Kultusgemeinde kritisiert Stolpersteine

Die „Stolpersteine“ des Künstlers Gunter Demnig sollen das Bewusstsein für den Holocaust in den Alltag holen. Die Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Göttingen aber lehnt die Gedenkplatten ab: „Die Namen werden mit Unrat überzogen“

aus Göttingen REIMAR PAUL

Seit 15 Jahren verlegt der Kölner Künstler Gunter Demnig vor Häusern, in denen von den Nationalsozialisten vertriebene oder ermordete Menschen lebten, so genannte „Stolpersteine“. Schon in mehr als 100 deutschen Städten und Dörfern hat er die Betonquader in das Straßenpflaster oder in die Bürgersteige eingelassen. Auf die zehn mal zehn Zentimeter große Oberfläche der Würfel hat Demnig Messingplatten montiert. Sie enthalten den Namen und andere Daten des jeweiligen Naziopfers, das dort wohnte. Demnig, der jeden Stein selbst anfertigt, will so das Bewusstsein für den Judenmord aus den Gedenkstätten in den Alltag holen. „Auschwitz war der Ziel- und Endpunkt, aber in den Wohnungen und Häusern begann das Unfassbare, das Grauen“, sagt er.

Allerdings will nicht jeder die dunklen Kapitel deutscher Geschichte derart erhellt sehen. In Halle (Sachsen-Anhalt) entwendeten Rechtsradikale über Nacht sämtliche Gedenkplatten. Auch in Köln, Berlin und Hamburg wurden Steine wieder ausgegraben. In Köln klagte ein Anwalt gegen die Gedenksteine vor seinem Haus, weil sie Passanten angeblich vom Betrachten seines Vorgartens abhielten.

Knapp 100 Euro berechnet Demnig für jeden „Stolperstein“, meistens wird das Setzen der Steine von Bürgerinitiativen oder über „Patenschaften“ finanziert. In vielen Orten begleiten die jüdischen Gemeinschaften die Aktion mit Wohlwollen. Die „Stolpersteine“ könnten für Passanten eine Anregung sein, sich mit der Geschichte ihrer Stadt zu beschäftigen, sagt etwa die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Braunschweig, Renate Wagner-Redding. Die US-amerikanische „Obermayer Foundation“ zeichnete Demnig mit dem „German Jewish History Award“ aus, die für Nichtjuden gestiftete Auszeichnung ist mit 5.000 Euro dotiert.

Die Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde für Göttingen und Südniedersachsen, Eva Tichauer Moritz, hält die „Stolpersteine“ dagegen überhaupt nicht für preiswürdig. Sie übt vielmehr scharfe Kritik an der Aktion. „Stolpersteine auf dem Fußboden bedeuten, dass sie mit Füßen getreten werden, vielleicht bespuckt, mit Kaugummi überklebt, verdreckt“, sagt Tichauer Moritz. „Noch einmal werden die Namen mit Unrat überzogen.“ Anlass für Tichauers Äußerungen waren Berichte, dass auch in den südniedersächsischen Städten Duderstadt und Northeim demnächst „Stolpersteine“ verlegt werden sollen.

Sie habe während der Nazi-Diktatur 19 Familienmitglieder verloren, erzählt Tichauer Moritz. „Niemals würde ich akzeptieren, dass deren Namen auf Straßen liegen“. Erinnerung müsse „auf Augenhöhe“ erfolgen. So gebe es an einer Hauswand in der niedersächsischen Kleinstadt Hann. Münden eine „eindrucksvolle Tafel“ mit dem Namen, Geburts- und Todesdatum eines jungen Mannes, der von der SA in den Fluss getrieben worden sei.

In vielen Städten seien die jüdischen Gemeinden nicht einmal gefragt worden, ob sie mit der Aktion „Stolpersteine“ einverstanden seien, beklagt Tichauer Moritz. „Gut meinende Menschen haben einfach entschieden, und so wurden die Steine verlegt.“ „Wenn ein Nachfahre eine schriftliche Erlaubnis gibt, dann kann der Stein gelegt werden, wenn die Initiatoren es nicht lassen können. Wenn keine Nachfahren da sind, sollten alle die Finger davon lassen. Anderenfalls ist nicht ausgeschlossen, dass sich einige der Toten noch im Grabe drehen.“

In Göttingen hatte bereits vor vier Jahren die Jüdische Gemeinde gegen das Vorhaben interveniert, Vorsitzende war seinerzeit Tichauer Moritz. Sie befürchtete schon damals, dass mit den „Stolpersteinen“ die jüdische Kultur und der in vielen jüdischen Namen enthaltene Name Gottes mit Füßen getreten würden. Auch mehrere Holocaust-Überlebende aus Göttingen hätten nicht gewollt, dass mit den „Stolpersteinen“ ihrer Angehörigen gedacht werde.

Nach heftigem Richtungsstreit in der Jüdischen Gemeinde Göttingen hatte Tichauer Moritz vor rund einem Jahr die konservative Jüdische Kultusgemeinde für Göttingen und Südniedersachsen ins Leben gerufen. Sie hat nach eigenen Angaben etwa 50 Mitglieder. Die seit 1994 in der Stadt bestehende Jüdische Gemeinde mit mehreren hundert Mitgliedern ist dagegen liberal ausgerichtet und Mitglied in der reformjüdischen Union Progressiver Juden.