Bessere Menschen

E-WERK Computer werden immer kleiner und verschmelzen mit uns. Warum lassen wir sie nicht gleich in unsere Körper einbauen? Für manche ist das der große Traum. Sie lassen sich schon die ersten Instrumente einpflanzen

VON JOHANNES GERNERT
, MEIKE LAAFF
, DANIEL SCHULZ
(TEXT) UND JÖRG DOMMEL (ILLUSTRATION)

Rin Räuber sagt, sie sei noch kein Cyborg, aber sie wolle einer werden. Der Magnet in der Spitze ihres Zeigefingers ist ein Anfang. Sie hat ihn sich in einem Piercing-Studio unter die Haut implantieren lassen.

Mit einem Magneten im Finger kann man Büroklammern von einem Schreibtisch hochheben, ohne daran herumzupulen. Rin Räuber, die als Programmiererin arbeitet, hat jetzt eine Zusatzfunktion. Es könnte sein, dass sie irgendwann über ihren Magneten auch noch lernt, Himmelsrichtungen zu erspüren. Das ist eine Vorstellung, die sie mit Frank und Stefan teilt, die im Hinterzimmer der Berliner C-Base neben ihr sitzen, diesem Treffpunkt für Menschen, die gerne an Computern herumschrauben, Programme schreiben, sich für Technik interessieren. Auch Frank und Stefan haben einen Magneten im Finger. Erst kürzlich eingesetzt. Man sieht es noch an den Pflastern.

Ein Abend Ende November, einige der künftigen Mitglieder des Cyborg e. V. treffen sich wenige Wochen vor der Gründung des Vereins noch einmal, wie immer montags. Eine Fotografin ist da, Journalisten und ein Forscher aus den USA, weshalb Rin Räuber auf Englisch erklärt, warum sie gern ein Cyborg wäre: „Because it’s cool.“

Auf ihrer Homepage ist Rin Räuber als Comicfigur zu sehen. Die hat große Ähnlichkeit mit ihr selbst, kurze kürbisrote Haare, eine blau getönte Pilotenbrille, nur der linke Arm ist auf dem Bild ein Maschinengewehr und sie trägt einen grauen Schutzpanzer mit Apple-Logo als Gürtelschnalle.

Sie könnte sich auch vorstellen, künstliche Beine zu haben, mit denen sie höher springen und weiter laufen kann. Räuber lacht, ein bisschen ist das ein Witz, klar. Aber irgendwie auch eine coole Vorstellung.

„Ich will mehr können, mehr spüren und mehr wissen als andere Menschen“, sagt Rin Räuber, 29 Jahre alt, Vorname laut Ausweis: Katrin. Sie wäre gern ein verbesserter Mensch. Ein Cyborg.

Als Cyborg bezeichneten zwei Wissenschaftler aus den USA 1960 einen mit maschinellen Teilen erweiterten Menschen. Der Cyborg sollte in einer neuen, womöglich feindlichen Umgebung überleben können, fremde Planeten erobern. Er verkörperte das Ideal des Menschen, der ins Unbekannte vordringt und sich dabei von nichts aufhalten lässt. Auch nicht von sich selbst.

Dass sich in Deutschland genug Menschen finden, um einen Cyborg-Verein zu gründen, mag absurd erscheinen. Es lässt sich aber auch als Reaktion auf das Leben im Strom der Twitter-Nachrichten, Facebook-Updates und Google-News lesen. Prozessoren leisten heute so viel wie nie zuvor, Festplatten speichern ungekannte Mengen an Daten, Computer erledigen unendlich viel gleichzeitig. Kann der Mensch damit Schritt halten?

Nein, sagen die einen, und steigen lieber wieder auf alte Handys um, mit denen sie nur telefonieren können. Andere wollen den Menschen so voranbringen, wie der Mensch die Prozessoren vorangebracht hat – vielleicht mit Hilfe von Prozessoren. Wenn der normale Mensch nicht Schritt halten kann, warum ihm nicht ein paar neue Beine anschrauben?

