Allein mit der Vergangenheit

Wo es keine Gerechtigkeit gibt, gibt es etwas zu erzählen: Jasmila Žbanić‘ Spielfilm „Esmas Geheimnis“ handelt von einer Bosnierin im heutigen Sarajevo. Sie wurde von serbischen Soldaten vergewaltigt, und ihre Tochter will wissen, wer ihr Vater ist

von JOCHEN SCHMIDT

Ein Film über das heutige Bosnien scheint zwangsläufig etwas von einem Bußgang zu haben, ein Pflichttermin für Intellektuelle mit Schuldgefühlen, die sich für kaputte Gesellschaften und Nationalismusdebatten interessieren. „Esmas Geheimnis“ vor so einem Image in Schutz zu nehmen ist die größte Aufgabe, die eine Rezension leisten kann. Peter Handkes Freunde und Feinde gehen sowieso hin, weil sie sich auf dem Laufenden halten müssen, um seine nächste Provokation beurteilen zu können. Aber der Film wird auch Menschen beeindrucken, die kein halbes Forscherleben daran gesetzt haben, sich aus dem Material, das zum Zerfall Jugoslawiens kursiert, eine Meinung zu bilden.

Für „Esmas Geheimnis“ (im Original heißt der Film „Grbavica“, nach einem Viertel in Sarajevo) hat die junge Filmemacherin Jasmila Žbanić auf der diesjährigen Berlinale den Goldenen Bären erhalten; vier Jahre zuvor hat Danis Tanović für „No Man’s Land“ den Oscar für den besten nicht englischsprachigen Film bekommen. Ein Beleg für das bemerkenswerte Talent bosnischer Filmemacher oder für das latente schlechte Gewissen des westlichen Kulturbetriebs? Eigenartig war es, die junge Darstellerin Luna Mijović und die Regisseurin im Abendkleid über den roten Teppich des Berlinale-Palasts gehen zu sehen. Man denkt bei Menschen von dort ja immer, sie müssten ihr Leben lang gebeugt gehen. Das ist wie bei Krebspatienten, man hat immer den Eindruck, mit allen anderen Gesprächsthemen nur dem eigentlichen Problem auszuweichen. Dabei liegt das Problem beim Gesunden, dem eine Erfahrung fehlt. Wer meint, sich wohlwollend über das fremde Schicksal beugen zu können, wird sich wundern, wie schnell es ihn selbst ereilt. Nicht der Krieg der anderen ist die Ausnahme, sondern unser Frieden.

Für die Kunst ist dieses Land, wo jeder ein Schicksal hat, wie wir es nur noch von unseren Eltern beziehungsweise Großeltern kennen, ein gutes Pflaster. Während Kriegsfilme meist nur die logistischen Leistungen einer Militärmaschine verherrlichen, beginnt das eigentliche Drama, wenn der letzte Schuss gefallen ist. Wo es keine Gerechtigkeit gibt, gibt es etwas zu erzählen. Uns fehlen solche Geschichten, wir haben kaum noch so ausdrucksvolle, von Erfahrungen gezeichnete Schauspielergesichter. Menschen, die das Schicksal lakonisch gemacht hat, sind schön: „Wein dich nur aus, dann musst du nicht so oft aufs Klo“, sagt die Freundin zur Freundin.

In Sarajevo wird viel verdrängt, nirgends werden so viele Witze erzählt und wird so hemmungslos gefeiert. Der flüchtige Besucher muss den Krieg schon suchen. Aber dann erwischt man eine Taxifahrerin, die einem in fünf Minuten ihre Fluchtgeschichte erzählt und sich dabei punktgenau für die Ankunft den Höhepunkt, den Tod ihres Manns, aufhebt. Danach überlegt man, ob sie diese Geschichte vielleicht jedem westlichen Ausländer erzählt, ob sie damit das Trinkgeld beeinflussen will? Und ob es zynisch ist, das zu denken, oder naiv, sich den Gedanken zu verbieten?

