Ein Torgauer will reden

AUS TORGAU MATTHIAS LOHRE
UND BETTY PABST (FOTOS)

Er hätte weiter schweigen können. Niemand hätte vermutet, dass hinter Ralf Webers Fassade aus Muskeln und Tätowierungen eine Geschichte der Demütigung steckt. Denn wer erzählt schon gern, wie ihm ein Erzieher mit dem schweren Schlüsselbund auf Penis und Hoden schlug? Oder wie er im strengen Winter 1971/72 eine Woche Einzelarrest erdulden musste? Wer erzählt schon gern, wie er sich da, 16-jährig, zitternd den Tod wünschte, um die Demütigung und die Hilflosigkeit nicht mehr spüren zu müssen? Ralf Weber spricht darüber.

In den Saal des ehemaligen Geschlossenen Jugendwerkhofs im sächsischen Torgau scheint die Sonne. 20 Gymnasiasten sitzen in den Stuhlreihen, sie hören Ralf Weber zu. Er erzählt eine traurige Geschichte aus einem untergegangenen Land. Das Land hieß DDR, und die Geschichte endete erst im Wendewinter 1989/90. Für Weber ist sie bis heute nicht zu Ende. „Mein Vater trank, zerstörte unsere Familie und ging in den Westen, als ich noch ein Kind war“, sagt er. „Mit 6 kam ich zum ersten Mal in ein Heim. Das letzte habe ich mit 17 verlassen. Aber die schlimmsten viereinhalb Monate, die habe ich hier verbracht, im einzigen Geschlossenen Jugendwerkhof der DDR.“

Weber ist auf Einladung der Torgauer Erinnerungs- und Begegnungsstätte hier. Breitbeinig steht er vor den Zuhörern. Beim Reden zeigt er auf Holzpritschen und hohe Mauern, die es nicht mehr gibt. Weber will nicht, dass die Zeit über sein Schicksal hinweggeht und über das von 4.045 anderen Jungen und Mädchen.

„Zur Begrüßung in Torgau kam ich sieben Tage in Einzelarrest“, erzählt er den 14- bis 17-Jährigen. Sie sind so alt wie er und seine Mitinsassen damals. „Die Haare wurden mir geschoren, ich hatte nur eine Hose, ein Hemd und ein Paar Schuhe ohne Schnürsenkel.“ Die Worte sprudeln aus dem Zimmermann heraus. Einmal beschworen, will die Vergangenheit nicht mehr weichen. Alles will er erzählen, die ganze Geschichte des Jugendwerkhofs, die auch seine ist.

Torgau, das war die Endstation für widerspenstige Heranwachsende, mit denen die DDR-Jugendhilfe nicht zurechtkam. Von 1964 bis 1989 pferchte Margot Honeckers Volksbildungsministerium hier 14- bis 17-Jährige ein. Drei kleine Delikte, etwa heimliches Zigarettenrauchen, genügten schon für eine Überweisung aus weniger verrufenen Jugendwerkhöfen in das ehemalige Gefängnis. Hierher kamen verstörte Heimkinder, bockige Punks und Jugendliche, die aus der FDJ ausgetreten waren. Hier sollten sie zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ reifen – in Gefängnistrakten, die seit der Kaiserzeit ungezählte Verurteilte gesehen hatten. Auch die jungen Menschen, die hierher kamen, erwartete Häftlingskluft. Doch sie waren Häftlinge ohne Verfahren und Schuldspruch. In vielen Fällen genügte ein Telefonat zwischen dem Torgauer „Spezialheim“ und der Jugendhilfe. Schriftliche Einweisungsbescheide waren Formsache, Eltern erfuhren oft erst nach Wochen, wo ihr Kind war. „Ich war bestimmt kein Engel“, sagt Weber. „Aber warum ich nach Torgau kam, weiß ich bis heute nicht.“

Mit Redeverbot, Schlägen und der Aussicht auf bis zu 14 Tage Einzelarrest trieb das Wachpersonal die Jugendlichen zur Akkordarbeit an: Lampen für die Volksmarine mussten sie zusammenbauen. Wer redete, dem drohte die Dunkelzelle.

