„Wir haben zu wenig Sonne abbekommen“

TRÄUME Artur Klinau ist einer der wichtigsten Künstler Weißrusslands. Kürzlich war er auf Berlinbesuch. Unser Autor sprach mit ihm über Freiheiten in der Diktatur, die Sümpfe seiner Heimat und die Sonnenstadt Minsk

VON INGO PETZ
(GESPRÄCH) UND PIERO CHIUSSI (FOTO)

Der S-Bahnhof Schöneweide im Osten Berlins. Artur Klinau, schlank, kurze, grau melierte Haare, zündet sich eine Zigarette an. Wir spazieren in Richtung Spree und dann weiter nach Oberschöneweide, dem alten Industriebezirk der DDR, wo einst 25.000 Leute im Kabelwerk Oberspree oder im Transformatorenwerk arbeiteten. Vor den Reinbeckhallen setzt sich der Künstler aus der Republik Belarus auf eine Bank, die auf einem grünen Kunstrasenteppich steht. Hier hat sich jemand seine eigene kleine Insel gebaut. Genau Klinaus Metier.

sonntaz: Herr Klinau, schön, dass Sie sich von Prenzlauer Berg, wo Sie residieren, nach Oberschöneweide gewagt haben.

Artur Klinau: Wieso denn nicht? Ich war zwar schon häufig in Berlin, aber diesen Bezirk kenne ich nicht, da ich mich eher in den zentralen Bezirken rumtreibe.

Oberschöneweide gilt nicht gerade als attraktiver Stadtteil.

Was ich jetzt gerade sehe, gefällt mir. Einfache Menschen, kein Geschrei, echtes Leben, alte Industrieanlagen. Die Architektur ist großartig. Ich bin studierter Architekt. Hier könnte ich mir vorstellen eine Filiale der Galerie U zu eröffnen.

Das ist die Galerie in Minsk, die in den letzten Jahren ein Motor der freien Kunstszene war.

Genau die.

Sie wären kein Trendsetter, in den Anlagen hier haben sich bereits Künstler einquartiert. Kürzlich hat Bryan Adams eine der Reinbeckhallen gekauft.

Bryan Adams?

Der kanadische Rockmusiker, der seit ein paar Jahren auch als Fotograf unterwegs ist. „Summer of 69“ war einer seiner größten Hits.

Ich verstehe. Berlin sollte froh sein, dass es solche Räumlichkeiten für Kunst und Kultur hat. In Minsk, wo ich lebe, ist das alles viel schwieriger. Vor allem wenn man sich mit einer Kunst beschäftigt, die nicht der staatlichen und gesellschaftlichen Norm entspricht. Versuchen Sie da mal, Räume zu finden. Die Vermieter haben Angst, an uns zu vermieten, weil sie befürchten, mit der Staatsmacht in Konflikt zu geraten.

Die Freiheit – ist sie ein Grund, warum Sie häufig nach Berlin kommen? Sie haben viel Zeit im Kunsthaus Tacheles verbracht, das in Ihrem ersten Roman auch eine Rolle spielt.

Ja, hier kann ich entspannen. Und hier fühle ich mich viel europäischer. Sehen Sie, ich habe mir dazu auch gleich einen neuen Mantel gekauft.

Klinau zeigt auf seinen anthrazitfarbenen Kurzmantel.

Solche Mäntel gibt es in Belarus nicht?

Wo denken Sie hin? Nein, die Mäntel bei uns sehen sehr sowjetisch aus. Aber Sie fragten nach Berlin?

Genau.

Berlin ist eine lebendige Stadt. Das gefällt mir. Und hier interessieren sich die Leute für meine Heimat. So ein Interesse habe ich in keinem anderen Land gespürt. Die Deutschen sind ein offenes, neugieriges Volk.

Das hört man selten.

Ich meine das ernst. Hier hören die Leute zu und stellen Fragen. Das ist wirklich erstaunlich.

Ihre Heimat wird ständig als „letzte Diktatur Europas“ bezeichnet. In Deutschland kennt man Belarus wohl nur dank des Präsidenten Aljaksandr Lukaschenka.

