Flüchtlingshilfe als Unikurs

STUDIUM In Eichstätt können Studierende Leistungspunkte erwerben, indem sie Flüchtlingen Deutsch beibringen. Das von Kommilitonen entwickelte Modul wurde in kurzer Zeit zum Hit

Eichstätt ist eine kleine Stadt in Bayern, mit vielen Kirchen und einer katholischen Universität. An dieser lernen Esche* und Milena* seit einigen Wochen Deutsch. Die Tschetscheninnen sind zwei von rund 250 Flüchtlingen, die in den vergangenen Monaten nach Eichstätt und in die umliegenden Dörfer gekommen sind.

Ein bisschen haben sie schon gelernt: „Hallo!“, „Wie geht’s?“ „Gut!“, „Tschüs!“. Das Besondere an ihrem Deutschkurs ist nicht der Lehrplan, sondern es sind die Lehrer: Die Frauen werden von Studenten unterrichtet, die sich den Unterricht als Teil des Studiums anrechnen lassen können.

Das Modul „tun – Starthilfe für Flüchtlinge“ ist ein offizieller Kurs, den Studierende aller Fachrichtungen seit Herbst an der Uni Eichstätt belegen können. Ein bundesweites Novum.

Die Idee für den Uni-Kurs kam von Studierenden. „Wir hatten Flüchtlinge kennengelernt und mit ihnen Tee getrunken. Im Gespräch stellte sich sehr schnell heraus, dass Hilfe benötigt wird“, erzählt Germanistik-Student Christopher Knoll, der den Unterricht organisiert. Kaum einer der Flüchtlinge aus Tschetschenien, dem Senegal oder Syrien sprach ein Wort Deutsch. Es gab schlicht keine Kurse für sie. Zusammen mit seinen Kommilitoninnen Anna Peschke und Deborah Foth suchte Knoll über Facebook nach ehrenamtlichen Deutschlehrern.

„Wir machen die ganze Woche gar nichts, nur essen und schlafen, essen und schlafen. Kommt doch jeden Tag“

HENRY*, FLÜCHTLING

Zu einem Uni-Kurs konnte die Facebook-Gruppe werden, weil die Universität vor zwei Jahren ein sogenanntes Freimodul entwickelt hatte. Mit „Edu-Culture“ soll Platz und Zeit für ehrenamtliche Tätigkeiten geschaffen werden, die sonst im verschulten Bachelor-Master-System kaum noch möglich sind. Die Gründer von „tun“ sahen die Chance, ihre Flüchtlingshilfe an die Universität zu bringen.

Innerhalb kurzer Zeit waren die Anmeldelisten voll. Über 60 Studierende haben sich in diesem Semester eingeschrieben. Innerhalb des Moduls gibt es vier Wahlmöglichkeiten für die Studenten: Individuelle Begleitung, Deutschunterricht, Öffentlichkeitsarbeit und Organisation.

Wollen Studierende nicht einfach nur Leistungspunkte abstauben, werden die Initiatoren hin und wieder gefragt. Christopher Knoll schüttelt den Kopf. „Die kann ich mir wesentlich leichter beschaffen. Ich setze mich in eine Vorlesung und dann lerne ich ein bis zwei Wochen für eine Klausur. Sich gesellschaftlich zu engagieren bedeutet immer sehr viel mehr Aufwand.“

An einem Freitagabend Mitte Oktober findet zum Beispiel das erste Kennenlerntreffen mit Flüchtlingen aus dem Senegal statt. Dafür sind die Studierenden in die Gemeinde Stammham gefahren, ein abgelegenes Dorf, etwa eine halbe Stunde entfernt von Eichstätt. Zehn Flüchtlinge wohnen hier zusammen in einem Bauernhaus, unter ihnen der durchtrainierte Henry*, der sich sichtlich über den Besuch freut: „Wir machen die ganze Woche gar nichts, nur essen und schlafen, essen und schlafen. Wir können auch nichts unternehmen, weil wir uns nicht auskennen. Wenn ihr jeden Tag kommen könntet, würden wir uns freuen. Bitte, macht was mit uns“, begrüßt er die Ankömmlinge.

Die Stimmung ist gut. Alle haben ihren Namen auf ein Blatt Papier geschrieben: Bernadette, Mamadou, Daniel, Barbacar. Vier Stunden jede Woche werden die Studenten mit den Flüchtlingen verbringen. Das erste Treffen von Studenten und Flüchtlingen läuft gut. Die anfängliche Schüchternheit verfliegt, dafür wächst die To-do-Liste der Studenten. Die Flüchtlinge wünschen sich einen Computer, gemeinsame Unternehmungen im Dorf oder eine Mitgliedschaft im Fitnessclub. „Das kriegen wir hin“, meinen die Studenten.

Während des Wintersemesters werden auch Flüchtlinge zu Lehrern und organisieren zum Beispiel Arabischkurse. Anna Peschke ist von der Entwicklung begeistert: „Es kommen immer mehr Studenten dazu, und die meisten wollen weitermachen. Das Modul ist inzwischen ein Selbstläufer geworden.“ Auch andere deutsche Universitäten hätten schon Interesse angemeldet.

* Namen geändert