Sarajevo war eine intellektuelle Stadt von überregionalem Rang und kaum zu vergleichender Ausstrahlung, wo sich ein europäischer Islam entwickelt hatte, wie er unserem von Karl May geprägten Weltbild unvorstellbar ist. Eine moderne Stadt, deren Einwohner mehr als drei Jahre eingesperrt und beschossen wurden, während der Westen ihnen Schweinefleischkonserven einflog. Die Enttäuschung über die internationale Gemeinschaft ist mit ein paar Filmpreisen nicht wieder gutzumachen. Zehn Jahre nach Dayton glaubt niemand in Bosnien, dass die Nato nicht wüsste, wo Karadžić und Mladić stecken. Wenn sie nur wollte, könnte sie ihnen eine Bombe direkt in die Kaffeetasse werfen, hört man sagen.

Wen das Schicksal lakonisch macht, der wird schön. „Wein dich nur aus, dann musst du nicht so oft aufs Klo“, sagt eine Frau zur anderen

„Esmas Geheimnis“ ist kein auf unkundige Zuschauer zugeschnittener Film. Kein Wunder, dass er in Bosnien so großen Erfolg hat, jedenfalls dort, wo er nicht von den bosnischen Serben boykottiert wird. Der Film ist keine Werbung für das pittoreske Sarajevo mit seinen Hügeln, den alten Gassen, den bunten Holz-Minaretten. Erst einmal sieht man die Enge im Bus, wo man plötzlich das verschwitzte Brusthaar eines Fremden vor der Nase hat. Man hört den ständig im Hintergrund wummernden Turbo-Folk. Auf der Küchenschürze der Mutter steht auf Deutsch „Guten Appetit“. Vielem, was der Westen ausrangiert hat, begegnet man in Bosnien wieder, nicht nur den berühmten Autos mit den absurden Aufschriften ihrer Vorbesitzer, sondern auch Lebensmitteln und Politikern.

Esma (Mirjana Karanović) ist im Lager vergewaltigt worden und hat dort ihre Tochter Sara geboren, der sie immer erzählt hat, sie stamme von einem „Schehiden“ ab (einem „Märtyrer“, einer dieser sprachlichen „Islamismen“, die erst im Krieg kultiviert wurden). Esmas Alltag ist von Panikattacken geprägt, wenn sie etwas an ihr Trauma erinnert. Sie zuckt zusammen und marschiert weiter, weil zu jammern keinen Sinn hätte.

Sara (Luna Mijović) lebt schon in einer anderen Welt, der Krieg ist nur noch eine Erzählung. Aber nicht zu wissen, von wem sie abstammt, macht sie zu einem schwierigen Kind. Sie hat gelernt sich durchzusetzen, legt sich mit den Jungs an und belügt aus Spaß den muslimisch frömmelnden Lehrer. Wie lernt man in so einer Zeit Liebe und Zärtlichkeit? Das Wagnis, jemandem zu vertrauen? Wenn der Freund mit einem blauen Auge kommt und davon fantasiert, sich mit der Pistole seines gefallenen Vaters zu rächen? Sara nimmt ihm die Knarre ab, bis er „sich beruhigt hat“, und das ist schon eine Art Liebeserklärung.

Esma fällt es schwerer, sich auf ihren Verehrer Pelda (Leon Lučev) einzulassen, einem der Bodyguards aus der Amerika-Bar, in der sie arbeitet. Sie kennen sich, weil sie sich begegnen, wenn ein Massengrab geöffnet und die Leichen identifiziert werden. Pelda will seiner Schwester nach Knittelfeld in Österreich folgen. Ein emblematischer Ortsname für das Schicksal, als Einwohner einer Kultur-Metropole in einem österreichischen Kaff zu landen, weil man dem Wunsch nach einem normalen Leben nicht länger widerstehen kann und bereit ist, dafür seine Wurzeln zu kappen und zu einem „Gaschtarbejter“ zu werden. „Wer wird deinen Vater identifizieren, wenn du gehst?“, fragt Esma. Ist es ein Grund zu bleiben, auf die Leichen seiner Verwandten zu warten?

