Links für Europa

Während die europäischen Regierungschefs mühsam versuchen, die Verfassungsdebatte wieder in Gang zu bringen, entsteht im Internet eine Vielzahl an EU-übergreifenden Nachrichtenportalen

Jurnalo ist ein bisschen wie eine Wohnung, die noch nicht vollständig eingerichtet ist. Die Regale sind noch nicht aufgebaut, die Wände noch nicht gestrichen. Seit Anfang März online, wirkt der Auftritt von www.jurnalo.com noch immer wie ein Schnellschuss, mit viel Weiß, sporadischen Artikeln, unausgereifter Technik. Jurnalo nennt sich selbst „das erste politische News-Magazin für alle Europäer“, eine Printausgabe ist auch geplant.

Was da so unbeholfen daherkommt, ist indes Ausdruck eines aktuellen Phänomens: Europäische Medienformate entstehen vor allem im Internet. Und das ausgerechnet jetzt: Das Demokratiedefizit der EU wird lauthals beklagt, nationale Interessen drängen wieder stärker in den Vordergrund. Auch wenn gerade auf Regierungsebene versucht wird, die Debatte über eine europäische Verfassung wiederzubeleben: Für Europa scheint sich keiner wirklich zu interessieren.

Justus Ohlhaver, der Gründer des Berliner Magazins jurnalo.com, weiß das. Seine Ambition ist, dieses „Informationsdefizit“ auszugleichen: „Wer interessiert sich schon dafür, was in Brüssel und Straßburg entschieden wird? Diese Lücken will ich füllen.“ Der Schwerpunkt ist mengenmäßig in der Tat auf Politischem, etwa mit Artikeln über den albanischen EU-Beitritt. Dazu gesellen sich vereinzelte Texte etwa über den Intendantenwechsel beim Burgtheater, unter „Economy“ erschien bis vor kurzem nur die Meldung „no news in this list“. Die Ausbeute ist rar und auf Englisch, dafür dekoriert mit Bordüren aus Google-Anzeigen. „Wir machen kleine Schritte. Und wir haben ehrgeizige Ziele“, meint Ohlhaver.

Redakteure aus ganz Europa sollen für ihn arbeiten, für die tägliche Fünf-Personen-Schicht hat er schon welche gefunden. Das Printprodukt, 20 Seiten im Tageszeitungslook, sollte ab Juni an den Kiosken europäischer Hauptstädte ausliegen. Jetzt ist das Projekt „auf unbestimmt“ verschoben, die Qualität stimme noch nicht, so Ohlhaver.

Europaweite Themen, in fünf Sprachen, Print und Online – die Latte hängt hoch. Glaubt man Gerd G. Kopper, gibt es allerdings wenig Hoffnung für diesen generalistischen Ansatz. Er ist Leiter des Dortmunder Erich-Brost-Instituts für Journalismus in Europa, die mediale Vermittlung von europäischen Themen gehört seit Ende der Achtzigerjahre zu seinem Forschungsgebiet. „Die Erfahrung zeigt, dass universalistisch angelegte Europa-Formate nicht funktionieren.“

Sich ein bisschen europäisch fühlen, reicht nicht für die großen Debatten

Das klingt auch nach einem Todesstoß für Internetmagazine, die ähnlich wie Jurnalo auf einen thematischen Rundumschlag setzen, so etwa www.cafebabel.com oder www.europolitan.de, das sogar Sportnachrichten aus europäischer Perspektive bietet. Ohlhaver ist von diesem Konzept dennoch überzeugt. Skeptikern hält der 29-jährige Jurnalo-Macher ein knappes „Abwarten!“ entgegen.

Für Kopper ist das grundlegende Problem solcher Onlineangebote, dass zwar ein Minimum an europäischer Identität durchaus vorhanden sei, aber Interesse an den großen EU-übergreifenden Debatten nicht die logische Folge. Die Ursachen dafür reichen bis in die Grundfesten der Europäischen Union, nämlich die unübersichtlichen Entscheidungsstrukturen und die fehlende Einbindung der Bürgerinnen und Bürger in diese: Wer nicht versteht, wer hier was entscheidet, der kann sich auch nicht als Adressat dieser Politik fühlen.

Die mediale Lösung scheint also, die Distanz zwischen Nationalbürger und Europa zu überwinden. Das funktioniert nach wie vor am besten über jene Medien, die morgens zusammen mit Cappuccino und Croissant konsumiert werden. Ein Ansatz, den www.eurotopics.net, die neue Plattform der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), verfolgt: Sie richtet sich nicht nur, aber unter anderem gezielt an Journalisten, in der Hoffnung, dass sich die europäische Perspektive so stärker in der nationalen wie regionalen Presse niederschlägt.

„Wir wollen allen Interessierten die Möglichkeit bieten, Positionen zu zentralen Debatten in Europa zu verfolgen und mit jenen in ihren eigenen Ländern zu vergleichen“, erklärt Thorsten Schilling, der das Projekt bei der bpb leitet. Seit Dezember 2005 verschickt die bpb Newsletter, in denen die Debatten aus über 150 Medien und 26 Ländern in drei Sprachen nachgezeichnet werden – eine Kooperation mit der deutschen Feuilleton-Rundschau Perlentaucher und der französischen Wochenzeitung Courrier International.

Seit Anfang März existiert auf Eurotopics auch eine Online-Plattform mit Datenbanken, eine klare Struktur und charmante Illustrationen sprechen für sich. „Bereits jetzt zeigt sich der Vorteil unseres Ansatzes: Bestimmte Themen kann man sehr früh erkennen, die Diskussion um Schröder und die Gas-Pipeline tauchte in polnischen Medien etwa schon im Dezember auf“, sagt Schilling.

Wann welche Debatten wo entstanden sind und wie sie sich verändert haben, soll bald auch grafisch dargestellt werden, thematische Schwerpunkte und Experten-Wikis sind geplant. Geht es nach Thorsten Schilling, erwachsen daraus bald weitere europaweite Netzwerke und publizistische Kooperationen.

Ein paar Internetauftritte ändern sicher nichts an der kläglichen europäischen Öffentlichkeit. Aber vielleicht gelingt es Eurotopics und Co, wenigstens einigen Multiplikatoren klar zu machen, wie nah Brüssel wirklich liegt. Sie haben bis zu den nächsten Europawahlen 2009 ja noch genug Zeit.