TANIA MARTINI LEUCHTEN DER MENSCHHEIT

Eine List ohne Subjekt

Die Masse hat einen schlechten Ruf. Von Gustave Le Bon bis Sigmund Freud und Elias Canetti attestierte man ihr fehlendes Reflexionsvermögen, Uniformität und Furcht oder sah in ihr den dumpfen Empfänger kulturindustrieller Befehle. Revolutionstheoretikern war sie andererseits das zum Subjekt formbare Rohmaterial. Bewusstsein und Organisation waren dann die Schlagworte, und man hielt sich so sehr mit dem Bewusstsein auf, dass der Materialismus durch die Hintertür entsorgt wurde.

Damit war hier wie dort das Stichwort Uniformität, und wie Toni Negri könnte man schlussfolgern, dass neue Konzepte und Begriffe notwendig sind. Anders der französische Soziologe Jean Baudrillard. In seinem Aufsatz „Im Schatten der schweigenden Mehrheit oder Das Ende des Sozialen“ von 1978, der nun in Buchform vorliegt (Matthes & Seitz 2010), spricht er von der Masse als „vakuumverpackter Ansammlung von individuellen Partikeln, Abfällen des Sozialen und Medienimpulsen“. Die Masse sei ein „schwarzes Loch, in dem das Soziale untergeht“, eine Macht, in der alles absorbiert und neutralisiert werde. Und dennoch ist ihm die Masse nicht die verdummte, als die sie, so Baudrillard, Soziologen und Utopisten sehen wollten. Nein, als „Nullpunkt der Geschichte“ verkörpert sie das Nichtpolitisierbare und nicht mehr Repräsentierbare. Und genau daraus leitet er ihre Stärke ab. Indem die Masse alles absorbiere, sei sie nicht vereinnahmbar, vielmehr sei in ihr eine List am Werk. Gerade ihre „Hyperkonformität“ sei es, die das Potenzial in sich trage, alles zum Einsturz zu bringen.

Nun lässt sich fragen, was aus dieser theoretischen Anstrengung folgt. Hat die Loveparade einen sozialen Mehrwert? Reißen die Massentouristen Grenzen nieder? Ist die Masse progressiv? Bei Baudrillard fällt mir eine alte Denunziation ein, die mal die gesamte französische Postmoderne treffen sollte: Air France. Heiße Luft. Das ist alles.

Die Autorin ist Kulturredakteurin der taz Foto: privat