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Das Alte geht nicht mehr, das Neue aber auch nicht

Thomas Brasch: Filme. Drei DVDs, ca. 540 Min., Filmedition Suhrkamp. Für rund 40 Euro im Handel

In der westdeutschen Filmlandschaft der achtziger Jahre stehen die Filme von Thomas Brasch einzig da. Einen Grund dafür nannte der Regisseur bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises für sein Debüt „Engel aus Eisen“ (1981) unter schrillen Pfiffen des entsetzten bürgerlichen Publikums selbst: „Ich danke der DDR-Filmhochschule“, sagte er da, und er sagte es, weil der Satz in der Unruhe unterzugehen drohte, ein weiteres Mal. Hochroten Kopfs wippte der auf der Bühne direkt danebenstehende Franz Josef Strauß dazu.

Nur ein gutes Jahr freilich, von 1967 bis 1968, war Brasch, Sohn des stellvertretenden DDR-Kulturministers, auf die DDR-Filmhochschule in Berlin-Babelsberg gegangen. Er hat dort Dramaturgie studiert und er schrieb schon damals Gedichte. Im Jahr 1968 verteilte er mit Florian Havemann und anderen Flugblätter gegen den Sowjeteinmarsch in Prag und landete im Knast, wurde nach drei der 27 Monate, die das Urteil vorsah, entlassen. 1976 wurde ihm nach der Unterschrift unter die Biermann-Petition die Ausreise in den Westen erlaubt. Dort empfing man ihn als Vorzeige-Dissidenten mit offenen Armen, Braschs Stücke wurde in unzähligen Theatern gespielt, aber er entzog sich dieser Umarmung. Brasch blieb fortan entschieden auf Abstand zum einen wie zum anderen und erst recht dann zum wiedervereinigten Deutschland.

Nur konsequent ist es, dass sein Spielfilmdebüt, das auf historischen Tatsachen beruht, einen quasi-utopischen Raum in jenem Moment sucht, in dem die Autorität von West wie Ost in der Berlin-Blockade geschwächt ist. 1948 unternimmt eine Bande junger Gangster Raubzüge im Westen wie im Osten Berlins. Ein abgehalfterter Scharfrichter (Hilmar Thate) spielt ihnen Informationen zu. Nicht an historisch korrekter Ausstattung ist Brasch in seinem schwarz-weißen Film gelegen. Er begreift vielmehr das Gangstertum als Allegorie einer Antistaatlichkeit im ganz sicher nicht auf Dauer zu stellenden welthistorischen Augenblick. Von spröder Eleganz ist „Engel aus Eisen“, keineswegs pathosscheu, und dem DDR-Kino sehr viel eher als dem BRD-Kino verwandt.

Dasselbe gilt für „Domino“ (1982), das existenzielle Drama einer Schauspielerin mit Braschs Lebensgefährtin Katharina Thalbach in der Hauptrolle. Bravourös erweckt Thalbach die Titelfigur zum Leben in einer sehr interessant überfrachteten Erzählkonstruktion, die unter ihrer Überfrachtung erstaunlicherweise fast nie ächzt, diese sogar immer wieder in jazzig-assoziative Bildfolgen ummünzt.

Dabei gewinnt Brasch dem Schwarz-Weiß-Realismus seiner Berlin-Gegenwartsbilder wiederum allegorische Wucht ab: Wenn etwa Manfred Karge als Kaminkehrer verloren um den Lietzensee schlurft; wenn Bernhard Wicki als Theaterfossil im (damals) runtergerockten Hebbeltheater sich anhören muss, dass das Alte nicht mehr geht, das Neue aber auch nicht; wenn immerzu Weihnachten ist und die Spuren der Menschen sich in der Stadt verlieren, und erst recht, wenn am Ende ein surrealer Abtransport der Arbeitslosen in die Südsee droht. Inszeniert ist das als Stadtsinfonie aus Dunkel und Licht, mit großer Selbstverständlichkeit stellt Brasch das Symbolische neben das Ausdrückliche, und direkt neben scharf Umrissenes setzt er souverän Leerstellen.

Der letzte, der ambitionierteste Film ist „Der Passagier“ (1982). Tony Curtis spielt den den Nazis entkommenen US-Regisseur, der nach Deutschland zurückkehrt, um in Berlin einen Historienfilm über einen Regisseur zu drehen, der mit aus dem KZ geholten Juden als Komparsen einen Propagandafilm dreht. So verschachtelt, wie es sich anhört, ist es gedacht. So selbstreflexiv, wie es klingt, ist es auch. Der Film exekutiert – und zwar gnadenlos – die Unmöglichkeit einer Therapie des NS-Opfers im Täterland. Tony Curtis spielt dabei einen Verlorenen, der durch ein bundesrepublikanisches Spiegelkabinett irrt, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart uneindeutig durchdringen. Handgreiflich spürbar wird es in diesem Film mit dem Untertitel „Welcome to Germany“, warum Thomas Brasch in diesem Deutschland, im einen wie im anderen, nie ankommen konnte. Es gab Pläne für weitere Kinofilme. Daraus wurde, wie aus vielem anderen, bis zu Braschs frühem Tod im Jahr 2001 nichts mehr.

EKKEHARD KNÖRER