Kiffer, Krautrocker und Blumenmädchen

Nur die Gitarre zum Zertrümmern fehlt noch: Zytanien ist das Woodstock des Nordens. Das Open Air, das Gerhard Schröder rettete, hat 20 Jahre Festival-Geschichte auf dem Buckel. An diesem Wochenende lädt die Landkommune wieder in ihre alte Ziegelei

Ein Jahr lang hatte Rudi in der Nähe in einem Erdloch gewohnt, bis ihn einer der Zytanier entdeckte. Natürlich musste erst das Plenum beratschlagen, aber jetzt lebt Rudi in einem Bauwagen auf dem Gelände der ehemaligen Ziegelei nahe der A 2, Abfahrt Lehrte-Ost. Gastfreundschaft schreiben die etwa 15 Leute der Land-WG ohnehin recht groß. Jedes Jahr zu Pfingsten kommen 1.500 Leute aus der ganzen Republik zum traditionellen Feiern nach Zytanien – ohne Einladung. Am Freitag startet hier erneut das je nach Lesart „supergeile Freakkultfestival“, das „Woodstock des Nordens“, das „Open Air der Vogelfreien“ – oder eben, hochoffiziell, „Zytanien“.

Natürlich ist die Zeit der Kiffer, Krautrocker und Blumenmädchen längst vorbei. Aber mehrere tausend Unentwegte werden auch dieses Jahr zum zweitägigen Rocken und Campen rund ums Zytanien erwartet. 20 Jahre Jubiläum, 20 Bands, 20 Euro. Ja, die Preise haben angezogen, sagt Holger Dierks vom Organisationskomitee. Aber: „Wenn Zytanien und das Festival erhalten bleiben sollen, müssen wir Geld investieren“. Die Dächer der alten Ziegelei haben es nötig.

Die Landkommunisten haben nicht nur das Ortsschild entworfen, auf dem „Zytanien statt Lehrte“ steht. Auch die Phantasie-Dekos in der Goa-Halle oder der Ongolito-Bar sind selbst gebastelt. Barden-Alarm, Liedermaching-Contest oder Trommel-Disco: alles eigene Zytanien-Produktionen. Natürlich gibt‘s rund um das quasi vorindustrielle Ambiente auch nur vier Bühnen, Linsen-Bratlinge statt Pommes und marrokanischen Pfefferminztee zum Bier. Je nach Wetter wartet ganz in der Nähe ein bezaubernder See zum Abkühlen. Hauptacts 2006: Der Hip-Hopper Rainer von Vielen, die Cello-Punker von „Guts Pie Earshot“, die Liedermacher von „Holtadiepolta“ oder die Reggae- und Zitar-Band „Psycho Key“.

Zytanien hat Geschichte. „Embryo“ war früher Stammgast, „Mia“ spielte hier, als sie noch keiner kannte. 1985 besetzten drei Leute aus Sievershausen die leer stehende Ziegelei, die mit einer Tonsorte namens Zytanid experimentiert hatte. Die Zytanid-Kügelchen liegen heute noch hier rum.

Gerne erzählen die Zytanier auch die Geschichte mit Gerhard Schröder, der Anfang der 90er Jahre ganz in der Nähe in der Immensener Lüneburger Straße wohnte. Offenbar auf Betreiben seiner Ex-Frau Hillu setzte sich der damalige Ministerpräsident des Landes für die Zytanier ein, als der Besitzer, ein Bauunternehmer, hier eine Deponie für seinen Schutt errichten wollte. Hillu lebt immer noch in Immensen, die Zytanier zahlen seitdem ein bisschen Miete.

Seit Monaten laufen die Vorbereitungen von Martin, dem Trommellehrer, Phillipp, dem Fahrradkurier, den Leuten vom Stelzentheater „Waldwesen“, dem Bühnenverleiher Georgis und Katharina, der Bildhauerin.

Und eben von Holger, dem 40-jährigen Architekten, der jetzt in Objektkunst macht. Gestern bereiteten ihm nur noch die Jimi-Hendrix-Coverer von „3rd Stone Free“ Kopfzerbrechen: „Die wollen eine Gitarre zertrümmern – aber die muss ich noch besorgen“.