So sonderbar dieser Gedanke anmuten mag, in die westliche Gesellschaft passt er sehr gut. Der Cyborg als Mensch, der alles dafür tut, sich und seine Performance zu optimieren. Ein Leistungsträger.

Der Bundestag war besorgt und ließ forschen

Sein öffentliches Bild ist allerdings immer noch ein anderes. Viele Menschen verstehen unter „Cyborgs“ Metallmänner, die übergewichtigen Störchen gleich durch Filme wie „Terminator“ staksen und mit blecherner Stimme Dreiwortsätze sagen: „I’ll be back!“ In den 80er Jahren machte die Vision einer unaufhaltsamen Tötungsmaschine in dem Film mit Arnold Schwarzenegger noch Angst. Heute ist der Blechklotz eine Lachnummer.

Einige in der Berliner C-Base mögen den Begriff „Cyborg“ deshalb nicht. Für sie klingt er wie etwas, für das sich vor allem Spinner begeistern. Dabei hat sich sogar der Bundestag schon vor zehn Jahren für das Phänomen zu interessieren begonnen.

Eine der ersten wissenschaftlichen deutschen Arbeiten dazu hat Christopher Coenen damals mitverfasst. Coenen arbeitete für das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag. Die Forschungseinrichtung wird aktiv, wenn Abgeordnete denken, man müsse eine wissenschaftliche Entwicklung mal genauer betrachten.

Zu dieser Zeit erlebte die Nanotechnologie in den USA gerade einen Hype. Es geht bei allem, was mit der Vorsilbe Nano versehen wurde, darum, Materialien molekular und atomar zu verändern. Forscher, Visionäre und Scharlatane veröffentlichten damals Ideen, die bis hin zu mikroskopisch kleinen Robotern reichten, die in den Blutbahnen der Menschen jede Krankheit besiegen sollten. Superkräfte verleihen. Unsterblichkeit.

Christopher Coenen forscht inzwischen in Karlsruhe. Das dortige Institut für Technologie betreibt federführend ebenjenes Büro, für das er früher arbeitete. Jetzt sitzt Coenen in einem Berliner Café, 45 Jahre alt, ein drahtiger Typ mit ovaler Brille, und erzählt von den ersten Theorien des mechanischen Menschen aus den 1920er Jahren, vom christlichen Verständnis des Körper und von den Ängsten, deretwegen er Anfang des Jahrtausends über Cyborgs schrieb.

Zu jener Zeit hatten die Parlamentarier Sorge, wie die deutsche Öffentlichkeit auf den Aufstieg der Nanowissenschaften in den USA reagieren würde. Seitdem spürt der Politikwissenschaftler den Ideen vom verbesserten Menschen nach. „Als ich an dieser Untersuchung mitschrieb, dachte ich, es sei nur eine vorübergehende schöne Entspannung, auch etwas zu den Cyborgs beizutragen, aber seitdem nimmt das Thema einen großen Teil meiner Arbeitszeit ein“, sagt er. Für Coenen heißt das: Texte lesen, Forschungsergebnisse, Manifeste. Und immer wieder Konferenzen, weil die Vorstellung vom technisch aufgerüsteten Menschen viele beunruhigt. Derzeit arbeitet er an einem Heft über Bodyhacker, ein anderer Begriff für Menschen wie Rin Räuber, die in ihren Körper Magneten oder elektronische Geräte implantieren.

Coenen sagt, die Rin Räubers seien in jüngster Zeit mehr geworden: „Vor fünf Jahren gab es noch ein oder zwei Leute und inzwischen geistern sie überall rum.“ Er hat dafür auch eine Erklärung. Coenen nimmt an, dass viele Menschen in gewisser Weise längst Cyborgs sind. Einige haben das nur schon gemerkt und nennen sich auch so.

Smartphones, Computer für die Hosentasche, Armbänder, die alle möglichen Körperfunktionen messen, sind Teil des Alltags – die Firma Apple entwickelt eine Armbanduhr mit je nach Gerücht anderen sagenhaften Eigenschaften.

