Objekt und Begierde

Der Kunsthistoriker Andreas Sternweiler hat 25 Jahre lang Sammelstücke für das Schwule Museum zusammengetragen. Einige seiner Schätze sind jetzt in der Ausstellung „Paradiese“ dort zu sehen

Alles fing an mit kleinen Flohmarktfunden. Dabei fielen für Andreas Sternweiler vor gut zwei Jahrzehnten der Sammeltrieb und die eigene erotische Selbstfindung zusammen. Das Objekt der Begierde: Fotografien von Männern beim Baden und beim Sport oder aber in traulicher Zweisamkeit mit dem Freund. Rund eintausend dieser privaten Momentaufnahmen schwuler Biografien zwischen 1900 und 1950 hat der in Berlin lebende Kunsthistoriker mittlerweile aus Fotoalben und Nachlässen zusammengetragen – und damit den Grundstein der größten privaten Sammlung schwuler Alltagsgeschichte und homoerotischer Kunst gelegt. Sie umfasst über 6.000 Einzelstücke: Briefe, Bücher und Zeitschriften genauso wie Aktfotos oder Künstlerpostkarten von Damenimitatoren.

Im Zentrum aber stehen Werke homoerotischer Kunst, Arbeiten von Klassikern wie Aubrey Beardsley und Lovis Corinth gehören ebenso dazu wie die fotografischen Portraits eines Wilhelm von Gloeden. 200 solcher ausgewählter Exponate erzählen nun in der Ausstellung „Paradiese“ im Schwulen Museum von antiken Mythen, in denen die Männerliebe ihren gleichberechtigten Platz hatte, und einer christlichen Gegenwelt, in der „Sodomiten“ ganz diesseitig irdische Folter und dann Höllenqualen nach dem Tode zu erwarten hatten.

Diesen so gegensätzlichen und einander doch immer wieder inspirierenden Bilderwelten hat Sternweiler nachgespürt. Je beschwerlicher die Zeiten für freie Sexualität, desto mehr griffen homosexuelle Künstler auf feste Sujets und kulturhistorische Motive zurück, um ihre eigenen Sehnsüchte in Szene zu setzen. Insofern ist es nicht persönlicher Geschmack oder gar eine private erotische Obsession, die Sternweilers Sammlerblick prägen. Vielmehr kommt in der Zusammenstellung der Forscherdrang des Kulturhistorikers zum Ausdruck, der nicht zufällig auch über „Homosexualität der italienischen Kunst des 15. bis 17. Jahrhunderts“ promovierte.

Sternweiler ist eine Sammlernatur. Als Kind hortete er Briefmarken, schöne Ofenkacheln und Orangenpapierchen. Seine Schätze homoerotischer Kunst allerdings trug er gezielt und oft durch die finanzielle Unterstützung seiner Eltern zusammen, um sie in Ausstellungen zu präsentieren. Insofern ist Sternweiler ganz Bewahrer und Analytiker der schwulen Alltags- und Kulturgeschichte.

Das Schwule Museum spiegelte die Aufbruchstimmung der 80er-Jahre wider

Auch dafür gibt es eine Vorgeschichte. Der damals 23-jährige Student bekam 1983 einen Job als Aufsichtspersonal im Berlin-Museum. Gemeinsam mit anderen schwulen Teilzeitkräften war schon bald die Idee zu einer kleinen Ausstellung über den Sexualwissenschaftler und Vorkämpfer der Schwulenbewegung, Magnus Hirschfeld, entwickelt. Als ein Presseaufruf erschien, mit dem um Materialien zu der geplanten Übersichtsschau gebeten wurde, kam es innerhalb des Berlin-Museums zu heftigen Debatten. Der Förderverein sah sich mit einer Welle von Kündigungen konfrontiert, Senat wie Museumsleitung wurden mit Protestschreiben überhäuft.

Doch die Verantwortlichen des Berlin-Museums gaben keineswegs klein bei, sondern signalisierten grünes Licht für ein wesentlich umfangreicheres Projekt: „Eldorado Homosexuelle Frauen und Männer in Berlin 1850–1950“. Die überaus erfolgreiche Ausstellung war eine Initialzündung: In einer kreativen Phase der Aufbruchstimmung und Selbstorganisation der schwulen Szene West-Berlins wurde 1985 von Sternweiler gemeinsam mit Manfred Baumgardt und Wolfgang Theis das weltweit immer noch einmalige Schwule Museum gegründet.

Über zwei Etagen ziehen sich am Mehringdamm inzwischen die Ausstellungs- und Archivräume, in denen sich in Zeiten von Gender Studies und liberaleren Forschungsmöglichkeiten immer häufiger Doktoranden und Wissenschaftler zu Recherchezwecken einfinden. „Das Museum ist mein Lebensschicksal geworden“, erklärt Sternweiler im Resümee. Und über zwei Jahrzehnte auch zur Lebensaufgabe. Weil das Museum sich völlig selbst finanziert und folglich auch keinerlei Etat für Ankäufe hat, sicherte Sternweiler aus eigener Tasche, was er mit viel Gespür und Sachverstand zumeist im Antiquariats- und Kunsthandel oder auf Auktionen entdeckte.

Über die Jahre wurde Sternweiler so nicht nur einer der wichtigsten Leihgeber, sondern auch einer der prägenden Ausstellungsmacher. Unter anderem entwickelte er eine eigene Reihe, in denen er exemplarische Biografien schwuler Männer des 20. Jahrhunderts aufarbeitete, erforschte das Schicksal der Homosexuellen im KZ Sachsenhausen und leitete 1997 die große Ausstellung „100 Jahre Schwulenbewegung“ in der Berliner Akademie der Künste.

Die wissenschaftliche Leitung dieser weit über Deutschland wahrgenommenen Ausstellung war Sternweilers „erste und einzige Festanstellung“. Ansonsten hangelt er sich mit Projektförderungen durch. Eine große Rente hat er daher nicht zu erwarten. Und weil er aus gesundheitlichen Gründen wohl sehr bald darauf angewiesen sein wird, soll nun der Verkauf seiner Sammlung den künftigen Lebensunterhalt mitfinanzieren helfen.

„Es wäre ein Leichtes“, sagt Sternweiler, „sie in die USA zu verkaufen oder auf Auktionen die Stücke einzeln in die Welt zu verstreuen.“ Doch weil die Sammlung ganz gezielt für das Schwule Museum aufgebaut worden ist, soll sie dort auch bleiben – weshalb Sternweiler die umfangreiche Kollektion auch weit unter dem Schätzwert abtreten würde, der 300.000 Euro beträgt. 50.000 Euro will die Kulturstiftung beisteuern, für die restlichen 190.000 Euro muss das Museum Spender und Sponsoren finden. Dann werden auch jene Exponate in den Besitz des Schwulen Museums übergehen, die sich ganz am Ende der Ausstellung finden. „Dies werden die einzigen Sammlungsstücke sein, die mir in meiner Wohnung wirklich fehlen werden“, erklärt Sternweiler mit einem Lachen: In einer Glasvitrine sind ein halbes Dutzend amerikanischer Wrestlingfiguren mit einem sich lasziv räkelnden Plastik-Beauty und Figuren des Superhelden-Animationsfilms „Die Unglaublichen“ arrangiert. Ein Sammler hat eben auch seine ganz privaten Abgründe.