„Demokratie dauert – auch in China“

HEIMAT Kaum ein Deutscher lebt schon so lange in Peking wie der Filmemacher und Kulturvermittler Uwe Kräuter. Der 68er hat in den letzten vierzig Jahren Chinas Aufstieg erlebt – und zeigt Verständnis für das System

Ein sonniger und smogfreier Morgen in Peking. Chinas prominentester Deutscher, Uwe Kräuter, sitzt auf dem Sofa in seiner gemütlich eingerichteten Wohnung in der Nähe des Chaoyang-Parks und gießt sich eine Tasse Kaffee ein. Seine Frau Shen Danping, Schauspielerin und in China noch sehr viel bekannter als er, wischt währenddessen den Küchenboden. Kräuter, der vor vierzig Jahren nach Peking kam, um der deutschen Justiz zu entgehen, lacht gleich bei der ersten Frage.

sonntaz: Herr Kräuter, sind Sie heute noch ein Maoist?

Uwe Kräuter: Nein. Und ich kenne eigentlich niemanden, der sich noch so bezeichnen würde. Auch in China nicht.

Vor dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking hängt noch immer das berühmte Bild von Mao Zedong. Und auch auf dem Land in China findet sich in vielen Bauernstuben sein Porträt. Sind das keine Maoisten?

Vor allem Menschen auf dem Land verehren ihn immer noch als Bauernführer, der sie einst von den Großgrundbesitzern befreit hat. Sie bewundern ihn. Aber nicht in dem Sinne, dass sie ihm hinterhertrauern und Kulturrevolution oder Rotgardisten gut finden. In diese Zeiten will keiner zurück.

Wie stehen Sie zu ihm?

Das waren damals notwendige Köpfe. China stand in den 1930er und 1940er Jahren am Rande des Zusammenbruchs. Mao und seine damaligen Gefährten führten diesen Kampf. Natürlich verabscheue ich seine Gräueltaten, die er später begangen hat. Und doch erkenne ich an, dass er das Land zusammengehalten hat.

Er hat Sie immerhin vor einer Gefängnisstrafe in Deutschland bewahrt, indem er Sie in der Volksrepublik aufgenommen hat.

Ja, Anfang der siebziger Jahre war das. Ich war damals Student in Heidelberg. Ich stand unter dem Eindruck dieses schrecklichen Krieges in Vietnam. Und da kam dieser Herr McNamara, der damalige Verteidigungsminister der USA. Dieser Kriegsverbrecher wollte im Hotel Europäischer Hof eine Konferenz abhalten. Das wollten wir auf keinen Fall akzeptieren. Wir haben dann drei Tage lang rebelliert. Auf einer dieser Demos wurde ich festgenommen. Sechs von uns wurde der Prozess gemacht. Wir sollten alle zwischen acht und zwölf Monate in Haft – ohne Bewährung. Als ich dann die Chance erhielt, nach China zu gehen, nahm ich das Angebot an.

Was wussten Sie damals von China?

Nicht viel. Wir kannten die Propaganda aus der Peking Rundschau, einer von der chinesischen KP ins Deutsche übersetzten Wochenzeitung aus Peking. Wir hatten sie damals jede Woche geradezu verschlungen.

War diese Zeitschrift nicht schon damals unerträglich?

Sprachlich ja. Sonst aber überhaupt nicht. Wie die chinesische Führung damals die Welt betrachtete – das war hochinteressant für uns.

Ach ja?

So jemand wie ich interessierte sich eigentlich gar nicht für Politik. Die Bundespolitik in Bonn fand ich langweilig. Und Kommunismus? Um Gottes Willen, das ist Sowjetunion, das ist DDR, alles grau in grau. Ich war einfach ein Lebemensch. Doch dann sahen wir jeden Abend in den Fernsehnachrichten in Vietnam das Blut fließen. Ich erinnere mich vor allem an eine Szene: Zehn Minuten lang wird gezeigt, wie Amerikaner aus diesen B-52 Bomben abwerfen. Und was war da unten? Nur Dörfer. Und dann diese Bundesregierung, die uneingeschränkt hinter diesen Verbrechen der USA stand. Das konnte ich nicht nachvollziehen.

Aber warum dann ausgerechnet die Faszination für China?

Mao unterstützte damals den Vietcong. Das machte ungeheuren Eindruck. Wir hassten diesen Krieg in Vietnam. Und so fingen wir an, seine Werke zu lesen.

Als Sie 1974 in Peking eintrafen, befand sich das Land noch mitten in der Kulturrevolution. War das nicht abschreckend?

