Seine Texte sprechen nun anders zu uns

So tief klang er also. Und lispelt er nicht auch ein wenig? Was für ein Glück, endlich die Stimme Samuel Becketts hören zu können! Um zu erklären, welche Sensation eine kürzlich erschienene CD-Sammlung bei ihm auslöst, muss unser Autor ein wenig ausholen – bis zurück in seine Jugend, noch in der DDR

VON JOCHEN SCHMIDT

In einer Phase meines Lebens identifizierte ich mich mit älteren, einsilbigen Männern. In der Literatur war das Samuel Beckett, der als polyglotter, dantefester Autor für größte intellektuelle Autorität stand, bei gleichzeitiger Freude an derben Wortspielen und Suff. Ein Meister des verweigerten Epitextes, keine Interviews, keine Vorworte, keine Manifeste, keine Selbsterläuterungen, keine journalistischen Arbeiten. Dafür metaphysischer Humor, Dauerdepression und eine gewisse asketische Aura, die alles Profane in seinem Umfeld zu veredeln schien. Man selbst war noch nicht so weit, zu den eigenen Vorlieben zu stehen, deshalb war es tröstlich zu erfahren, dass Beckett Kricket-Übertragungen geliebt hatte, also durfte man auch Fußball gucken, ohne gleich kein Künstler mehr zu sein.

Auch, dass Becketts Alter, anders als bei Rockmusikern, die ja zwangsläufig irgendwann peinlich werden, keine Rolle spielte, war beruhigend. Er widerrief sich nicht, er wurde nicht fett, er trat nicht in die KP ein oder aus ihr aus, er bekam nicht einmal eine Glatze. Während man selbst kaum darüber hinwegkam, wie rasant man seine Jugendlichkeit einbüßte, gab es hier ein Vorbild dafür, dass es möglich war, die vorgegebenen Aporien der jeweiligen Lebensphase zu umgehen.

Und da in der Zeit, als ich Beckett für mich entdeckte, die DDR verschwand, war es tröstlich, ihn zu lesen, bei dem nie ein Wort zu den Themen des Tages fiel. Es gab eine grundlegendere Sicht auf das Leben, die ein Werk aktuell machte, gerade weil alle hysterischen Anwandlungen der Gegenwart aus ihm ausgeklammert blieben. Während Heiner Müller nicht über das Ende der DDR hinwegkam und in der BRD die Reibungsfläche vermisste, die er zum Schreiben brauchte, hatte Beckett schon bewiesen, dass man auch im Kapitalismus ein Genie sein konnte. Er war eine Art Anti-Brecht gewesen, und man konnte sich zwischen diesen beiden Fixsternen positionieren, sozusagen als Synthese von beidem, das Privileg des Nachgeborenen. Außerdem war bei ihm jedes Buch die Konsequenz aus dem vorhergehenden, es gab keine Rückschritte.

Dass alles zusammenhing, zeigte sich in witzigen Details, wenn etwa in einer Erzählung ein unglücklich Verliebter die Initialen der Angebeteten in einen trockenen Kuhfladen ritzt. In einer anderen Erzählung findet jemand diesen Kuhfladen, weiß aber nichts damit anzufangen. Das war genau mein Humor; dass Gegenstände unkommentiert durch Geschichten geisterten, in die sie nicht gehörten, kannte ich aus den Lukas-Arts Adventure-Spielen für den C 64: der berühmte Kanister Kettensägenbenzin, den man in Zakk McCracken auf dem Mars findet, während man im Vorgängerspiel Maniac Mansion vergeblich danach gesucht hatte. Endlich ein Autor, der solch einer Erzählweise gerecht wurde.

