Zucken im Minimaschinenpark

Eben noch im Kinderzimmer, jetzt schon auf der Showbühne: Der schwäbisch-kurdische Berliner Namosh tourt als Weirdo-Entertainer um die halbe Welt. Nach aberhundert Auftritten erscheint erst jetzt sein Debüt-Album

Damals, in einem süßen, kleinen Weindorf – mit Handballverein! – im Schwäbischen. Namosh und seine Schwester Zülfiye schnipsen im Kinderzimmer mit den Fingern und singen inbrünstig Radiohits nach. Dann schreiben sie ihre ersten eigenen Texte: „Ah, ah, baby!“ Sie sind cool und verschworen, nicht mal vor der eigenen Familie führen sie ihre Shows, Theaterstücke und Hörspiele auf. Namosh ist, wie er sagt, „schon immer klar“, dass er berühmt werden wird. Und so langsam wird seine Kinderzimmer-Vorstellung vom Popstar-Sein wohl Realität – das Auftreten hat er auch lang genug geübt.

Und das ist, na ja, nicht wirklich das Gegenteil von „Deutschland sucht den Superstar“. Wo die TV-Show aber mechanisch das Modellhafte am Startum zu reproduzieren sucht – also auf ausgefeilte Gesangstechnik, streng formatierte Songs und so genannte Typen setzt –, produziert Namosh einfach die Namosh-Show: Natürlich künstlich, natürlich gemacht, natürlich schrill. Aber nur Namosh steht Pate für die Type Namosh. Teil einer Szene zu sein, das braucht der selbstbewusste Electro-Entertainer auch nicht: „Da trifft man dann fremde Leute, denen man sich verbunden fühlen soll, nur weil die vielleicht ähnliche Musik machen“, sagt er bei einem Espresso.

Von der schwäbischen Provinz ist der durchtrainierte heute 24-Jährige schon seit 1999 erlöst. Da kam er nach Berlin, des Nachtlebens wegen. An der Schauspielschule hat es ihn nur einen Probetag lang gehalten: Die Pädagogik dort fand er abstoßend, dieses „Nee, das musst du jetzt nochmal aus’m Bauch rausholen!“. Da hat er doch lieber im Autodidakten-Modus weiter an seinen Entertainer-Qualitäten gefeilt: sich Conga- und Bongospielen beigebracht, von Freunden ein Keyboard ausgeliehen und sich irgendwann einen Computer zugelegt. Die Namosh-Show ist dann sowieso aus dem Bauch gekommen: eine kleine Suche nach dem das Ego transzendierenden Rausch. Namoshs Körper ist auf der Bühne ein einziges Hochgeschwindigkeitszucken, die Augen weit aufgerissen, rotiert er um seinen Minimaschinenpark aus Casio-Keyboard, Laptop und Drum Machine.

Auch wenn man das mit der Parallelisierung vielleicht nicht zu weit treiben sollte: Namoshs Eltern sind aus Tunceli eingewandert, der kleinsten türkischen Provinz, in der fast ausschließlich alevitische Kurden leben. Der Sufismus ist dort noch tief verankert. Man kann das also wiederfinden: Tanz, Rausch und Selbstaufgabe – Namosh allerdings kommentiert seine extrovertierten Performances simpel mit: „Das Theatralische verbindet eben alles.“

In dieses Komplettpaket gehört nicht zuletzt die Musik: Die tönt zwischen Psycho-Elektro, Rockabilly-Rave, Autoren-Hiphop und Freak-DooWopp. Nach Island, Spanien und Israel hat er es damit schon gebracht, seit seiner ersten Solo-Show 2002 hat Namosh in manchem Jahr über 100 Konzerte gespielt. Die Indie-Prominenz beginnt ihn schon zu umgarnen: Björk, so hört man, ist außer sich und hat den Song „Cold Cream“ zu ihrem Liebling des Jahres erklärt.

Der rumpelnde Electrocracker ist auch auf seinem erstaunlicherweise erst jetzt erscheinenden Debütalbum „Moccatongue“ drauf. Namosh hat es zu Hause aufgenommen und gemeinsam mit Elektro-Produzent Jack Tennis abgemischt.

„Ich betrachte es als meine Visitenkarte“, sagt er. „Moccatongue soll einfach das ganze Spektrum aufzeigen, das ich live so drauf habe.“ Große Überraschungen also gibt es nicht für all jene, die ihn bereits über Bühnen berserkern sahen. Soll es auch gar nicht: Namosh möchte mit seinem Tonträger Werbung dafür machen, ihn bei seinen Liveshows zu besuchen.

Da setzt er, betrachtet man die Entwicklungen im Pop-Business, wahrscheinlich aufs richtige Pferd. Es könnte also klappen mit dem Ruhm: Las Vegas muss es zwar „nicht unbedingt sein“ – aber auf ein länger dauerndes Gastspiel im Stil der großen Entertainer hätte er schon mal Lust.