Die schlimmste Zeit war ja schon vorbei und so sehr viel bekam ich anfangs nicht mit. Ich wurde mit diplomatischer Freundlichkeit empfangen. Zugleich war alles so neu für mich, dass ich zunächst gar nicht wusste, was abläuft. Ich tickte damals noch so deutsch. Direkt, offen. Wenn ich jemanden liebte oder hasste, dann sagte ich das auch. Das war im damaligen China aber überhaupt nicht möglich. Es dauerte zwei Jahre, bis ich über Freunde erfuhr, was hinter meinem Rücken tatsächlich über mich gesagt und gedacht wurde. Das war dann auch ein Schock.

Aber was hat Sie dann in China gehalten?

Zum einen das Strafverfahren, das in Deutschland ja weiterhin gegen mich lief. Zum anderen war ich fasziniert von diesem Land. Die Chinesen haben eine so lange Geschichte. Da werde ich mich hüten zu sagen: Ihr müsst alle von mir lernen. Ich dachte mir: Sie haben schon ihre Gründe, dass sie so sind wie sie sind. Und so war es dann auch. Die Erleichterung kam, als ich echte Freundschaften knüpfte und mich verliebte. Die Beziehung mit einer Chinesin war mir als Ausländer damals verboten. Ich hatte trotzdem heimlich meine Liebschaft. Ich fühlte mich angekommen. Dann begann ich, das Land zu verstehen.

Auch das politische System?

■ Person: Uwe Kräuter, 68, ist Filmproduzent und Buchautor. Geboren im niedersächsischen Hitzacker, begann er 1968 sein Studium an der Universität in Heidelberg. Verheiratet, zwei Kinder.

■ Protest: Als Mitglied des SDS wurde er bei einer Demonstration gegen den ehemaligen US-Verteidigungsminister Robert McNamara 1970 wegen Rädelsführerschaft zu acht Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt.

■ Peking: Um der Haft zu entkommen, nahm er 1973 das Angebot des Verlags für fremdsprachige Literatur in Peking an und übersetzte in den folgenden Jahren die damals in K-Gruppen beliebte Zeitschrift Beijing Rundschau. Später engagierte er sich als Kulturvermittler und brachte 1980 das Theaterstück „Das Teehaus“ von Lao She nach Deutschland. Umgekehrt machte er „Derrick“ in China beliebt.

■ Publikation: „So ist die Revolution, mein Freund: Wie ich vom deutschen Maoisten zum Liebling der Chinesen wurde“. Herder, 2012

In gewisser Weise schon. Zwar habe auch ich in den darauffolgenden Jahren jede Menge Ärger gehabt, was mich immer wieder geschockt hat. Die Verhaftung der Viererbande etwa war ein solcher Schock. Diese linke Fraktion war ja das, was uns westliche Rebellen bis dahin interessiert und fasziniert hatte. Sechs Tage lang gab es zunächst nur Gerüchte. Erst dann erfuhr ich, was hinter den Kulissen eigentlich abgelaufen war. Und dann natürlich 1989 die Niederschlagung der Demokratiebewegung. Das war ein weiterer Schock, nachdem es fast ein Jahrzehnt aufwärtsgegangen war und China freier wurde.

Wie haben Sie Chinas rasante Entwicklung miterlebt?

Natürlich habe ich mich gefreut, dass die Straßen bunter wurden, die Gesellschaft vielseitiger und damit interessanter wurde als der kommunistische Einheitsbrei. Ich selbst, der ja aus dem Westen kommt, habe aber immer irgendwie gehofft, dass China nicht einfach nur westlich wird. Ich finde das langweilig und irgendwie auch sonderbar. Ein völlig anderer Erdteil mit einer eigenen Geschichte – wieso soll alles bloß auf eine westliche Modernisierung hinausführen?

Ähnlich argumentiert auch die chinesische Führung, die diesen Grund als Rechtfertigung anführt, um China weiterhin die Demokratie zu verweigern.

China weiß, dass es sehr viel zu lernen und aufzuholen hat. Das betrifft die Menschenrechte, aber auch das Rechtssystem insgesamt. Dieser Wille ist auch da.

Inwiefern?

Die chinesische Führung und insgesamt die Chinesen haben sehr viel Hochachtung vor vielem, was sich im Westen entwickelt hat. Ein Aspekt sind die Menschenrechte. Was Chinesen vor allem am Westen beneiden: das Selbstbewusstsein. Die Menschen in Europa und den USA fühlen sich in ihrem Land und ihrer Gesellschaft wohl. Das hätten sie auch gern in China.

Aber warum sorgt die chinesische Führung dann nicht für mehr Bürgerrechte?

So genau weiß ich das auch nicht. Ich sehe nur, dass sich China innerhalb weniger Jahre so rasant verändert hat wie wahrscheinlich kein anderes Land in der Weltgeschichte. Wie lange hat es in Europa mit den Menschenrechten gedauert? Waren es zweihundert oder gar dreihundert Jahre? Hier in China hat der Prozess überhaupt erst nach dem Tod von Mao vor fünfunddreißig Jahren begonnen. Das müssen wir uns bei der Bewertung dieses Landes immer wieder vor Augen führen.

