Oh, diese Pariserinnen! Oh, diese Nazis!

STARAUFGEBOT Mit pupsenden Oboen und lustigen Bill-Murray-Gesichtern: George Clooney zieht in seinem Raubkunst-Roadmovie „The Monuments Men“ alle Register der knarzigen Heiterkeit (außer Konkurrenz)

Das seifige Parademarschmotiv verfolgt einen noch Stunden später. Es hätte eigentlich in eine Volksfest-Szene einer 50er-Jahre-TV-Westernserie gehört. Solcherart stupide Stock-Music illustriert eigentlich alle Szenen in George Clooneys heiter besinnlichem Stück über einen verschworenen Haufen knarzig-charmanter Altdarsteller der ersten Liga (Bill Murray, John Goodman, er selbst), die im zu Ende gehenden Zweiten Weltkrieg im Auftrag der US-Armee Kunstschätze der allerersten Liga (Vermeer, Michelangelo, Van Eyck) vor fliehenden dämonischen Nazis und herannahenden russischen Minderzivilisierten retten.

Der aus Nazideutschland geflüchtete jüdische Deutsche erzählt von seiner Kindheit. Eine heitere Querflöte antwortet auf seine schmunzelnde, dem Großvater zugeschriebene Bemerkung, dass er für den Rembrandt im Karlsruher Museum noch zu klein gewesen sei. Doch dann sei ganz Europa für Hitler nicht groß genug gewesen. (Kann jemand bitte George Clooney mit einem nassen Drehbuch erschlagen?) Nun klingt die Querflöte besorgt; dunkle Holzbläser steigen regenwolkengleich ein. Es folgt die Andeutung, dass der in Deutschland zurückgebliebene Großvater möglicherweise im KZ umgekommen sei. Ein seufzendes Moll sorgt anschließend für Gewissheit. Doch noch in derselben Einstellung wird es wieder heiterer: Quakend pupsend kündigt eine Oboe einen lustigen Gesichtsausdruck von John Goodman an. Oder etwas Ähnliches. Vielleicht einen lustigen Gesichtsausdruck von Bill Murray?

Wie in jedem Expeditionsfilm müssen die weniger bekannten Schauspieler für die gemeinsame Sache sterben. Die anderen haben so die Gelegenheit, häufiger darüber zu reden, ob ein Kunstwerk ein Menschenleben wert sei. Beantwortet wird dies zirkelschlüssig so: einer der leicht zu opfernden, weniger bekannten Schauspieler spielt einen trunksüchtigen, gewissermaßen gefallenen Kunsthistoriker, der seine „Würde“ zurückgewinnt, indem er sich so intensiv für ein Kunstwerk einsetzt (psychologischerweise auch noch eine Madonna), dass er schließlich sein wertloses Leben gegen die ewige Würde eintauscht. Der Wert des Kunstwerks leitet sich also aus der Tatsache ab, dass es einem Menschen so viel bedeutet wie das eigene Leben. Daraus leitet wiederum der Clooney-Charakter etwa 23 lustige Goodman- und Murray-Gesichter später ab, dass diese Kunstwerke doch so viel wert sein müssen wie unser Leben.

Nervig wie ein Großvater

Dass Trunkenbolde ihr Leben verwirkt haben, aber noch die Chance haben, sich für die höhere Sache zu opfern, ist so altbekannt, dass man zunächst überrascht erschreckt: Ich wusste gar nicht, dass solche Filme noch gemacht werden. Dann stellt man fest, dass dieser Film eben nicht gemacht ist wie ein alter Film, sondern wie einer, der uns vorkommen soll wie ein alter Film. So unbezweifelbar legitim und heiter-knarzig wie ein nervtötender Großvater. Eine große, gewaltsame Gemütlichkeit macht sich breit, die man vielleicht ertragen könnte, wenn man sie mit 38,5 Grad Fieber im Krankenbett fernsehend erleben müsste.

Vielleicht wäre man dann auch für die diversen unsittlichen Tearjerk-Versuche empfänglicher, für die Weihnachten-an-der-Front- und Ich-hatt’-einen-Kameraden-Situationen. Sie betreffen allerdings immer nur diese Männer: Als einmal ein Kübel Zahngold gefunden wird, müssen Flöten oder Streicher nachreichen, dass es damit eine ernste Bewandtnis hat.

Das jüngste Mitglied dieser Anti-Gurlitt-Brigade, Matt Damon, lernt auch noch eine stolze, traumatisierte Pariser Kuratorin kennen: Die einzige weibliche Figur denkt aber nur an Sex und die französische Nation, sie misstraut den amerikanischen Kunstrettern (Mitleid mit Cate Blanchett!). Erst in einer lauen Frühlingsnacht ist sie bereit, eine Liste rauszurücken, die zu den Schätzen führt. Oh, diese Pariserinnen!

Ob es irgendwelche guten Gründe gibt, so verrückt nach Kunst zu sein (oder nach der Nation, als deren Schätze sie gerettet werden muss), wird nicht mal andiskutiert („Grundlage der modernen Zivilisation“ – ach so!), weder auf der visuellen Ebene der Attraktionen noch in der Erzählung. Einzig die gemütliche Arschlochvisage eines hervorragend als ugly German gecasteten Hermann Göring (Udo Kroschwald) gibt uns von diesen Gründen eine Ahnung, wenn sein Blick begierig an frischen Beutestücken vorbeigleitet, die er für Carinhall requirieren will, und dann an einer Flasche Champagner hängen bleibt. Oh, diese Nazis!