Pelda hat vor dem Krieg studiert, hatte danach aber nicht mehr die Nerven und fühlte sich zu alt. Sein früherer Kommandeur ist ein wahrer Balkan-Pimp, gespielt von Emir Hadžihafizbegović, der in bosnischen Filmen omnipräsent ist, als Unterstützer von Alija Izetbegović’ nationalistischer Partei gilt und sich, seit er in Mekka war, Hadschi nennt. Sein Pimp ist ein Kriegsgewinnler. Er trägt eine goldene Lilie um den Hals und einen Doppeldolch als Gürtelschnalle. Die Lilie steht im Wappen Bosniens, das erst im Krieg eingeführt wurde; auch einer der Bodyguards hat eine Lilie in den Nacken tätowiert.

Die harten Männer bieten sich beim Treffen Kokain an wie eine Zigarette. Pelda soll angeworben werden, den Betreiber der Bar zu töten. Der habe mit Kaffeeschmuggel ein Vermögen gemacht, während sie im Schützengraben lagen. „Die Menschen haben sich im Krieg mehr geliebt als jetzt“, sagt Peldas Freund und beschreibt damit das Drama einer Gesellschaft, die in schweren Zeiten zusammengerückt ist und jetzt mit den Mühen der Ebene kämpft. Hinter ihnen sieht man den größten Moscheenneubau Sarajevos, von den Saudis gesponsert, dessen wahhabitischer Wüstenstil sich im von historischen Moscheen geprägten Stadtbild Sarajevos fremdartig ausnimmt. Die Anwohner sprechen angesichts der futuristischen Minarette von den „Pershings“.

Das alte Sarajevo ist mit seinen umgekommenen oder ausgewanderten Bewohnern verschwunden. Manchmal erinnert Esma noch der Geruch an vorher. Die Nähe zwischen den beiden Freundinnen, zu deren Klassentreffen nur noch 11 von 41 Mitschülern kommen werden, weil alle tot oder im Ausland sind, zeigt sich, wenn sie sich lachend etwas mit „Pionierehrenwort“ versprechen: „Schwör auf Tito!“ Das ist keine Ostalgie, sondern zeigt, wie allein sie schon sind mit ihrer Vergangenheit, weil die Gesellschaft, aus der sie stammen, zerstört ist, heute, wo das jugoslawische Modell von allen Seiten als Kriegsursache hingestellt wird, um von der eigenen Schuld abzulenken, und wo die nachwachsende Jugend sich eher am Westen orientiert.

Die Alten sind müde, die Jungen orientierungslos, aber sie sind auch die Zukunft. Sara wird von ihrer Mutter die Wahrheit verlangen in einer Szene, die man nicht vergisst. Danach hört man eine Ilahija, einen bosnischen Klagegesang. Die Kamera fährt über die früh gealterten Gesichter der Frauen im Frauenzentrum, wo die Vergewaltigten über ihr Trauma sprechen sollen, aber eher wegen der monatlichen Zahlungen kommen (die beste Therapie wäre ein Arbeitsplatz, den es nicht gibt). Sie sind Kriegsopfer, nur dass sie nicht wie die gefallenen „Schehiden“ verherrlicht werden.

Wenn die Schüler zur Klassenfahrt aufbrechen, treffen sie sich vor dem Holiday Inn, dem zur Olympiade 1984 gebauten Hotel, in dem Karadžić’ Partei ihren Sitz hatte und von wo im Mai 1992 die ersten Schüsse fielen. Beim Bild eines von hier die Stadt verlassenden Busses voller Kinder wird jeder, der es erlebt hat, an die Busse voller Menschen denken, die im Krieg die Stadt verlassen haben. Aber die Kinder, die wir sehen, werden wiederkommen. Sie singen „Sarajevo ljubavi moja“ („Sarajevo, meine Liebe“) von Kemal Monteno, und wen das nicht berührt, der hat noch nie eine Stadt geliebt.

„Esmas Geheimnis“. Regie: Jasmila Žbanić. Mit Mirjana Karanović, Luna Mijović u. a. Bosnien/Kroatien/Österreich/Deutschland 2005, 90 Min.