Wearable Computing – Geräte, die am Körper getragen werden, sollen das nächste große Ding in der Elektronikbranche werden. „Wir haben heute schon fast ein symbiotisches Verhältnis von Mensch und Maschine“, sagt Christopher Coenen. „Soziologisch ist das Zusammenwachsen eigentlich schon vollzogen.“ Möglicherweise sei die aktuelle große Faszination für den Cyborg ein Resultat dieser Entwicklung. Es gibt eine Brille, die gerade zu einem Symbol wird für den Weg in diese Richtung. Sie heißt: Google Glass. 2014 dürfte das Jahr werden, in dem es sie für jeden und jede zu kaufen gibt.

Wenn man so will, kann man E-Mails damit nicht mehr nur auf die Hand schicken, ins Smartphone, sondern direkt in den Kopf. So ungefähr fühlt sich das an. Man sieht sie vor sich.

An einem sonnigen Augusttag in Berlin-Charlottenburg sitzt Sarah Willis bei einer Rhabarbersaftschorle in einem Café. Das Paar am Nachbartisch tuschelt. Dieser silberne Reif vor ihrem Gesicht, das ist es, dieses Google Glass.

Legeres Ringelsommerkleid, lebendige Gestik, ein warmes Lachen: Mit dem Klischee einer steifen Konzertmusikerin hat Sarah Willis, Hornistin bei den Berliner Philharmonikern, wenig gemein. Mit dem einer Technikpionierin allerdings auch nicht.

Und doch besitzt sie eines der wenigen Google-Glass-Exemplare in Deutschland. Tausende Menschen bewarben sich, um als Erste dieses Gerät auszuprobieren, das selbst auf IT-Konferenzen so ehrfürchtig herumgereicht wurde wie einst das erste iPhone. Willis postete ein Foto von sich, wie sie mit ihrem Horn in der Hand auf einem Kamel in der Wüste reitet. „#ifihadglass … I wouldn’t get lost on the way to rehearsal“ schrieb sie darunter. Google machte sie zu einer der Testerinnen.

Vielleicht weil jemand wie Willis genau die richtige Botschafterin einer Technologie ist, die vielen Menschen Angst macht.

Wenn Willis lacht, wirft sie den Kopf in den Nacken. Manchmal so ausladend, dass sie damit die Datenbrille versehentlich anschaltet. Eigentlich sollte das nur passieren, wenn sie „Okay Glass“ sagt oder den Plastikbügel an der rechten Schläfe berührt. Rechts oben in Willis Sichtfeld leuchtet ein Display auf – die Uhrzeit und die Worte „ok glass“. Klein genug, um den Blick auf das reale Geschehen vor ihrer Nase nicht zu versperren – und groß genug, um lesbar zu sein. Per Sprachbefehl oder durch Berühren des Plastikbügels könnte Willis von hier aus weiter navigieren: ein Video aufzeichnen und etwas ins soziale Netzwerk Google+ posten, im Internet surfen, sich den Weg zum Brandenburger Tor anzeigen lassen.

So nah wie Google Glass ist noch kein computerisiertes Technikspielzeug an den menschlichen Körper herangerückt. Ein Rechner, den wir direkt am Kopf tragen und freihändig steuern können – mit der Bewegung des Kopfes, mit der Stimme. Nur Haut und Knochen trennen Mikroprozessor und Hirn.

Andererseits wirkt die Verschmelzung des Menschen mit der Technik auf der Nase von Sarah Willis fast banal. Nach und nach wird Realität, was früher Science-Fiction war.

Mit Google Glass dokumentiert Sarah Willis ihr Leben als Musikerin. Auf ihrem Blog postet sie Filmchen: Wie sie Schulmädchen auf einer Konzertreise in Japan die Instrumentenkoffer signiert. Wie sie die Akustik eines Konzertsaals testet, ein Kammerkonzert mit Kollegen, sie in Australien, beim Kuscheln mit Känguruhs. „Ich merke, dass ich damit auch Aufmerksamkeit auf klassische Musik lenke“, sagt sie, wenn man sie fragt, warum sie digital so aktiv ist. Und genau deshalb war sie auch neugierig auf die Datenbrille.