Nehmen Sie denn Fortschritte in China wahr?

Die Chinesen können zwar nicht publizieren, was sie wollen, aber sagen können sie es schon. Das war 1974, als ich nach China kam, nicht möglich. Ich habe hier zu verstehen gelernt, dass ein westliches Gesetzbuch nicht einfach von heute auf morgen eingeführt werden kann. Dazu bedarf es eines allgemeinen Bewusstseins. Und das fehlt bei vielen nach wie vor. Mir nützt das beste Gesetz nichts, wenn im Dorf der örtliche Parteikader immer noch denkt, dass er das Sagen hat und machen kann, was er will. Auch in Deutschland hat sich ein solches Rechtsbewusstsein erst über Generationen hinweg entwickeln können. Das dauert.

Doch wie ernst meint es die Führung wirklich mit der Demokratie? Würde sie nicht ihre Macht kosten?

Eilig hat es die Führung sicherlich nicht. Aber Demokratie verhindern nur um der Macht willen – diese Erklärung halte ich für zu einfach. Chinas Führung ist wirklich davon überzeugt, dass dem Land mehr gedient ist, unter ihrer Ägide auf die wirtschaftliche Entwicklung zu setzen und den allgemeinen Lebensstandard zu erhöhen, als von heute auf morgen die Demokratie einzuführen. Die Verhältnisse in Indien, immerhin die größte Demokratie der Welt, dienen in China oft als abschreckendes Beispiel. Ich halte vieles für falsch. Aber in dem Punkt stimme ich der Führung zu: Was wäre los, wenn hier indische Verhältnisse herrschen würden?

Heißt das: Alle Forderungen der westlichen Staaten nach Demokratie in China halten auch Sie für unangebracht?

Das nicht. Doch in der westlichen Welt gehen viele davon aus, dass nur ihr System das richtige ist. Ich kann zumindest nachvollziehen, wenn hier in Asien viele diese Kritik als anmaßend empfinden und sich an die Zeit der Kolonialisierung erinnert fühlen, als die Europäer den Rest der Welt dazu zwangen, in ihren Kategorien zu denken.

Dann sagen Sie: Was zeichnet das chinesische Staatsverständnis aus?

Wir im Westen denken immer in Kategorien von Nationen. China hingegen hat sich schon von jeher als eine ganze Zivilisation begriffen, die immer wieder von Phasen des Chaos heimgesucht wird – mit vielen Millionen von Toten. Diese Phasen will man um jeden Preis verhindern. Vor diesem Hintergrund spielt die Stabilität eine zentrale Rolle und jedes Anzeichen von Unruhe oder gar Zusammenbruch wird gefürchtet. Die soziale Stabilität wird daher als besonders wichtig erachtet.

Inzwischen aber gibt es kaum ein Land, in dem die Kluft zwischen Arm und Reich so groß ist wie in China, das sich immer noch als „kommunistisch“ bezeichnet.

Was die Einkommen betrifft, mag das zutreffen. Doch das wird hier bei Weitem nicht so krass wahrgenommen wie etwa in Indien. In Chinas Städten gibt es keine Slums, die Armut herrscht auf dem Land. Ländliche Armut ist aber bei Weitem nicht so dramatisch wie die städtische, weil die Menschen sich oft selbst versorgen können.

Sie sind einst als Rebell nach China gekommen. Nun werben Sie um Verständnis für die chinesischen Verhältnisse – wie ein Diplomat.

Ich sehe da überhaupt keinen Widerspruch. Das gesamte Bankensystem, die Administration, das Wirtschaftsleben – alles befand sich in den Zeiten vor Mao in der Hand der kolonialen Organisationen. Nun schafft es ein solches Land, sich nicht nur von diesen imperialen Unterdrückern zu befreien, sondern den Westen sogar zu überholen – und das ohne Kriege.

Kann ein solcher Aufstieg nicht schnell chauvinistische Züge annehmen?

Chinesen haben sich in der Vergangenheit mittels berühmter Schiffsreisen andere Kontinente angeschaut. Aber anders als die Europäer hatte China nie den Anspruch, andere Erdteile zu unterdrücken. Und das sehe ich trotz Grenzstreitigkeiten mit den Nachbarn auch heute nicht kommen. Die Chinesen denken sich, ihr Land ist so groß – sie sind froh, wenn sie mit ihren eigenen Problemen fertig werden.

Und Sie? Wollen Sie sich weiter lieber mit den chinesischen Problemen beschäftigen – oder interessieren Sie sich mehr für die deutschen?

Ich komme gerne nach Deutschland. Aber nach drei oder vier Wochen sehe ich ein Foto von Peking und denke: Ach, ich will wieder bald nach Hause.