Das Reibeisen ist zurück

Kaum jemand hat mit „Deutsch-Rap“ so viele Mauern eingerissen: Wenn der Hamburger Rapper Dendemann zum Mikrofon greift, lauscht man genreübergreifend. Zum Beispiel am Freitag im Theater „Fleetstreet“

Was dem Musiker der Akkord ist, ist dem Rapper der Reim. Er muss überraschen, und gleichzeitig punktgenau sitzen. Das ist die halbe Miete im Rap: Fesselnde Geschichten erzählen, und dabei ein Feuerwerk der Gleichlaute zünden. Bis man meint, Worte hätten kaum eine wichtigere Funktion, als sich auf andere Worte zu reimen.

Fr., 7. 7., 21 Uhr, Fleetstreet, Admiralitätstr. 71; Karten (17,50 Euro) beim Kartenhaus oder www.fleetstreet-hamburg.de

Einer, der diese Kunst seit einigen Jahren überzeugend präsentiert, ist der Hamburger Rapper Dendemann. Daniel Ebel, wie der gebürtige Mendener eigentlich heißt, hat hierzulande auf die Spitze getrieben, was man aus dem amerikanischem Rap schon lange kennt: Reime, die nicht orthografisch, sondern nur phonetisch funktionieren. Und mit ein wenig Gespür für nordische Mundart reimt sich „Cola Light“ eben auch auf „Polaroid“. Wusste vorher keiner.

Für seine Texte bedient er sich im Mutterland des Rap ebenso wie bei der hiesigen Unterhaltungsindustrie. Dendemann zitiert (ehemals) straßenkompatible New Yorker Rap-Combos wie „Mobb Deep“, und verweist im nächsten Moment auf Tim Thaler oder Günther Pfitzmann. In einem Moment ergreift er das Wort in der so zentralen wie endlosen Debatte im HipHop: Was ist „real“, was ist „fake“? Im nächsten Moment ist das alles „Zwangsneurose“, der eigene Vater der eigentliche Star und der beste Platz zum Leben eben die eigenen vier Wände. Die so entstehenden Geschichten trägt er mit einer Reibeisenstimme vor, die mitunter über den Beat holpert wie „Spoken Word“.

Die „Glokalität“ des HipHop nennt die Kulturwissenschaftlerin Gabriele Klein das: Die Vermengung globaler mit lokalen Identitäten. Bestens geeignet, jüngere und ältere Hörer abwechselnd zu überfordern, denkt man.

Um so erstaunlicher also, das Dendemann offenbar niemanden überfordert: Die Debüt-EP „Sport“ sowie die beiden Alben „Gefährliches Halbwissen“ und „Zwei“ seiner damaligen Band „Eins Zwo“ sorgten für tosenden Beifall, zunächst in der Szene, und dann auch in HipHop-fernen Kreisen. 2003 gab das Duo seine Auflösung bekannt und Dendemann warf noch die Solo-EP „DasSchweigenDilemma“ hinterher. Dann war, abgesehen von ein paar Gastauftritten, Stille. Burn-Out? Vielleicht, scheint aber vorbei: Für den 1. September ist das Solo-Album „Die Pfütze des Eisbergs“ angekündigt. Wer nicht so lange warten will, kann morgen im Fleetstreet-Theater vorlauschen. Mathias Becker