All das kann man nicht mehr sehen. Aus dem Zellenbau wurden in den 90er-Jahren Eigentumswohnungen, auf deren hölzernen Balkons die neuen Bewohner heute ihre Wäsche aufhängen. Auch die fünf Meter hohe Außenmauer gibt es nicht mehr, ebenso wenig die Wachtürme und die „Sturmbahn“. Wo früher der Jungenschlafsaal und die Arrestzellen waren, sind heute Wohnzimmer und Partykeller.

Bockige Punks sollten zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ reifenDas Gericht urteilte: Niemand hat es verdient, so behandelt zu werden

Wenige Meter entfernt steht Weber in der Sonne, er hat Pause. Drinnen schauen sich die Schüler gerade die Dauerausstellung an – eine Holzpritsche mit hingekritzelten Hilferufen junger Mädchen, ein Blick in eine Einzelzelle, alte Fotos. Hier, auf einem Parkplatz, der für ihn kein Parkplatz ist, will Weber zeigen, wie es damals war. „Morgens und nachmittags jagten uns die so genannten Erzieher über den Schotterhof“, sagt er, „immer im Kreis.“ Mit der Hand zieht er entlang der gepflasterten Ebene eine Bahn nach, die nur er sehen kann. „Zwischen fünf Meter hohen Gefängnismauern, auf denen eingelassene Glassplitter thronten.“

Mancher hielt das nicht aus. Mindestens ein Insasse nahm sich nachweislich das Leben: Er verbarrikadierte sich in einem Zimmer, zündete es an und verbrannte. Andere tranken Lack oder schluckten Nägel. Krankenhaus oder Psychiatrie, Hauptsache, raus hier. Bis zu 500 Liegestütze, Kniebeugen und Strecksprünge, das war der berüchtigte „Torgauer Dreier“, hinzu kamen unzählige Runden auf der „Sturmbahn“. „Wir mussten unter Stacheldraht durchkriechen, einer der Erzieher drückte mir mit dem Fuß den Draht auf den Rücken“, sagt Weber. Der 51-Jährige hört nicht mehr auf zu reden. Den bärenstarken Mann treibt die Angst um, die Geschehnisse im Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau könnten verdrängt werden. Wie es schon einmal war.

In der DDR war das Vorurteil weit verbreitet: Wer im Jugendwerkhof sitzt, der wird schon was verbrochen haben. Erst recht die „Torgauer“, die Schlimmsten von allen. Viele von ihnen leiden noch heute unter diesem Stigma, nur zögerlich legen sie ihre Scham ab. So wie Ralf Weber begreifen manche: Nicht ich bin unwürdig. Meine Behandlung durch die brutalen Aufseher war es. Doch diese Einsicht bei Ehemaligen und Behörden wächst nur langsam. Selbst Webers 17-jährige Tochter weiß erst seit kurzem, was ihrem Vater lange vor ihrer Geburt hier widerfahren ist. „Meinen Schwiegereltern verschweige ich es bis heute“, sagt er. Dabei war er es, der mit seiner Klage vieles verändert hat.

Bei einem Arbeitsunfall hatte sich Weber 1993 die Muskeln im rechten Oberschenkel durchtrennt. Der Mann, der im Heim gelernt hatte, immer stark zu wirken, war plötzlich Frührentner. Als ihm die Rentenbeitragszahlungen für seine Zeit als „Werkhöfler“ nicht anerkannt wurden, klagte sich Weber durch die Instanzen.

Bis er im Dezember 2004 eine wegweisende Entscheidung erstritten hatte. Das Berliner Kammergericht urteilte: Die Einweisung in den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau war generell rechtsstaatswidrig. Niemand hat es verdient, so behandelt zu werden. Egal, was sie oder er zuvor getan hat.

