogener stehen bleibt. Die Förderung ihrer politischen Kunst sieht sie als Zeichen: „Vielleicht ist eine Zeit gekommen, in der auch ich mich verstanden fühlen kann.“

■ Kunsthaus Meinblau , Christinenstraße 18/19, 10119 Berlin. Bis 17. Oktober. www.meinblau.de