NORMALZEIT VON HELMUT HÖGE

TRUE CRIME STORIES

Von Halbwelt, Politikern und Klüngel

HELMUT HÖGE

Nach der Schießerei in der Bleistreustraße ging’s bergab mit der Zuhälterei

Kurz bevor sich am 27. Juni zum 40. Mal die Schießerei zwischen iranischen und deutschen Zuhältern in der Bleibtreustraße jährte, bekam die taz Post von einem der Beteiligten: Manfred Brumme. Er hatte damals im Lokal „Bukarest“, wo sich die Deutschen verschanzt hatten, hinter einem Tisch Schutz gesucht, als die Schießerei losging. So steht es in seinem Vernehmungsprotokoll, das seinem Brief beilag, dazu noch ein Auszug aus dem seines damaligen Gegners Mohammad Salehabadi.

Während das Protokoll von Brumme mit dem Satz endet: „Nach unserer Flucht setzten wir uns mit unseren Rechtsanwälten Scheid und Dulde in Verbindung“, lautet der letzte Satz von Salehabadi: „Ich und mein Neffe sind lediglich mit zur Bleibtreustraße gefahren, um nicht von unseren Landsleuten als feige bezeichnet zu werden.“ Um das Ganze abzurunden, hatte Brumme außerdem noch das Protokoll der Aussage eines zufälligen Augenzeugen, Klaus Fahrenhorst, hinzugefügt, das mit dem Satz endete: „Mir ist noch aufgefallen, dass die Perser für meine Begriffe zu wenig Deckung genommen haben. Das gilt meinen Beobachtungen nach auch für die deutsche Gruppe.“

Es war also ein fast faires Duell – vielleicht das letzte in Berlin. Auf alle Fälle ist die „Duellfrage im Kern eine Sexualfrage“, wie wir seit Karl Kraus wissen. Und tatsächlich ging es nach der Schießerei in der Bleibtreustraße mit der Zuhälterei in Westberlin langsam zu Ende. Seit der Schießerei nennt man den Tatort übrigens auch die „Bleistreustraße“. Die „Speerbande“ gewann dort 1970 den Revierstreit gegen die vormaligen „Prügelperser“, von denen einer erschossen wurde. Der Anführer Klaus Speer war damals „Security“-Chef des Westberliner „Bordellkönigs“ Hans Helmcke. Stasi-Akten legen nahe, dass dieser die damalige Stararchitektin und Bauherrin Sigrid Kressmann-Zschach von Klaus Speer im „Bukarest“ umbringen lassen wollte, denn die war gerade mit ihrem 330-Millionen-DM-Bauprojekt Steglitzer Kreisel in Schwierigkeiten geraten, an dem Helmcke sich mit 3 Millionen beteiligt hatte. Seine Edel-„Pension Clausewitz“, die von Geschäftsleuten und Politikern frequentiert wurde, musste er 1965 schließen, weil die Stasi das Bordell zu „Spionagezwecken“ genutzt hatte.

Diese „Ostkontakte“ hatte unter anderem der Zuhälter Otto Schwanz geknüpft. Er wurde, nachdem Klaus Speer wegen „Raufhandel“ und „Bildung eines bewaffneten Haufens“ zu 27 Monaten verknackt worden war, von Helmcke als Leibwächter eingestellt, besaß ein DDR-Dauervisum und tätigte Alkoholgeschäfte mit Schalck-Golodkowski.

Während Klaus Speer mit der Schießerei in der Bleibtreustraße 1970 berühmt wurde, geriet Otto Schwanz erst 1985 in die Schlagzeilen, als durch ein Flugblatt herauskam, dass er den Charlottenburger CDU-Baustadtrat Wolfgang Antes mit 50.000 DM bestochen hatte, um einen Pachtvertrag für das Café Europa im Europa-Center zu bekommen. Schwanz wurde dafür 1987 zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Als er rauskam, war er krank und bezog Sozialhilfe, 2003 starb er. Helmcke war 1973 von zwei Zuhältern in Hamburg ermordet worden. Laut dem Ostberliner „True Crime“-Autor Günter Prodöhl geschah Helmckes Ermordung im Auftrag seiner rechten Hand Gertie Baetge, die Geschäftsführerin seines Timmendorfer Prominentenpuffs war.

Der Pate von Berlin

Nachdem Klaus Speer 1974 entlassen worden war und Gertie Baetge den Mordprozess heil überstanden hatte, machte sie ihn zum Direktor des Bordells Apollo 11. Außerdem eröffnete Speer eine Boxschule. Als Boxpromoter förderte er unter anderem die Karriere von Graciano Rocchigiani. Ab 1988 ließ die Westberliner Staatsanwaltschaft gegen den als „Paten von Berlin“ titulierten Speer erneut ermitteln. 1993 begann sein Prozess, er wurde wegen Nötigung, Erpressung, Wucher, Betrug, Bestechung von Beamten, illegales Glücksspiel und illegalen Waffenbesitz angeklagt und zu fünfeinhalb Jahren verurteilt. 1998 wurde Speer entlassen und ist seitdem wieder als Boxpromoter tätig. Zuvor half er noch dem Kaufhauserpresser Arno Funke, sich im Knast zurechtzufinden, wie „Dagobert“ in seinen 1998 veröffentlichten „Bekenntnissen“ schrieb.

Auch Dagobert half später etlichen Knackis in Tegel. Bei den beiden handelt es sich anscheinend um Überbleibsel aus der guten alten Zeit der Verbrechen. Ob das auch für Manfred Brumme gilt, der laut Spiegel einst in der Bleistreustraße dem „Mann mit der MP Feuerschutz gegeben haben soll“, war nicht so schnell herauszubekommen.