Bittere Wahrheiten

BERUFEN Er sah sich als ein Aufschreiber, der berichten zu wollen als demokratische Tugend begriff: Zum 100. Geburtstag von Erich Kuby erscheint „Mein ärgerliches Vaterland“ neu

Ein „Bundesnonkonformist“, ein „Wegbereiter der Studentenbewegung“ von 1968, das „linke Gewissen der Nation“: Die Liste der Titel, die Erich Kuby mal widerwillig, mal anerkennend erhalten hat, ist lang. Als Kuby im Jahr 2005 in Venedig starb, hatte er die Bundesrepublik fast 50 Jahre schreibend begleitet; besser gesagt, mit ihr und um sie fortwährend gestritten. An die 40 Bücher hat Kuby zu Lebzeiten abgeliefert, neben zahlreichen Hörspielen und einigen Drehbüchern.

Vor allem aber war der „Nestbeschmutzer von Rang“, wie ihn Nobelpreisträger Heinrich Böll einst nannte, ein im positiven Sinne vom kritischen Journalismus Besessener. In der pünktlich zu seinem Geburtstag – Kuby wäre am heutigen Montag 100 Jahre alt geworden – im Berliner Aufbau-Verlag erschienenen Neuauflage der Artikelsammlung „Mein ärgerliches Vaterland“ schreibt Kuby von sich selbst: „Ich wurde kein Schreiber, sondern ein Aufschreiber, und ich begehre, schuld daran zu sein.“

Die Worte sind dem rund 600 Seiten starken Werk vorangestellt und verdeutlichen jenes Credo, dem Kuby in den hier zusammengefassten Beiträgen von 1946 bis 1989 treu bleibt. Es ist das die Verantwortung suchenenden und Verantwortung fordernden Beobachters. Gerade nach Ende des Zweiten Weltkrieges geschieht dies im Sinne des kritischen Berichts gegenüber einer sich neu definierenden Gesellschaft und Politik im besetzten Deutschland.

„Er war ein Linker, aber kein Ideologe. Er wollte von Anfang an, 45, eine andere Bundesrepublik, ein anderes Deutschland“, schrieb der Autor Peter O. Chotjewitz. Kubys „ärgerliches Vaterland“ liest sich wie ein Augenzeugenbericht, dessen Kraft in der klaren perspektivischen Ausrichtung des Autors liegt – vorausschauend, gründlich und schlicht packender als die Unmengen von bunt bebilderten, emotionale Effekte haschenden Fernsehdokumentationen à la Guido Knopp. Er zeichnete sich durch eine bemerkenswerte narrative Vitalität aus und verlor nie das nötige Quäntchen Emphase.

Erich Kuby „wollte von Anfang an eine andere Bundesrepublik, ein anderes Deutschland“

PETER O. CHOTJEWITZ

Und Erich Kuby gelingt es zeitlebens, in fast allen relevanten Printmedien zu publizieren. Er beginnt 1947 als Chefredakteur der einflussreichen Zeitschrift Der Ruf, wechselt ein Jahr später zur Süddeutschen Zeitung. Gegen Ende der 50er-Jahre schreibt er für die Welt und den Spiegel, bevor er seine bis 1980 dauernde Redaktionstätigkeit für den Stern aufnimmt.

Bundesweit bekannt wird Kuby mit dem Buch „Rosemarie, des deutschen Wunders liebstes Kind“, das sich mit der Biografie der ermordeten Frankfurter Prostituierten Rosemarie Nitribitt auseinandersetzt, und der deutschen Doppelmoral während der Wirtschaftswunderzeit. Auch sein Buch „Der Fall ‚Stern‘ und die Folgen“ um die gefälschten Hitler-Tagebücher wird ein Bestseller. Im Jahr 2005 erhält er posthum den Kurt-Tucholsky-Preis für sein Gesamtwerk.

„Mein ärgerliches Vaterland“ enthält neben den journalistischen Arbeiten ebenso Vorträge, Arbeitsnotizen und Briefentwürfe. Die Texte sind chronologisch geordnet und jeweils mit einer kurzen Einleitung versehen, die mal boshaft, mal humorvoll, gelegentlich auch polemisch eitel in die Thematik einführt und so ein Lesen gegen den Strich ermöglicht. Von der Geburtsstunde des Grundgesetzes über die Präsidentschaft Walter Scheels bis zu den RAF-Selbstmorden in Stammheim – durch Sprünge beim Lesen gewinnt das Buch an historischer Spannung und gesellschaftlicher Dynamik.

Stilistisch gesehen ist Kuby ein Vielverwerter der journalistischen Formen. Die Grenzen zwischen Reportage, Leitartikel, Kolumne und Kommentar verschwinden oft, was aber eher fruchtbar als störend erscheint. Dennoch hat Kuby den Hang zum Prosaischen mehr als zum politischen Feuilleton. Das erinnert an Tucholsky, mit dem er auch die Vorliebe für ein Arsenal an Pseudonymen teilt, und bei besonders bissigen Passagen an die journalistischen Arbeiten von Heinrich Heine.

Bei aller Ausprägung wacher Kritik sind es doch letztlich die schlichte Gabe zur Beobachtung und deren unspektakuläre Dokumentation, die seinen Arbeiten eine besondere Qualität verleiht. Es gilt, bittere gesellschaftliche Wahrheiten zu schildern, wie folgende Szene an einem Bahnhof im Herbst 1947: Als ein Mann einen im bereits überfüllten Zug sitzenden Beamten um Hilfe bei dem Einstieg durch ein Fenster bittet, weist ihn dieser mit der Begründung zurück, das sei verboten und der Zutritt zum Wagon nur mit entsprechendem Ausweis möglich, was zu folgendem Dialog führt:

„Du schweiniger Hund, wir waren im KZ, und ihr macht euch hier breit, aber wartet, ihr Saubande, ihr verfluchte, wenn es wieder zum Kämpfen kommt, gegen euch kämpfen wir, gegen euch, gegen euch …! Er schüttelte die Faust, indes der Ministerialrat bemerkte: Hoffentlich kämpft ihr dann besser.“