Hätte Kluge doch stundenlange Gespräche mit Beckett geführt so wie mit Heiner Müller! Ach, man könnte davon träumen

Zum ersten Mal hatte ich Beckett in einem trübe beleuchteten Magdeburger Buchladen gekauft, auf Ausgang, während der Armeezeit. Der Reclam-Verlag hatte im letzten Jahr der DDR „Murphy“ herausgebracht, auch so ein Hinweis darauf, dass es mit dem Staat bergab ging. Murphy, der Held dieses ersten veröffentlichten Romans von Beckett, war ein liebenswerter Autist, wie man als Jugendlicher selbst einer war. Herrlich, wie er im Irrenhaus gegen einen anderen Autisten Schach spielt und keiner die Figuren des anderen schlagen will. Das war so viel näher an meinem Leben als der runde Tisch.

Nach dem Mauerfall klaute man sich in Westberlin alles von Beckett zusammen, die bunten Suhrkamp-Taschenbücher, die so gut in den Jackenärmel passten, man ahnte ja nicht, dass die nach 15 Jahren völlig vergilbt sein würden und man die winzige Schrift nicht mehr ohne Brille lesen könnte. Später fuhr man mit dem Fahrrad nach Irland, um näher an der Quelle zu sein. Wie beim Besuch einer heiligen Stätte dachte man in Dublin, der Stadt, die so viele Autoren geschmiedet hatte, irgendwie erleuchtet zu werden.

In einem Pub trank man ein Guinness unter einem Plakat mit den Porträts der berühmten Dubliner Autoren, später ein WG-Küchen-Klischee. Das Bier war unbezahlbar, und im Buchladen hatten sie nur „Warten auf Godot“. Aber Böll hatte Irland so geschildert, wie man sich die DDR im Nachhinein zurechtfantasierte, als Land weiser Trinker und solidarischer Verlierer, deshalb suchte man hier seine verlorene Heimat.

Beckett hatte lange zwischen der Entscheidung zu schreiben und einer akademischen Karriere geschwankt. Solche Entscheidungsprozesse waren bei ihm mit psychosomatischen Reaktionen verbunden, Depressionen und schlimme Furunkel quälten ihn, wenn er seine Mutter, die ihn jahrelang aushielt, in Dublin besuchte und die Tage im Bett verbrachte. Man selber war ja auch nicht sicher, sollte man weiter studieren? War die Universität nicht ein Klotz am Bein des Wissbegierigen? Brachte Schreiben nicht die tieferen Erkenntnisse? Aber wie sollte man schreiben, wenn Beckett immer mehr verstummt war? Man musste doch da ansetzen, wo er aufgehört hatte, und das hieß, dass man eigentlich gar nichts mehr sagen konnte, ohne seinem Vorbild untreu zu werden.

Sowohl mit Becketts langjähriger Erfolglosigkeit als auch mit seinem anschließenden Ruhm identifizierte man sich gerne. Die Erfolglosigkeit hatte ein halbes Leben angedauert, was einem selbst Zeit für den Durchbruch verschaffte, denn solange man in seiner Biografie noch nicht hinter Becketts herhinkte, war nichts verloren. Man konnte auch mit 45 noch mit einem einzigen Theaterstück über Nacht weltberühmt werden. Und wie später bei Lance Armstrong war auch bei Beckett alles materielle und psychische Elend vom größtmöglichen beruflichen Happy End überstrahlt. Obwohl er den Nobelpreis natürlich stilsicher als Katastrophe bezeichnete, um die Preisverleihung zu boykottieren und sich in die Wüste zurückzuziehen. Wem würde man so eine Haltung heute nicht als Koketterie ankreiden? Aber Beckett konnte nicht anders reagieren, der Schock über den Nobelpreis gehört ja zum Epitext des Werks, ein Kommentar, der dessen Rezeption steuert. Eine Nobelpreisrede von Beckett wäre schlicht undenkbar, genau wie ein Spiegel-Gespräch mit Kafka. Würde man selbst sich als so stimmiger Epitextler erweisen? Die wenigsten Autoren bekommen in ihrem Leben ja die Gelegenheit, sich im literarischen Genre der Nobelpreisablehnung zu üben. Man müsste sich schon einmal eine Haltung zurechtlegen für den Fall.

