Das Back-up, das man hinterlässt

POP-THEATER Die Schweizer Rockband The bianca Story inszeniert an der Deutschen Oper den Gilgamesch-Epos neu – Sänger Elia Rediger und Sängerin Anna Gosteli freuen sich auf Rock ’n’ Roll im Haus der Hochkultur

Da sag noch einer, der Rock ’n’ Roll sei tot. Da sitzt er doch, quicklebendig in der Frühjahrssonne. Und das ausgerechnet vor der Deutschen Oper. In Person von Elia Rediger und Anna Gosteli, die dort vor einem Glas Tee hocken. Gosteli und Rediger, Sängerin sowie Sänger und Gitarrist der Schweizer Rockband The bianca Story, warten darauf, dass die Probe beginnt.

Derzeit geben The bianca Story ein Gastspiel in der sogenannten Hochkultur: „Wir begrüßen es, dass die Deutsche Oper den Rock ’n’ Roll einlädt“, sagt Elia Rediger und lächelt. Die Band der beiden ist eigentlich längst weit mehr als eine Rockband, denn für Performance- und Multimediaprojekte stehen sie genauso wie für simple Folk- oder Popsongs oder für Happenings. Derzeit inszenieren sie gemeinsam mit Daniel Pfluger, Choreograf der Deutschen Oper, den Gilgamesch-Epos neu. „Gilgamesh must Die!“ heißt das Stück, das nun Premiere feiert.

Im Zentrum der aktuellen Version steht dabei Gilgameschs Suche nach der Unsterblichkeit. Und dann, so Rediger, gehe es auch schnell um die Frage, was man mit seinem eigenen Wirken hinterlasse: „Jeder stellt sich irgendwann die Frage, was von einem bleibt. Gerade als Künstler beschäftigt man sich viel damit, weil man ja etwas schafft, was möglichst überdauern soll.“

Beim Philosophieren wechselt Rediger gern in Digitalzeitalter-Sprech: „Was ist das Back-up, das ich hinterlasse?“, fragt er sich dann. Um festzustellen: „Alles ist endlich, und vielleicht ist das auch gar nicht so schlimm!“

Sänger Elia Rediger hat sich bei der Wahl in seiner Heimatstadt Basel als Kandidat aufstellen lassen. Motto: „Mut, Chaos und Lockerheit für Basel“

Was man von den aus Basel stammenden und heute zeitweilig in Berlin beheimateten The bianca Story zuletzt vernahm, deutete darauf hin, dass zumindest die Band vorerst überdauern wird. Die fünfköpfige Combo, die beim Berliner Label Motor Music unter Vertrag ist, hat kürzlich für ihr drittes Album, „Digger“, eine Crowdfunding-Kampagne erfolgreich beendet. Nichts Besonderes? Nein, erst mal nicht – bis man die Summe hört, die sie über Spenden eingeholt haben: Es waren genau 91.662 Euro.

Dieses Geld ist nicht nur in das Album geflossen, das man auf der Band-Website kostenlos downloaden kann, sondern auch in die Produktion an der Deutschen Oper: Acht Stücke des Albums haben sie in „Gilgamesh Must Die!“ eingearbeitet – Stücke mit Tenorgesang, Balladen, Gothic-Pop, Dance-Pop-Tracks.

Die Kurzversion des Gilgamesch-Mythos, eine der ältesten schriftlich überlieferten Dichtungen, geht so: Gilgamesch ist ein despotischer Herrscher im sumerischen Stadtstaat Uruk. Um den Tyrannen Gilgamesch zu besiegen, erschafft eine Göttin den Steppenmenschen Enkidu. Ein Kampf zwischen Enkidu und Gilgamesch endet unentschieden – fortan werden die beiden Freunde und kämpfen gemeinsam gegen böse Mächte. Nachdem sie beim fröhlichen Metzeln gemeinsam ein Untier besiegt haben, wird Enkidu aber von einer Krankheit befallen und stirbt. Nun versucht Gilgamesch die Unsterblichkeit zu erlangen, um diesem Schicksal zu entgehen. Den Gilgamesch bilden in der Adaption nun 14 gecastete Jugendliche aus dem gesamten Berliner Raum gemeinsam. Inhaltlich entfernt man sich etwas vom Mythos: Es geht nicht nur um Unsterblichkeit, sondern auch darum, das Unmögliche zu erlangen. Man will auf der Bühne Utopien entwickeln, die einem helfen weiterzumachen, durchzuhalten: „Heute geht es ja darum, nicht unterzugehen, nicht depressiv zu werden, sich nicht fertigmachen zu lassen“, erklärt Rediger.

Es ist nicht das erste Theaterstück, das die Schweizer Band an der Deutschen Oper inszeniert: Bereits 2013 haben sie mit „M & The Acid Monks“ einen Text von E.T.A. Hoffmann zu einem Pop-Theaterstück umgeschrieben. Dieses Wandeln zwischen sogenannter Hochkultur und Popkultur ist bei The bianca Story in jüngster Zeit Teil des Konzepts. Sängerin Anna Gosteli sagt: „Uns wird halt schnell langweilig!“ Man dürfe von The bianca Story noch einige Wandlungen und Verwandlungen erwarten. Mit dem Bandnamen bezeichnen sie schließlich auch die noch ungeschriebene Geschichte: Bianca (italienisch) bezieht sich auf ein weißes Blatt Papier, auf eine noch nicht erzählte Story.

Zwischen Kunst und Politik trennen The bianca Story dabei übrigens nicht, denn Rediger hat sich in seiner Heimatstadt in einer Fluxus-Aktion zum Stadtpräsidenten nominieren lassen. „Mut, Chaos und Lockerheit für Basel“ lautete da das Motto des 28-Jährigen, der längere Haare und längeres Barthaar trägt (er erhielt 2.705 Stimmen, mehr als 2 Prozent).

Gerade jetzt, kurz nach dem Volksentscheid in der Schweiz, sei es wichtig, den „Angsthasen“, die es in der Schweiz gebe und die die Zuwanderung für Kriminalität verantwortlich machten, etwas entgegenzusetzen. Als Künstler vertrete man die Schweiz schließlich auch in anderen Ländern. Mit der mythenaufgeladenen Rock-’n’-Roll-Sause, die The bianca Story nun auf die Bühne bringen, dürften sie das eidgenössische Land mal wieder von seiner angenehmeren Seite zeigen.