Hisbollah existiert weiter

KOMMENTAR VON URI AVNERY

Theoretisch ist der Kampf zwischen Israels Armee und der schiitischen Hisbollah-Guerilla im Libanon unentschieden ausgegangen. Keine Seite hat die weiße Fahne gehisst. Aber: Wenn ein Boxer der Federgewichtsklasse in einem Kampf gegen einem Meister der Schwergewichtsklasse in der 12. Runde immer noch steht, dann ist das ein Erfolg – egal was die Punktwertung im Einzelnen besagt.

In den vergangenen 33 Kriegstagen hat sich gezeigt, dass die mächtige israelische Armee nicht in der Lage ist, ein paar tausend Kämpfer der Hisbollah im benachbarten Libanon zu besiegen. Dieselbe Armee hat seit 1949 die Streitkräfte Ägyptens, Jordaniens und Syriens mehrmals in viel weniger Tagen geschlagen.

Das hat das Haupt-Kriegsziel Israels zunichte gemacht: die Abschreckungskraft der israelischen Streitkräfte wiederherzustellen. Guerilla-Kämpfer überall, besonders aber in Palästina, werden jetzt neuen Mut fassen. Bisher kam nie jemand dem israelischen Kämpfer gleich. Jetzt hat sich gezeigt, dass die Hisbollah-Kämpfer auch im Nahkampf ihren israelischen Gegnern gewachsen sind.

Der politische Erfolg eines Krieges entspricht den militärischen Tatsachen. Die Militäraktion Israels hat nur einen sehr fraglichen Teilerfolg gebracht: Hisbollahs gelbe Fahnen werden in Zukunft nicht mehr ein paar Meter von der israelischen Grenze entfernt wehen. Stattdessen wird dort die libanesische Armee stehen, eine internationale Truppe wird sie verstärken. Aber: Die Hisbollah-Kämpfer werden, als Zivilisten getarnt, zurückkommen.

Die libanesische Armee, zum Teil aus Schiiten bestehend, wird sich nicht mit ihnen schlagen. Die internationale Truppe muss sich mit Hisbollah verständigen, sonst kommt es zu einer neuen Guerilla, den diese Truppe nicht gewinnen kann. Genauso wenig wie die israelische Armee.

Die Hauptsache ist: Hisbollah existiert weiter. Sie bleibt bewaffnet. Sie wird die stärkste Macht in Libanon sein. Und: Ihr Ruf in der arabischen Welt ist legendär.

Der Autor, 1923 in Beckum (Westfalen) geboren, ist israelischer Friedensaktivist, Träger des Alternativen Nobelpreises und des Palästinensischen Preises für Menschenrechte