Die Soundübertragung über den Ohrknochen funktioniere noch nicht gut, sagte Willis an diesem Sommertag. Seitdem habe sich vieles verbessert, ergänzt sie im Winter – auch wenn das Telefonieren im öffentlichen Raum für sie noch immer nicht optimal funktioniere. Eine häufig geäußerte Kritik, weshalb Google die Geräte nun mit Kopfhörern nachrüstet.

Die Grenze zwischen Prothese und Aufwertung

Außerdem stellte Willis fest, dass sie in einem Raum mit anderen Glass-Nutzern deren Geräte anwarf, wenn sie ihr Exemplar per Sprachsteuerung anzuschalten versuchte. Zudem muss das Ding ständig aufgeladen werden. Aber so war das ja auch mit den ersten Handys, so ist es immer, wenn etwas losgeht.

Man sieht mit Google Glass aber schon sehr deutlich, wo das noch alles hinführen könnte.

Die Technik erweitert die Wahrnehmung. Zunächst einmal bei denjenigen, denen ein Stück davon fehlt. Es gibt mittlerweile Netzhautprothesen, die Blinden helfen sollen zu sehen, indem sie die Bilder einer Kamera auf den Sehnerv übertragen. Cochlea-Implantate lassen Menschen hören, die das zuvor nicht konnten. Mehr als 150.000 Menschen weltweit tragen dieses in den Kopf eingepflanzte Gerät, auch der ehemalige bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein.

So wie es Rin Räuber und ihre künftigen Vereinskollegen in der Berliner C-Base sehen, ist auch Beckstein ein Cyborg. Genau wie Enno Park: der Mann, der die Idee hatte, einen Verein für Maschinenmenschen zu gründen. Auch er hat ein Cochlea-Implantat.

Park ist nicht der Erste, der sich offensiv als Cyborg outet. Und mit einem Verein für die Rechte des verbesserten Menschen kämpfen will. So wie der Künstler Neil Harbisson mit seiner „Cyborg-Foundation“. Der farbenblind geborene Harbisson trägt seit einigen Jahren den Eyeborg: einen Sensor vor seiner Stirn, der an einer Halterung hängt, die an seinem Hinterkopf befestigt ist. Der Sensor verwandelt Farben in Töne. Der Eyeborg gehört inzwischen zu seinem Körper, argumentiert er – auch als er 2004 seinen Pass erneuern ließ. Die britischen Behörden wollten den Eyeborg auf dem neuen Passfoto nicht zulassen. Harbisson mobilisierte Unterstützer – seinen Arzt, Menschen an seiner Universität. Sie bombardierten die Behörden mit Post, bis Harbisson seinen Sensor auf dem Bild tragen durfte. Seither gilt er als erster von einer Regierung anerkannter Cyborg.

Harbisson hört mehr Farben als das menschliche Auge sieht – die Kamera übersetzt von Infrarot bis Ultraviolett in Töne. Aus Harbisson, dem Gehandicapten, wurde ein Mensch, der dank technischer Erweiterung dem analogen Menschen überlegen ist.

Für Cyborg-Forscher Coenen verläuft hier eine Grenze. Zwischen Prothese und Aufwertung, zwischen dem Ersetzen nicht vorhandener Fähigkeiten und ihrem Ausbau. „Ein Hilfsmittel zu implantieren, das geht für die meisten Menschen in Ordnung“, sagt er, „aber die Frage nach der Akzeptanz stellt sich dann, wenn Fähigkeiten hinzugefügt werden, die vorher nicht da waren.“

Die Sorgen lauten etwa: Wie lange wird es dauern, bis elektronische Gliedmaßen besser sind als die aus Fleisch und Blut? Bis das digital verstärkte Hirn unser Gedächtnis aussticht? Müssen auch Gesunde sich irgendwann optimieren lassen, um noch mithalten zu können?

Und wenn man noch grundsätzlicher werden will: Was ist der Mensch?

