Die leckeren Därme eines Sowjetpferds

WILDER OSTEN Die Sowjetunion auf eigene Faust erkunden, das war nicht erwünscht in der DDR. Von denen, die unerkannt und mit vielen Tricks durch Freundesland reisten, erzählt eine Ausstellung im Museum Lichtenberg

VON BARBARA BOLLWAHN

Es ist ein Phänomen, wie es nur Länder wie die DDR hervorbringen können: Über Jahre sind hunderte, vielleicht tausende junge Menschen auf eigene Faust in Ecken des großen Bruderlandes Sowjetunion gereist, die genauso tabu waren wie der Westen. Sie wollten sich selbst ein Bild machen auf Routen außerhalb der vom DDR-Reisebüro Intourist organisierten Reisen. Neben Abenteuerlust, Mut, Schlitzohrigkeit und Improvisationstalent brauchten sie dazu eine „Reiseanlage für den visafreien Reiseverkehr“, ein drei Tage gültiges Visum durch die Sowjetunion.

Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 konnten DDR-Bürger nicht mehr über die Tschechoslowakei nach Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Deshalb erhielten sie ein Transitvisum, das ihnen erlaubte, diese Länder auf dem Umweg über Polen durch die Sowjetunion zu bereisen. Mit dem hellgrünen Papier setzten sich die „Transis“ über die scheinbare Totalüberwachung hinweg und waren oft wochenlang auf eigene Faust unterwegs.

Durchs Schlupfloch

Die russische Presse feiert die deutschen „Sportsmen“, ohne zu begreifen, dass sie gar nicht sein dürften, wo sie sind

Von ihnen erzählt höchst lebendig das Museum Lichtenberg mit der Ausstellung „Unerkannt durch Freundesland“. UdFler nannten sich die Rucksackreisenden, die eben „Unerkannt durch Freundesland“ reisen wollten und damit Gefahr liefen, verhaftet oder des Landes verwiesen zu werden, berufliche Nachteile zu erleiden, exmatrikuliert oder mit einer Reisesperre belegt zu werden. Im März dieses Jahres ist im Notschriften-Verlag das Buch „Transit – Illegal durch die Weiten der Sowjetunion“ über dieses sozialistische Schlupfloch erschienen.

Bis unter die Decke stapeln sich in einem kleinen Raum des Museums Lichtenberg schwarz angemalte Kartons, an denen von den „Transis“ gemachte Fotos aus dem Bruderland kleben: Sie passten nicht zu dem offiziellen Bild vom kommunistischen Paradies. Wohnhäuser, die Ruinen gleichen, bettelnde Rentner, mit ausrangierten Autotüren reparierte Zäune. Solche Fotos hat man schon oft gesehen. Aber die aufgezeichneten Geschichten, die neun Männer und eine Frau erzählen, und die zum Teil mit Schmalfilmaufnahmen ergänzt werden, sind so einzigartig, dass man die Kopfhörer erst dann absetzen will, wenn sie den letzten Punkt unter ihre Schilderungen gesetzt haben.

Da ist zum Beispiel ein leidenschaftlicher Bergsteiger, der schon viele Male illegal in der Sowjetunion war und unbedingt an einer Besteigung des Elbrus teilnehmen will, dem höchsten Berg Europas. Weil er keine offizielle Genehmigung hat, stellt er sich und Freunden ein Delegierungsschreiben aus. Als Leiter der Bergsteiger-Sektion von „Turbine Potsdam“ verfügt er über die entsprechenden Briefbögen. Die russische Presse feiert die deutschen „Sportsmen“, ohne zu begreifen, dass sie gar nicht sein dürften, wo sie sind.

Vier andere „Transis“ bauen mithilfe einer russischen Bauanleitung einen Katamaran. In der Dresdner Neustadt richten sie eine Werkstatt ein, die Probefahrt findet auf der weißen Elster statt. Um bei den Offiziellen keinen Argwohn zu erzeugen, geben sie sich als Expedition aus und bringen ein selbst gefertigtes Elch-Logo in kyrillischer Schrift auf ihre Ausrüstung. Mit dem teils in Gurkenfässern verstauten Zubehör fahren sie tausende Kilometer mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Osten, laufen mit Imkerhüten als Mückenschutz, Leichtwanderschuhen und schwerem Gepäck durch die Taiga, bis sie in Jakutien ihren Katamaran zu Wasser lassen.

Spione beim Triathlon

Ein „Transi“ bekommt einen Platz in einer Jugendreisegruppe, die von Moskau nach Baku unterwegs ist. Am letzten Tag seilt er sich mit einem Kumpel ab, und sie trampen ins Steppengebiet südlich von Baku. In der Nähe eines Sperrgebietes werden sie wegen Spionageverdachts durch Sicherheitsorgane der UdSSR gestellt. Aber nichts passiert. Im Gegenteil. Sie werden von Offiziellen überredet, an einem Triathlon teilzunehmen. Bei der Siegerehrung in Odessa gratuliert ihnen der Bürgermeister, die Zeitungen bringen euphorische Artikel. Als einer der „Transis“ später einem Freund von dem Verhör erzählt, alarmiert ein IM die Stasi. Der Vorwurf: „Anfertigung eines Schmalfilms, der die Lebensverhältnisse der Sowjetunion als primitiv darstellt.“

Andere Verwegene lernen neben bitterer Armut und herzlicher Gastfreundschaft eine Landkommune auf Selbsterfahrungstrip in Litauen kennen oder essen mit dem kirgisischen Schriftsteller Tschingis Aitmatow „sehr leckere nach innen gestülpte Därme eines Pferdes“. Manche müssen nach ihrer Rückkehr Geldstrafen zahlen oder werden mit einem jahrelangen Reiseverbot belegt. Für die meisten geht der Abenteuerurlaub aber glimpflich zu Ende.

■ Museum Lichtenberg im Stadthaus, Türrschmidtstraße 24, Di.–Fr. und So. 11–18 Uhr, bis 24. September