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Foucault fand es toll

Werner Schroeter: „Eika Katappa“ & „Der Tod der Maria Malibran“

Ein Fremder war Werner Schroeter in der Szenerie deutscher Jungfilmer, in die er in den späten sechziger Jahren platzte, ein Fremder ist er in Deutschland im Grund bis zu seinem Tod vor wenigen Monaten geblieben. Ein Opernseliger und bedingungsloser Maria-Callas-Verehrer, der auch im Trivialen das Schöne fand, ein hochfahrender Künstlergeniepathetiker und intellektueller Nichtintellektueller, der im Interview mit Daniel Schmid einmal versicherte, dass für ihn „der Film als solcher, als Medium, eh das Langweiligste ist, was es gibt“. Filme als solche hat Schroeter dann auch nicht gedreht, schon gar nicht zu Beginn seiner Karriere.

Da nämlich stehen nach allerlei Kurzfilmexperimenten so einzigartige Zweiundmehrstundenwerke wie „Eika Katappa“ (1969) und „Der Tod der Maria Malibran“ (1971): mächtige Findlinge, ein gutes Stück abseits noch von Werkwahlverwandten und Freunden wie Ulrike Ottinger, Daniel Schmid oder auch Fassbinder, in dessen Filmen Schroeter sehr langhaarig immer mal wieder irgendwo rumsteht. „Eika Katappa“ und „Maria Malibran“ sind nun in der Edition Filmmuseum wieder greifbar, ergänzt um ein Maria-Callas-Fotofilm-Porträt und den langen Kurzfilm „Argila“ (1968) und die Aufzeichnung eines Interviews, das Dietrich Kuhlbrodt 2008 mit dem schon schwerkranken Schroeter geführt hat. (Noch besser: Im Booklet wird eine Schroeter-Werkausgabe „mittelfristig“ in Aussicht gestellt.)

Ein schlüssiges Gesamtkunstwerk von erhabener Sonochnichtdagewesenheit

Über „Der Tod der Maria Malibran“ schreibt ein IMDB-Kommentator, und zwar begeistert: „Alles, was in diesem Film geschieht, geht über meinen Verstand.“ Kein Geringerer als Michel Foucault hat, da war Schroeter in Paris schon zum gefeierten Künstler aus Deutschland geworden, einen Hymnus auf den Film verfasst, mit dem für seine Begriffe das Kino noch einmal neu hätte anfangen dürfen. Naturgemäß sind diese Filme, weil sie so einzig sind, schwer zu beschreiben. Man kann sagen: Es gibt Bilder (16 Millimeter) und es gibt Töne (mono), aber schon bei der Frage nach ihrem Zusammenhang wird es spannend.

Nie nämlich verbinden sich die gefilmte Szenerie in Innen- und Außenräumen und der ihr zugesellte Klang aus Dialog oder Musik als naht- und saumloser Originalton. Eher sucht Schroeter mit Fleiß Nähte und Säume und inszeniert ein aufreibendes Spiel von Nähe und Ferne des Bilds und des Tons. In „Eika Katappa“ zum Beispiel werden in freier Natur Höhepunkte aus Opern („Rigoletto“, „Tosca“), aber auch Nibelungenmythisches von charismatischen Superstar-Laien wie Magdalena Montezuma und Carla Aulaulu nachgespielt. (Auch Musik von Caterina Valente gibt es. Und von Penderecki.) Die DarstellerInnen bewegen die Lippen dazu und Montezuma trägt einen Buckel und den Wahnsinn in ihren Gesten, aber synchron ist das nicht und irgendwann wird auf der Tonspur weitergesungen, aber die Lippen bewegen sich nicht mehr dazu.

Körperteile, Körper. Lippen, Gesten, geschminkte Gesichter. Kunstblut, Sterben und Tod, Christine Kaufmann hält sich ein Messer an die Kehle, plastisch und farbig vor schwarzem Bildhintergrund. In Innenräume zwischen Cabaret und Folterkammer und Theaterbühne sind die Figuren mal einzeln, mal zu zweit am Anfang von „Der Tod der Maria Malibran“ gruppiert. Küsse wie Bisse, opernmusiklippenbewegt. (Später geht es ins Freie, in den Winter, in eine Seelandschaft in Totalansicht.) Hier aber, am hochkonzentrierten Beginn, löst Schroeter den konventionellen Zusammenhang des eh langweiligsten Mediums in die Bestandteile Gesicht und Gesang, Melos und Pathos, Körper und Klang erst auf und synthetisiert das Ganze aber im Handumdrehen auch gleich wieder zu einem assoziativ schlüssigen Gesamtkunstwerk von erhabener Sonochnichtdagewesenheit. Mit übrigens sehr einfachen Mitteln, zu Herzen gehend artifiziell und stets all’italiana, nicht wagnerianisch-teutonisch.

„Der Tod der Maria Malibran“, das steht fest, ist ein Film, dessen man mit Sinnen oder Verstand niemals Herr wird. Man ergibt sich ihm oder lässt es. Und wer es lässt, hat etwas ganz und gar Eigenes dann halt verpasst.

EKKEHARD KNÖRER

■ Die Doppel-DVD-Edition bekommt man bei www.edition-filmmuseum.com für 29,95 Euro