Der Westen und vor allem die Medien denken gern in Schablonen. Europa will nur hören, was es hören will. Ja, wir haben eine Diktatur. Aber da ist auch nicht alles schwarz-weiß. Sie funktioniert viel komplexer, als sich das manche vorstellen können. Aber wir sind ja in gewisser Weise auch selbst schuld: Schließlich haben wir die politische Freiheit noch nicht erreichen können.

Sie sind einer der freiesten Menschen, die ich in Belarus kenne. Sie haben sich als Konzeptkünstler, als Fotograf, als Schriftsteller ausprobiert – mit viel Erfolg. Und nicht immer zur Freude der Staatsmacht. Haben Sie eine Idee, woher diese persönliche Freiheit kommt?

Das kann ich Ihnen sagen. Diesen Hang zur Freiheit, Unabhängigkeit und Eigenwilligkeit habe ich von meinem Vater geerbt. Der war Boxer, dann Künstler. Er hat für Kolchosen Illustrationen, Dekorationen oder Plakate entworfen. Er war so eine Art Freelancer, was es in der Sowjetunion eigentlich gar nicht gab. Damit hat er für damalige Verhältnisse sehr, sehr gutes Geld verdient. Er konnte sich alles erlauben: teure Restaurants, Frauen, ein schönes Leben.

War er ein Dissident?

Wie so viele war er nur in seinem Inneren ein Dissident. Er hat die Sowjetmacht gehasst, aber er hat das nicht nach außen getragen. Über seine politische Unzufriedenheit hat er nur mit seinen Freunden geredet. Das war in den Sechzigern und Siebzigern so ein Kreis von Bohemiens in Minsk. Und zu mir hat er immer gesagt: Wenn diese Macht nicht wäre, dann wäre bei uns alles moderner, dann würde uns das Land gehören. Das hat mich sehr geprägt.

Sie sprechen vor allem Belarussisch, das in Ihrem Land heute meist die sprechen, die sich vom Regime Lukaschenka abgrenzen wollen. Haben Sie das auch von Ihrem Vater gelernt?

Nein. Unsere Familie war russischsprachig wie viele in Minsk, das in der Sowjetunion stark russifiziert war. Bis in die Achtziger hat kaum jemand Belarussisch gesprochen. Auf den Dörfern die Leute natürlich, die aber einen Mischmasch aus Belarussisch und Russisch sprachen, und ein spezieller Kreis von Künstlern oder Schriftstellern. Ich habe die Sprache in der Schule gelernt. Aber wirklich angefangen zu sprechen habe ich sie erst in den Achtzigern. Da gab es viele junge Künstler, bei denen das Belarussisch ein Zeichen einer neuen Identität wurde, die eben nicht sowjetisch sein sollte. Das Belarussische war für uns ein Zeichen von Unabhängigkeit.

Unterscheidet sich das Belarussische so sehr vom Russischen?

Als ostslawische Sprache hat es eine ähnliche Grammatik wie das Russische. Aber die Lexik ist sehr anders. Sie ist dem Polnischen, Ukrainischen oder Slowakischen viel näher. Zudem gibt es eine Menge jiddischer Wörter im Belarussischen, da die Städte bis zum Zweiten Weltkrieg sehr jüdisch geprägt waren.

Sind Sie im Vergleich zu Ihrem Vater ein offener Dissident?

Wenn Sie so wollen: ja. Aber die Bedingungen heute sind viel einfacher als die, die mein Vater hatte. Belarus ist im Vergleich zur Sowjetunion ein freieres Land. Ich kann das Regime offen kritisieren, ohne dass man mich gleich verhaftet. Nur stehe ich deswegen außerhalb der Gesellschaft, die das Regime für unbedenklich hält. Das macht die Rahmenbedingungen, in denen ich lebe und arbeite, etwas schwieriger. Wenn ich zum Beispiel Räume anmieten will. Aber als Künstler hat man nirgendwo ein leichtes Leben.

War Ihnen schon früh klar, dass Sie Künstler werden wollten?

Ja. Als Kind habe ich bereits viel gemalt und ging schon früh in eine Nachmittagsschule, wo ich auf die Kunst vorbereitet wurde. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, in einer Fabrik zu arbeiten. Das wäre mir zu öde gewesen.

