die stille nach dem schuss. eine liebeserklärung an alessandro del piero von WIGLAF DROSTE

So angenehm leise wie am späten Abend des 4. Juli 2006 war es in Deutschland seit Wochen nicht gewesen. Kein hupiger Autokorso nervte, kein Geschrei, und die erigierten Schwarzrotgoldfahnen, peinlicher Potenzersatz für schlappe deutsche Männer, hingen wieder wie die Penisse ihrer Herren. Das Klinsmann-Viagra, eine Mischung aus altem deutschen Größenwahn und New-Age-Neo-Esoterik, die „positives Denken“ genannt wird, weil sie mit Denken aber auch nicht das Geringste zu tun hat, funktionierte nicht mehr. Das Matussek’sche, simulationspatriotische Fußballdeutschland bekam seine Grenzen gezeigt. Das war überfällig, richtig und gut.

Endlich also hat es, zumindest bis zur nächsten Gelegenheit, ein Ende mit dem Hochjubeln der landesüblichen Mittelmäßigkeit zur Sensation. Lukas Podolski, einer der dümmsten Deutschen, die je lebten, wird seinen Landsleuten zwar weiterhin das Idol bleiben, zu dem sie hinabwollen – er darf sich für dieses nationale Verdienst aber immerhin nicht Weltmeister nennen. Das wird ihn und seinesgleichen nicht klüger machen (und ruthklüger schon gar nicht), nicht einmal bescheidener, aber immerhin für einen kurzen Zeitraum ein paar Phon leiser. Das ist nicht viel, mehr Zivilisationsgewinn wäre mir weit lieber, aber manchmal muss man eben mit dem leben, was man bekommt. Die Landsleute sind, wie sie sind. Wenn sie die Klappe etwas weniger aufreißen, sind sie nicht besser. Aber eben doch ein bisschen weniger unangenehm.

Mein Dank geht an Alessandro Del Piero, einen italienischen Fußballspieler, den ich seit langem verehre und bewundere. Dass er am 4. Juli 2006 im WM-Halbfinale mit seinem Treffer zum 2:0 die Niederlage der Großklappendeutschen besiegelte, war das I-Tüpfelchen einer hoch respektablen Karriere. Jedes seiner Interviews ist stilsicher und humorvoll. Bei seinem Verein Juventus Turin, dem er stets die Treue hielt, ist er, wie auch in der italienischen Nationalmannschaft, nur noch Edelreservist. „Ergänzungsspieler“ nennt man das heutzutage – ein ekelhaftes Wort für einen Gentleman wie Alessandro Del Piero. Auf die Frage, was er tun werde, wenn die vecchia signora, wie Juve in Italien genannt wird, wegen der Bestechlichkeit im italienischen Fußball zwangsweise in die dritte Liga absteigen müsste, gab er die einzig mögliche, würdige Antwort: „Ein Kavalier verlässt seine Dame nicht.“

Der Ankauf von Devotionalien ist mir fremd, ich bin kein Katholik oder sonst wie gläubisch. Aber im Januar 2006 kaufte ich in Palermo ein Trikot von Alessandro Del Piero und schenkte es meinem Verleger und Freund Klaus Bittermann, der als gut 50-Jähriger immer noch aktiver Fußballspieler ist und für mich niemals – ich kann das Dreckswort nur in Anführungszeichen schreiben – ein „Ergänzungsspieler“ sein wird. Als ich ihm das Del-Piero-Hemd schenkte, war das ein Kompliment an einen stilvollen Mann.

Am 4. Juli 2006 trug er es leider nicht – es war warm, und die Dummdeutschen hätten ihn wahrscheinlich gelyncht. Dennoch gewann das Del-Piero-Hemd an diesem Abend an Wert. Es ist ein Symbol für das Zurückdrängen des Neandertalers, der allem Deutschem innewohnt.