Trotz Webers ermutigendem Beispiel haben seit der Entscheidung nur wenige ehemalige Insassen ihre Rehabilitierung beantragt. Viele tragen bis heute schwer an dem Makel, ein „Torgauer“ gewesen zu sein. Damit geht man nicht an die Öffentlichkeit, bis heute nicht. Für Weber aber war das Urteil „das schönste Weihnachtsgeschenk, das ich mir vorstellen konnte.“

Um die Erinnerung stünde es noch schlechter, wäre da nicht eine Hand voll engagierter ehemaliger Insassen. Und eine junge Torgauerin: Claudia Linke, lange, braune Haare, randlose Brille. Die 28-Jährige sieht aus, als habe sie ihr Geschichtsstudium noch nicht hinter sich. Aber die Frau, die im Wendewinter 11 Jahre alt war, leitet seit zwei Jahren zielstrebig die kleine Gedenkstätte im früheren Verwaltungstrakt des Werkhofs. In der Garnisonsstadt Torgau, die heute vor allem für das erste Aufeinandertreffen amerikanischer und sowjetischer Soldaten im April 1945 bekannt ist, nicht für eine jahrhundertelange Tradition, Gefangene und Untertanen heranzuzüchten. In Kasernen, Lagern, Gefängnissen – und im Jugendwerkhof. Hier will die Historikerin zeigen, wohin Autoritätsdenken führen kann. Ohne Pathos, einfach indem sie Gruppen durch die Ausstellungsräume führt und Zeitzeugen wie Ralf Weber bittet zu erzählen. Ein Verein trägt die 1998 eröffnete Gedenkstätte und gab das Startkapital. Zwei Frauen unterstützen Linke, auf ABM-Basis. Für mehr reicht das Geld nicht. Und das ist das Problem.

„Noch finanzieren Stadt, Freistaat Sachsen und Bund unsere Arbeit“, sagt Claudia Linke, als es wieder still ist in der Gedenkstätte. Die Schüler sind fort, jetzt muss sie Schreibarbeit erledigen. In ihrem Büro saßen früher die Wachmannschaften. Linke braucht Geld für die Gedenkstätte, den Großteil der Summe zahlt das Sächsische Sozialministerium. „Aber das kann uns“, sagt sie mit einem Schulterzucken, „jederzeit den Boden unter den Füßen wegziehen.“ Jedes Jahr muss sie einen neuen Antrag stellen – Bewilligung ungewiss.

Im September 2005 schrieb Linke gemeinsam mit früheren Insassen einen offenen Brief an Sachsens CDU-Ministerpräsidenten Georg Milbradt. Sie wollten Planungs-, also Finanzsicherheit. Als Antwort gab es bislang nur ein einseitiges Schreiben mit ein paar unverbindlichen Sätzen: „Damit Gedenken und Erinnerung an die Opfer der DDR-Heimerziehung auch weiterhin möglich sind, ist der Freistaat Sachsen auch künftig am Erhalt der Gedenkstätte interessiert.“ Das war im Oktober.

Nur wenn Dresden das Torgauer Projekt als „förderungsfähig“ einschätzt, gibt der Kulturstaatsminister aus Berlin Geld dazu. So lange weiß niemand hier, ob es die Gedenkstätte im kommenden Jahr noch gibt. Die Räume sind nur angemietet.

Während die Leiterin vom Kampf mit den Bürokraten erzählt, sitzt Ralf Weber mit am Tisch und trinkt Kaffee. Er versucht, sich zurückzuhalten, wirklich, aber er kann nicht. „Anfang des Jahres“, bricht es aus ihm heraus, „kamen Leute vom Torgauer Stadtrat in die Gedenkstätte. Sie schauten sich die Ausstellung an, sie sahen die Pritschen mit den hingekritzelten Hilferufen. Sie alle aßen hier zu Mittag, wir erzählten ihnen unsere Geschichte. Am Ende“, sagt er und schüttelt den mächtigen Kopf, „am Ende kam ein Stadtrat auf mich zu und sagte: ,Aber eins müssen Sie zugeben: Sie waren doch nicht unschuldig hier.‘ “