Als Künstler haben Sie architektonische Wahrzeichen Ihres Landes aus Stroh nachgebaut. Sie spielen mit den Mythen Ihrer Heimat. Und in allen Ihren Arbeiten merkt man einen Hang zur Ironie. Sind Sie der Schelm der belarussischen Kunstszene?

Die Belarussen lachen sehr wenig. In der Folklore findet man wenig Humor. Es gibt vor allem sehr traurige, schwermütige Lieder und Gedichte über unglückliche Lieben, Ängste oder den Tod. Das hat natürlich mit unserer Geschichte zu tun, da unser Land von vielen Kriegen und Katastrophen erschüttert wurde. Zudem spielen Sümpfe, von denen es viele bei uns gibt, eine große Rolle für unsere Mentalität. Wir sind sehr verschlossen, in uns gekehrt, zurückhaltend – ganz anders als Völker des Südens, die am Meer leben. Wir haben einfach zu wenig Sonne abbekommen. Ich war immer der Meinung, dass man mit der Herrschaft der Düsternis bei uns Schluss machen sollte. Deswegen arbeite ich mit belarussischen Mythen, versuche sie aber etwas fröhlicher zu machen.

In Ihrem Projekt „Minsk. Sonnenstadt der Träume“ erklären Sie die belarussische Hauptstadt, ihre Architektur und Geschichte mithilfe des italienischen Philosophen Tomasso Campanella. Er schrieb Anfang des 17. Jahrhunderts eine Utopie über einen idealen Staat. Sie verbinden dies mit der leidensvollen Geschichte ihres Landes und der Idee des Kommunismus. Wer an Minsk denkt, würde wohl eher an eine hässliche Sowjetstadt denken.

Wer noch nicht in Minsk war, vielleicht. Aber die Stadt ist gar nicht so hässlich. Die prachtvollen stalinistischen Bauten mit ihren pompösen imperialen Dekorationen stehen für die Sonne, für das Glück einer gleichen und brüderlichen Gesellschaft, wie sie sich der Kommunismus erträumte, die aber nicht erreicht werden konnte. Diese Stadt, die häufig in ihrer Geschichte zerstört wurde und so viel Leid gesehen hat, ist auf diesem Traum erbaut worden, der optimistisch und positiv war. Ich fand es sehr reizvoll, das zu erzählen.

Als Sie das Konzept 2004 in Belarus vorstellten, dachten die Leute da nicht, Sie seien durchgedreht?

Die Präsentation haben wir damals in einem gewöhnlichen Vorortzug zwischen Minsk und der Kleinstadt Molodetschno gemacht. Es war heiß und stickig. Der Zug war voll mit Arbeitern und Datschniki, also Leuten, die auf ihre Datscha fuhren. Dann begann ich meinen Vortrag zur Sonnenstadt. Nach wenigen Monaten fingen die Leute sich einzumischen. „Welche Sonnenstadt?“, riefen sie erbost. „So ein Quatsch.“ Bei Sonnenstadt denkt der gemeine Belarusse wohl eher an Frankreich und an den Sonnenkönig. Aber doch nicht an Minsk! Es ist also nicht ganz leicht, den Belarussen ein bisschen Offenheit, Fröhlichkeit und das Träumen beizubringen.

Sie wollen die Leute aus ihren gewohnten Denkstrukturen holen. Wie reagieren sie heute auf Ihre Idee der Sonnenstadt?

Ein kleiner Teil der Minsker Bevölkerung glaubt an die Sonnenstadt. Das ist eine neue Generation, die diesen Mythos mit Freude aufgenommen hat.

Ist diese Generation freier als die Generation der Sowjetmenschen?

Vielleicht. Aber Belarussen sind in ihrem Inneren eigentlich vergleichsweise freie Menschen. In Russland gab es nie eine Schicht oder Klasse von freien Menschen. Überspitzt kann man sagen: In jedem Russen sitzt die Seele eines Sklaven und die eines Herren, was mit der Geschichte zu tun hat. Ich meine keine Sklaverei, wie es sie im alten Rom gab, sondern die einer fatalen Abhängigkeit. Der Bauer gehörte einem Fürsten. Der Fürst wiederum war dem Zaren unterwürfig, ohne über eigene Freiheiten zu verfügen. Im Westen hatten die Adligen dagegen viel größere Freiheiten.

