Schreialarm bei 90 Dezibel

Jedes siebte Baby gilt als Schreikind. Exzessives stundenlanges Brüllen, oft über Monate hinweg, treibt viele Eltern zur Verzweiflung. Um es nicht so weit kommen zu lassen, sollten sie sich frühzeitig Unterstützung suchen. Fachkundige Hilfe bieten Geburtshäuser, Hebammen oder Schreiambulanzen

VON VERENA MÖRATH

Anja und Danny Beck*, beide Ende zwanzig, waren überglücklich, als ihr Wunschkind Jakob gesund zur Welt kam. Doch schon in der Klinik fiel Jakob den Kinderschwestern als extrem „quirliges und lautes“ Kind auf, erzählt Anja. Zu Hause dann schrie Jakob ohne erkennbaren Grund fast nur und war nicht zu beruhigen. Egal, ob im Kinderwagen oder im Auto, im Bett oder auf dem Arm – selbst an der Brust hörte das Schreien nicht auf. „Manchmal brüllte Jakob vier bis sechs Stunden ohne Unterbrechung“, erinnert sich die Mutter an den Schreimarathon. Der Kinderarzt wusste auch nach vielmaliger Konsultation lediglich zu sagen: „Da müssen sie durch, ihr Kind schreit eben mehr als andere.“ Eine Erklärung hatte er nicht.

Tatsächlich können Wissenschaftler betroffenen Eltern keine eindeutige Antwort auf die Frage geben, warum ausgerechnet ihr Kind so viel schreit. Ebenso wenig gibt es eine Standardtherapie oder eine „Wunderpille“, die für sofortige Abhilfe sorgen könnten. Mechthild Papousek, Leiterin der Münchner Schreiambulanz, geht von einem Geflecht aus. Dabei spielen auf Elternseite Konflikte in der Partnerschaft, berufliche und familiäre Probleme, unangemessene Erwartungen an das Baby oder ein schwieriger Schwangerschafts- und Geburtsverlauf eine Rolle. Bei den Kindern sind es zum Beispiel die Fähigkeit, sich selbst zu regulieren, sich vor übermäßigen Reizen zu schützen und einfach einzuschlafen, wenn sie müde sind. Schreikinder gibt es in allen sozialen Schichten, das Problem betrifft Einzelkinder ebenso wie Geschwisterkinder. Im Allgemeinen dauert das exzessive Schreien drei bis vier Monate an, danach wird das Kind meistens ruhiger. Doch so lange sollten Eltern auf keinen Fall ihre Bürde alleine zu tragen versuchen, denn der psychische Druck ist extrem hoch und das Risiko des „Durchdrehens“ nicht zu unterschätzen. Zum Glück ist die Zahl seriöser Anlaufstellen in Schreiambulanzen, Schreisprechstunden in Kliniken, Geburtshäusern, bei Hebammen und Jugendämtern in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.

Ehepaar Beck harrte fast drei Monate aus, bis es von der „Emotionellen Ersten Hilfe“ der Berliner Psychologin Jule Dräger erfuhr, einer Kurzzeittherapie von einer bis zu fünf Sitzungen für Eltern mit Babys und Kleinkindern, die Probleme mit Schreien, Schlafen und Füttern haben. „Wir konnten dort unsere Verzweiflung abladen“, sagt Anja Beck, „und uns wurde die Angst genommen, alles falsch zu machen.“ Während der intensiven Gespräche fanden die Becks zudem heraus, dass sie sich von ihrem brüllenden Wunschkind zu sehr unter Druck setzen ließen, worunter schließlich auch ihre Partnerschaft gelitten hatte. Auf der körperlichen Ebene stärkte Dräger die ausgelaugten Eltern durch Atemübungen und haltgebenden Berührungen. „Ich habe deutlich gespürt, dass zwischen mir und meinem Kind wieder positive Energie fließen kann“, schildert die Mutter die Wirkung der Körperarbeit.

Mit Zauberei hat das nichts zu tun. Dräger, die seit Anfang August die neu eingerichtete „Eltern-Baby-Hilfe“ im St.-Joseph-Krankenhaus in Berlin-Tempelhof leitet, arbeitet nach der Methode des Bremer Psychologen und Körperpsychotherapeuten Thomas Harms. Diese zielt darauf ab, die gestörte Bindung zwischen Eltern und Kind und damit auch die Fähigkeit des Säuglings zur Selbstregulierung zu stärken. Mit der Beratungsstelle will das Krankenhaus auch Misshandlungen von Kindern vorbeugen. Denn überforderte Eltern neigen zu aggressiven Ausbrüchen mit fatalen Folgen.

Dräger entwickelt mit den Betroffenen „Strategien, die zur spezifischen Eltern-Kind-Situation passen“. Anfangs wird ermittelt, wie die Eltern auf die Schreiattacke reagieren, wie es ihnen dabei geht und wie sie sich das Schreien erklären. Dann untersucht Dräger, welche Verspannungen die Eltern entwickeln, und baut diese durch Körperarbeit und Atemtherapie ab. Denn Verspannungen, davon geht die Methode aus, verhindern, dass Eltern angemessen auf die Bedürfnisse und Signale ihres Babys eingehen können.

Bianca und Daniel Goldmann haben das fast vier Monate anhaltende Schreien ihrer Tochter Amelie alleine bewältigt. „Kein Mensch kann sich den Terror wirklich vorstellen“, meint Bianca und gibt offen zu, dass sie kein zweites Kind bekommen hätte, wenn ihr klar gewesen wäre, was auf sie zukommt. Pünktlich um sechs abends habe Amelie begonnen zu schreien, bis zwei Uhr morgens. Ihre fünf Jahre alte Tochter Fabienne bettelte immer wieder: „Mama, hol die Brust raus!“ Mit 90 Dezibel, wie ein Techniker aus der Familie gemessen hat, hielt Amelie alle in Schach.

Von den Schreibaby-Sprechstunden wussten die Goldmanns damals nichts. Ihnen half das Buch der Psychologin Christine Rankl „So beruhige ich mein Baby“. Rankls wichtigster Rat: Kein hektisches Herumtragen, wenig Reize, unbedingt Schnuller anbieten, ein „Nest“ bauen und das Baby auf der Seite lagern. Schrittweise besserte sich die Situation bei Goldmanns, bis nach dreieinhalb Monaten eine „Verwandlung erfolgt“ sei, so die Mutter. Ihr Rat an andere Betroffene: den Tagesablauf des Babys so reizarm und langweilig wie möglich gestalten – und vor allem: rechtzeitig professionelle Hilfe suchen!

* Namen geändert

Eltern-Baby-Hilfe im St.-Joseph-Krankenhaus in Berlin-Tempelhof: (0 30) 78 82 28 59 zwischen 8 und 14.30 Uhr. Tipps zum Umgang mit Schreikindern: www.trostreich.de und www.schreiambulanz.de