Manche wollen ihn nicht nur verbessern. Sie wollen ihn überwinden. „Transhumanismus“ heißt eine Denkrichtung, die es dem Menschen ermöglichen will, seine Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen. Die Evolution selbst bestimmen. Bis in die 1920er Jahre reichen die Wurzeln dieser Philosophie. Der rasante technische Fortschritt dieser Zeit ließ Wissenschaftler wie den britischen Physiker John Desmond Bernal von noch mehr träumen. Nutzlose Gliedmaßen, die nur Energie verschwenden, soll der Mensch loswerden, am besten gleich den ganzen Körper.

In Bernals Vorstellung bleibt vom Menschen nur das Hirn. Es schwimmt in einem stoßfesten Zylinder und nimmt über eine Vielzahl Sensoren die Welt übermenschlich scharf wahr.

Das mag eher wie eine Horrorvision denn wie eine Utopie klingen, aber Christopher Coenen hat für die Körperfeindlichkeit der Idee eine recht einfache Erklärung: „Das waren alles Wissenschaftler, die den Tod vor allem als Wissensverlust begriffen.“ Es sei ihnen als gute Alternative erschienen, sich das Hirn herausnehmen zu lassen.

Angst machten solche Ideen den Menschen auch damals schon. Besichtigen lässt sich das im Kino, wo gerade der zweite Teil der Fantasy-Trilogie „Hobbit“ anläuft. „Der Eine Ring, um den sich in in dieser Welt vieles dreht, ist ein Sinnbild für das böse Streben nach Wissen und Macht“, sagt Coenen, „für den Drang von Forschern wie Bernal, zu viele Grenzen überschreiten zu wollen.“ Der Autor des „Hobbit“, John R. R. Tolkien, kannte Bernal aus Streitgesprächen. Tolkiens Bücher wenden sich gegen das zu starke Eingreifen des Menschen in die Natur, die Orks – Widersacher seiner Helden – sind vom Bösen biotechnisch veränderte Elben.

In transhumanistischen Ideen geht es nicht nur darum, den Menschen technisch aufzurüsten oder sein Hirn mit Computern und anderen Apparaturen zu verbinden. Seine Fähigkeiten sollen sich auch – je nach Theorie – durch genetische Eingriffe verändern, durch Psychopharmaka und andere Substanzen gesteigert werden. Es existiert sogar die Idee, den Menschen zu überwinden, indem er schlicht überflüssig wird. Computer, so diese Vorstellung, könnten irgendwann schlauer werden als der Mensch. Und wer braucht den dann noch, wenn eine künstliche Intelligenz seine Rolle viel besser spielen kann? Den Moment, in dem das geschehen soll, nennen Anhänger dieser Denkrichtung „Singularität“.

Singularity University heißt eine Bildungseinrichtung am Rande des Silicon Valley, auf einem Gelände der US-amerikanischen Weltraumbehörde Nasa in Kalifornien. Sie soll Führungskräfte weiterbilden, damit sie mit Hilfe der Technik die Probleme der Menschheit lösen. Gegründet wurde die Hochschule von Ray Kurzweil, der mit seinem Buch „The Singularity is near“ den Begriff der Singularität weltweit bekannt gemacht hat. Kurzweil, der an künstlicher Intelligenz forscht, ist bei Google Director of Engineering. Google, einer der mächtigsten Onlinekonzerne der Welt, zählt auch zu den Sponsoren der Singularity University.

Die Ideologie von der Überwindung des Menschen ist nicht mehr nur eine für Nerds, sondern für einflussreiche Business-Leute, auch wenn die einmal Nerds waren.

„Früher haben sich viele Fürsten einen Hofalchemisten gehalten, damit er aus einem Stein Gold macht“, sagt Christopher Coenen. „Heute finanzieren manche Größen der Internetwirtschaft eben einen Transhumanisten, der die Unsterblichkeit erfinden soll, oder doch zumindest die Möglichkeit, nach dem eigenen Tod die Persönlichkeit in einem Computer zu speichern.“

Der Traum vom Übermenschlichen, vom optimierten Homo sapiens ist aber nicht nur eine abgedrehte Fantasie reicher Männer. Manchmal treffen sich in den flachen Gebäuden der Singularity University Anhänger der Quantified-Self-Bewegung, um darüber zu diskutieren, wie man sich mit Selbstvermessung selbst verbessert. Sie erfassen ihr Leben in Zahlen, das Essen, den Sport, den Schlaf. Auch so wird der Mensch Computern ähnlicher – ausgedrückt in Nullen und Einsen. Zur Messung tragen viele Bänder am Arm oder ums Herz, wearable computers sind dort Standard. Manche versuchen, möglichst wenig zu schlafen. Andere, nur das Allernötigste zu essen oder – effizienter noch – nur zu trinken. Sie wollen den Menschen verbessern, ihn leistungsfähiger machen, ohne ihm neue Teile anzumontieren.