War das in Belarus anders?

Unser Territorium, das bis 1991 nie ein eigenständiger Staat war, gehörte ja zum Großfürstentum Litauen, dann zum polnisch-litauischen Doppelstaat, bevor es in den Teilungen Polens Ende des 18. Jahrhunderts vom Zarenreich okkupiert wurde. Unsere Adligen und Bauern und Städter, die unter dem Magdeburger Stadtrecht lebten, waren viel freier. Das merkt man den Belarussen heute noch an.

Ist das nicht etwas weit hergeholt?

Ich spreche hier nicht von einer politischen Freiheit, sondern von einem Hang zur inneren Unabhängigkeit. Das belarussische Territorium war jahrhundertelang Schauplatz von Kriegen wie beispielsweise gegen die Moskowiter. Die Leute waren ständig damit beschäftigt, ihr Überleben zu organisieren und sich mit neuen Herrschern zu arrangieren. Deswegen konnte man die Freiheit nicht ausleben, sondern musste sie im Inneren konservieren und andere Instrumentarien entwickeln, um sie produktiv umzusetzen.

Sie haben aus dieser Geschichte ein Konzept entwickelt, das Sie als die Partisanenkultur der Belarussen bezeichnen.

Damit meine ich nicht den sowjetischen Mythos des Partisanen, der im Zweiten Weltkrieg gegen die Faschisten kämpfte, sondern eine ganze Kultur der subtilen Überlebensstrategien. Belarussen können in den schwierigsten Situationen überleben.

Warum hat sich diese innere Freiheit noch nicht politisch niedergeschlagen? Lukaschenka regiert ja fast seit 20 Jahren.

Der negative Effekt dieser sehr individualistischen Freiheit ist es, dass die Belarussen das große politische Bild nicht für ihre Lebensumstände verantwortlich machen. Sie beschäftigen sich eher mit ihrer Familie oder mit ihrem nahem Umfeld, wo sie sich ausleben und wo sie die Partisanenkultur einsetzen können, um sich ein Überleben zu sichern. Belarussen sind tatsächlich sehr individualistisch, verschlossen, und wenn es um eine kollektive Aktion wie den politischen Protest oder eine Opposition geht, ist ihre Fähigkeit sehr schwach ausgeprägt. Die älteren Generationen, die sich noch gut an den Krieg und an die brutalen Repressionen unter Stalin erinnern, nehmen Lukaschenka ohnehin nur als kleineres Übel war. Da wirkt das Vorgehen Lukaschenkas gegen ein paar kritische Journalisten, Oppositionelle und Künstler doch vergleichsweise harmlos.

Ist Lukaschenka ein Symbol für die Unfähigkeit der Belarussen, sich politisch zu organisieren?

Ganz bestimmt. Und für die Belarussen ist ihre Unfähigkeit, eine politische Freiheit für sich zu finden, ein großes Problem. Das ist ein langer Prozess. Da, wo die Ukrainer heute sind, sind wir noch lange nicht. Aber Lukaschenka ist sogar der Archetyp eines Partisanen, da er auch für sich immer neue Überlebensstrategien entwickelt und nur Feinde sieht. Außenpolitisch arbeitet er gegen den Druck von Russland, gegen die EU oder auch im Land selbst gegen aufstrebende Gruppierungen. Das Regime versteht die Mentalität der Belarussen sehr gut. Solange man sich nicht in die große Politik oder in das große Geschäft einmischt, kann man leben, wie man will. Das Regime überlässt den Belarussen kleine Freiräume, in denen man Kartoffeln anbauen, kleinen Geschäften nachgehen kann, kritische Meinungen verbreiten oder eben Kunst machen kann.

Wer sich zu weit aus dem Fenster lehnt, der kriegt Probleme.

Oh ja. Er bekommt Besuch von der Steuerfahndung, vom KGB. Eine Zeitung, die ihre Auflage steigern will, wird verboten. Ein Geschäft, das einem mit den besseren Kontakten zu gefährlich wird, wird geschlossen. Ein Verlag, der sich für eine andere Literatur einsetzt, ebenso. Im schlimmsten Fall wird man verhaftet und weggesperrt. Dieses System hat sich für das Regime bewährt. Und es ist in den Köpfen der Belarussen verankert.