Gerade, weil es sie nicht gab, war man begierig auf private Informationen. Warum hatte Beckett keine Kinder? Hieß das, man sollte auch lieber keine bekommen? Wie konnte ein alles so unbarmherzig klar sehender Mann eine „Beziehung“ führen? Wenn es einem einmal gelungen war, sich für Momente würdig und unantastbar wie ein kleiner Beckett zu fühlen, war es ja gerade die Freundin gewesen, die dieses Selbstbild wieder zerstörte. Becketts Frau musste ein hochinteressantes Wesen gewesen sein, schon weil er sich für sie entschieden hatte. Vielleicht sollte man nach einer wie ihr suchen? Aber es waren nur ein, zwei Fotos von ihr aufzutreiben und keine weiteren Hinweise. Jedenfalls hatten sie nie zusammen gewohnt, was einen in der Abneigung zusammenzuziehen immerhin bestätigte.

Beckett hat auf seiner großen Deutschlandreise 1936/37 mit peinlicher Akribie die Museen abgegrast und ein Tagebuch über jeden seiner Schritte geführt, dessen Publikation die Erben leider verhindern. Erika Tophoven hat es studieren dürfen und daraus Becketts Berliner Zeit rekonstruiert („Becketts Berlin“, Nicolai Verlag, 24,90 €). Man erlebt einen jungen irischen Autor, der das nacholympische Berlin durchwandert und sich durch die Kunstschätze der Museumsinsel arbeitet. Er widmet sich täglich ein paar Räumen, steht stundenlang vor einzelnen Bildern und fachsimpelt anschließend mit sich selbst über nichtkanonische niederländische Maler. Er dokumentiert seine langen Spaziergänge, das schlechte Essen, die trotz Geldnot gekauften Bücher, die hartnäckigen Furunkel, die Albernheiten der Nazipropaganda („KDF“ kürzt er Kaspar David Friedrich ab). Man wünschte, man hätte eine Filmaufnahme davon, wie er die noch unzerstörte Friedrichstraße zu Aschinger Kartoffelsuppe essen geht, während die Hitlerjugend ihre „Sammelschlacht“ für das Winterhilfswerk der Nazis führt und mit den Bechern rasselt.

Aber es gibt keine Filmaufnahmen von ihm, und nicht nur das: ungefähr zur Zeit von Becketts Geburt wurden die ersten Tonaufnahmen mit Autoren gemacht, um ihre Stimmen zu archivieren, aber Becketts Stimme ist bis zu seinem Tod nie dokumentiert worden. Wenn Alexander Kluge, wie mit Heiner Müller, auch stundenlange Fernsehgespräche mit Beckett geführt hätte, man kann nur davon träumen. Aber der Autor, für den die Stimme so eine zentrale Kategorie war, hat selbst jede Aufnahme verweigert. Beckett hatte den Schock der Tonbandtechnik für das Individuum ja in „Das letzte Band“ erstmalig und im Grunde endgültig beschrieben. Wenn die eigene Stimme einem grausam alterslos entgegentritt, wie ein Geist, der einen überleben wird.

Deshalb ist es eine trotz Beckett-Jahr kaum beachtete Sensation, dass es sie doch gibt, Becketts Stimme. Eine kürzlich erschienene CD-Sammlung mit Beckett-Features und einigen Theaterstücken enthält erstmalig ein paar Sekunden von Beckett im Original, jemand hat auf einer Probe mitgeschnitten („Wir sind Zauberer“, Hörverlag, 6 CDs, 49,95 €). Es ist fast ein Schock, ihn zu hören, ein bisschen, wie wenn man eine geliebte Sitcom noch nie auf Englisch gesehen hat, mit den echten Stimmen der Schauspieler, die einem trotzdem falsch vorkommen. So tief klang Beckett? Ist das der irische Akzent? Und lispelt er nicht ein wenig? Ach, es sind nur wenige Sekunden, aber in Zukunft werden seine Texte so zu uns sprechen.