Erlösung in der Klanglandschaft

ELEKTROAKUSTIK Vom Posterboy zum Grenzgänger: Die komplizierte Häutung des dänischen Musikers Raz Ohara und sein neues Album, „Moksha“

VON ELIAS KREUZMAIR

Wilder Bart, zottelige Haare. Das Aussehen eines Rebellen hätte Raz Ohara ja. Vielleicht hätte er auch Grund zur Rebellion – gegen die Gepflogenheiten des Musikbusiness beispielsweise. Alle zwei bis drei Jahre ein Album? Das macht er jedenfalls nicht mit.

„Ich finde es total normal, wenn da sechs Jahre zwischen zwei Alben liegen“, sagt er, „diese Erwartungshaltung von außen kann ich nicht nachvollziehen.“ Deswegen hat er vor der Veröffentlichung seines neuen Albums, „Moksha“, auch lange überlegt, ob er nicht sein eigenes Label gründen solle. Daraus wurde dann doch nichts. „Moksha“ hat seinen Platz als Debüt des neuen Shitkatapult-Unterlabels Album Label gefunden.

Immerhin: Das neue Label legt besonderen Wert auf die kontinuierliche Arbeit mit seinen KünstlerInnen. Ob dieses Versprechen eingelöst wird oder nicht, Ohara ist es erst einmal egal. Er möchte nicht unbedingt rebellieren, sondern vor allem in Ruhe Musik machen. Und Musik, das ist Ohara wichtig, braucht Lebenserfahrung. Einer der Gründe, warum man nicht ein Album nach dem anderen machen kann. Oder machen sollte.

Diese Lehre hat viel mit Oharas eigener musikalischer Karriere zu tun. Gerade noch Teenager, kam der Däne Ende der Neunziger nach Berlin. Mit Anfang zwanzig marschierte er in das Büro der Plattenfirma Kitty-Yo und ließ sein Demotape da. Weil er nur wenige Exemplare hatte, wollte er sie kurz darauf wieder abholen – und hatte einen Plattenvertrag in der Tasche.

Sein Debüt, „Realtime Voyeur“, 1999 erschienen und meistenteils ein Singer/Songwriter-Album, wartete mit starken Einflüssen zwischen Dub, HipHop und Soul auf. Ohara wurde damit zum Posterboy der Berlin-Mitte-Szene. Bei der Kritik ging es damals weniger um seine Musik, wichtiger erschienen sein Styling und sein angeblich divenhaftes Gehabe – all das, obwohl er durchaus in der Schublade Indie steckte. Natürlich legte das Label schnell nach. Pünktlich zwei Jahre nach „Realtime Voyeur“ erschien der Nachfolger, „The Last Legend“.

Womit wir wieder bei der Frage nach der Frequenz der Albumveröffentlichungen wären. „Das ging zu schnell. Eigentlich ist mir schon ‚Realtime Voyeur‘ zu poppig gewesen“, sagt Ohara. An seinem Debütalbum hätte er gern mehr gefeilt. Egal, er wendet sich danach Techno und House zu, später tritt er als Teil von Raz Ohara & The Odd Orchestra mit versponnenen, elektroakustischen Popsongs in Erscheinung. Zuletzt war er Teil der Band von Shitkatapult-Miteigner Sascha Ring aka Apparat.

Business-Stromschnellen

Ohara ist mit den Zwängen des Musikgeschäfts vertraut. Für das neue Album hat er versucht, all das hinter sich zu lassen

Ohara ist also mit den Zwängen des Musikgeschäfts vertraut. Nicht nur, wie diese einen persönlich einschränken können, sondern auch aus musikalischer Sicht, schließlich empfand er sich selbst stets als Genregrenzgänger.

Für „Moksha“ hat er versucht, all das hinter sich zu lassen: „Ich wollte keine Erwartungen erfüllen müssen, sondern frei sein in dem, was ich mache.“ Die Konzentration sollte der Musik gelten, sie sollte Zeit haben zu reifen. Fünf Jahre hatte Ohara die Idee eines experimentellen elektroakustischen Albums schon im Kopf, ausgegoren war sie erst 2013. Sobald er den Moment gekommen sah, hatte Ohara „Moksha“ innerhalb von fünf Monaten aufgenommen.