Als Sie 2011 für die Biennale in Venedig für einen belarussischen Kunstpavillon mit dem Staat zusammenarbeiteten, wurden Sie scharf kritisiert.

Belarus hatte noch nie an der Biennale teilgenommen. Unsere Kunst war international so gut wie nicht präsent. Wir wollten das Feld nicht dem Staat überlassen. Ich unterscheide strikt zwischen dem politischen und kulturellen Belarus. In diesem Fall war ich kein Repräsentant des Regimes, sondern der modernen belarussischen Kunst. Das ging aber nur, weil damals ein relativ progressiver Kulturminister im Amt war. Man muss manchmal neue Wege gehen.

Hatten Sie keine Bedenken, mit einem Regime zu kooperieren, das teilweise mit harten Repressionen gegen Kritiker kämpft?

Man kann natürlich alle, die in staatlichen Institutionen arbeiten, der Kollaboration bezichtigen: Bibliothekare, Dozenten an den Universitäten, Schauspieler in den Theatern. Ich habe auch einige Jahre für das staatliche Filmstudio Belarusfilm gearbeitet. Aber was hat das mit dem Regime zu tun? Regime kommen und gehen, aber der Staat bleibt. Und das ist unser Staat. Dessen müssen wir uns bewusst werden. Desto schneller wird das Regime verschwinden.

Geht Ihnen als Künstler nicht manchmal die Luft aus?

Die Umstände sind nicht sehr schön. Und es gibt auch Tage, die persönlich schwierig sind. Aber ich habe so viele Projekte, die mir eher die Luft abschnüren als die Rahmenbedingungen. Natürlich ist es als Künstler schwer, sich bei uns zu realisieren. Der Kulturraum ist immer noch von einem postsowjetischen System okkupiert, das die Medien, den Kulturgeschmack oder das Theater bestimmt. Es ist ein Modell der Stagnation und ein Modell, das Gehirne nicht zum Denken anregt. Wenn du dich mit aktueller Kunst beschäftigst, hast du da keinen Platz. Eigentlich.

Aber diese postsowjetische Gesellschaft verändert sich ja auch. Schließlich ist Belarus nicht die Sowjetunion. Neue Kultureinflüsse kommen über das Internet, über Reisende oder die Diaspora ins Land.

Genau. Das Regime versucht die Gesellschaft mit so einer Kitschkultur bei Laune zu halten, aber uns dürstet es nach neuen Ideen. Davon profitieren Künstler wie ich. Allerdings mag uns das Regime überhaupt nicht, da wir die Leute zum Nachdenken und zum Handeln bringen. Und dazu muss man nicht banale Dinge gegen das Regime tun. Es ist viel interessanter, das subtil zu machen. So entstehen immer mehr Aktionen, Nischen und Freiräume innerhalb des Regimes, für das es nicht ganz leicht sein wird, all das zu kontrollieren. Denn die Gesellschaft verändert sich.

Was macht Sie so optimistisch?

Als Künstler muss ich Optimist sein. Vor allem in so einem Land. Mit meiner Arbeit versuche ich mir ja ständig zu beweisen, dass man anders leben kann als in der Realität, die mich umgibt.

Wie ist es, immer wieder gegen Widerstände anzukämpfen?

Es macht mich sehr müde. Bei euch im Westen kann man sich in Ruhe mit einem Projekt beschäftigen. Aber ich muss zehn Sachen gleichzeitig machen.

Wo finden Sie Ruhe?

Ich habe mir letztens ein altes Holzhaus in einem fast verlassenen Dorf an der litauischen Grenze gekauft. Sehr idyllisch. Wald, See, Weite, kein Internet. Dort versuche ich, auch meine Freunde hinzulocken. Irgendwann wollen wir dort gemeinsam ein Kinofestival organisieren.

Das klingt aber schon wieder nach Arbeit.

Nein, keine Arbeit. Das ist ein Traum.

Ingo Petz, 40, reist seit 1994 regelmäßig nach Belarus

Piero Chiussi, 38, fährt eigentlich öfter nach Süden