Der Titel bedeutet „Erlösung“, es ist der Begriff für die Befreiung aus dem Kreislauf von Leben und Tod im Hinduismus. In einem weltlichen Kontext kann es auch für Selbstverwirklichung stehen. Das passt einerseits zu Oharas Versuchen, die Stromschnellen des Musikgeschäfts zu umgehen, um sein eigenen Weg zu wählen. Andererseits ist das Album auch musikalisch so angelegt, dass es schließlich mit „Light“ in der Erlösung, oder hier besser: Erleuchtung, kulminiert. Fast könnte man „Moksha“ ein Konzeptalbum nennen, so zwingend passen die einzelnen Songs in die Logik ihrer Reihenfolge.

Ohara würde sogar noch weiter gehen: „Wenn man ‚Moksha‘ als Einzeltracks hört, geht sehr viel verloren. Ich hätte es gerne als zusammenhängendes File herausgegeben.“ Natürlich scheiterte diese Idee jedoch an Einwänden des Labels. Wieder einmal, so möchte man sagen, ist Ohara vom Business eingeholt worden.

Der Bezug zum Spirituellen findet sich nicht nur im Titel, sondern auch im Ausgangspunkt der sieben Tracks. „Moksha“ basiert auf dem Klang von Rahmentrommeln, einer Art Urform der Percussion, die in verschiedenen Kulturen bei religiösen Zeremonien in Gebrauch war und ist. Ohara entwickelt aus seinem Ausgangsmaterial zunächst klappernde und zitternde Geröllberge von Sound. Der Bass ist wuchtig – Dub lässt grüßen –, überall über Klopfen, Schaben und Rauschen tastet er sich heran.

Seine Stimme setzt Ohara bis zum dritten Track nur sparsam ein. Hier beginnt der zweite Teil von „Moksha“. Erlösung scheint im Fall des Albums – wie so oft in der Popmusik – erst einmal Liebe zu heißen, wie das Daniel Johnston-Cover „True Love Will Find You In The End“ unterstreicht. Hier arbeitet Ohara dann mehr mit der Stimme, die er zum Finale, den beiden Tracks „Moksha“ und „Light“, wieder zurücktreten lässt: „Remain with the question and the question will disappear“, flüstert sie noch.

Man merkt, dass „Moksha“ von einer klaren Vorstellung bestimmt ist, wie es klingen soll. Tatsächlich ist die Idee, nur ein Track daraus zu machen, völlig naheliegend; vielleicht mit Ausnahme des Johnston-Covers. Oharas Mittel sind insgesamt beschränkt: die auf alle erdenklichen Weisen gefilterten Trommeln, Sounds, Synthie- und Orgeltöne und eine Schrammelgitarre, dann und wann ergänzt durch Oharas Stimme.

Während er sich auf der geschäftlichen Ebene von allen Zwängen befreit hat, arbeitete er auf der musikalischen Ebene mit dem Prinzip der Beschränkung. Was nichts miteinander zu tun haben muss, aber kann. „Ich hätte gern eine bessere E-Gitarre gehabt. Aber ich hatte eben nur eine schlechte“, auch solche Sätze sagt Ohara. Er hat viel daraus gemacht. Bis auf wenige Ausnahmen hat er alle Sounds selbst erzeugt und bearbeitet und eine 43-minütige Klanglandschaft erschaffen.

An Grenzen stoßen

Aussteigen aus dem ewigen Zirkel von Leben und Tod oder eher: Erlösung von allem, was nicht mit der Produktion von Musik zu tun, das ist Oharas Traum. In seinem eigenen Rhythmus arbeiten – dafür nimmt er auch Einschränkungen in Kauf, auch wenn Raz Ohara immer wieder an seine Grenzen stößt.

Eigentlich hätte er „Moksha“ gern im November herausgebracht, neue Tracks wären auch schon wieder fertig. Nicht nur, wenn man langsamer als der Zweijahresrhythmus ist, ist das schwierig, sondern auch, wenn man schneller ist.

Trotzdem ist die Label-Idee erst einmal ad acta gelegt. Ohara möchte sich dann doch nicht um die ganzen lästigen Nebenarbeiten rund um die Produktion und Veröffentlichung der Musik kümmern: „Sonst werde ich noch zum Geschäftsmann.“ Und da zieht er auch mit fast vierzig Jahren das Künstlerdasein vor. Nicht sehr rebellisch, aber sehr konsequent.

Raz Ohara, „Moksha“ (Album Label/Morr Music/Indigo)