Im Publikum bei solchen Quantified-Self-Abenden sitzen nette Leute, die hintergründige Witze mögen und gern und viel in Bildschirme hineinschauen.

Die Treffen des Cyborg e. V. in der C-Base wirken ähnlich. Sie laden Referenten ein, die von ihren Erlebnissen erzählen. Einer war kürzlich zu Besuch, der hat sich einen Herzfrequenzmesser, groß wie eine kleine Festplatte, in den Arm einbauen lassen. Ärzte machen so was nicht, er musste sich bei vollem Bewusstsein und ohne Betäubung von einem Experten für Body-Modification die Haut aufschlitzen und wieder zunähen lassen, damit er jetzt seine Körpertemperatur und seine Herzschläge sieht, wenn er den Arm mit der dicken Beule an ein iPad hält.

Transhumanismus, die Idee von der Überwindung des Menschen, würden sie hier durchaus kritisch sehen, sagt Rin Räuber, während sie und ihre Freunde bei Spezi und Bier um eine weite Tischgruppe sitzen. Die Vorstellungen seien einfach etwas zu verrückt.

Das ließe sich auch über andere Projekte sagen: Über die Roborats, Ratten, die sich per elektronischem Impuls ins Hirn fernsteuern lassen. Über Cyborg-Kakerlaken, die Forscher gerade als Technikspielzeug für Kinder entwickeln. Über die Hirnschrittmacher für Menschen.

Zukunftsvisionen, bei denen einem unwohl werden kann: Erst verschmelzen Mensch und Technik. Dann beginnt die Herrschaft der Prozessoren.

Es klingt wie Science-Fiction. Aber tun das die Geschichten über die weltweite Überwachung des Geheimdienstes NSA nicht auch?

Und ist nicht der Transhumanismus im Grunde nur der Traum des Silicon Valley – konsequent zu Ende gedacht? Die Technik als Krone der Schöpfung.

Am 14. Dezember soll der Cyborg e. V. in Berlin gegründet werden. Die Mitglieder werden sich mit anderen Cyborgs austauschen, ihre Magneten fühlen, sich enger mit ihren Rechnern verbinden. Für Anfang Januar haben sie ein Google-Hangout geplant, eine Videokonferenz mit Kevin Warwick, einem der ersten Menschen, die sich einen Chip einpflanzen ließen.

Warwick hat das getan, wovon die Berliner noch träumen. Vor mehr als 15 Jahren. Wenn der Cyborg ein Sinnbild für das Erforschen des Unbekannten ist, dann verkörpert der britische Professor für Kybernetik dieses Ideal geradezu. Ende der 90er Jahre ließ sich er sich einen Funkchip implantieren. Gegen den Rat seiner Ärzte, die nicht wussten, wie Warwicks Körper die Elektronik annehmen würde. Danach konnte der Professor in den Universitätsgebäuden im britischen Reading Türen automatisch öffnen oder elektronisch gesteuerte Heizungen an- und ausschalten. Ein smartes Gebäude, gesteuert aus Warwicks Körper. Für den Forscher auch ein philosophisches Experiment: „Das Gebäude reagiert auf etwas in deinem Körper, auf einen Teil von dir.“

Natürlich sei er damals kritisiert worden, sagt Warwick heute am Telefon. Auch mit einer Chipkarte ließen sich Türen öffnen, dazu brauche man sich nichts implantieren zu lassen. „Aber diese Leute haben nicht kapiert, worum es ging“, sagt er. „Du kannst ein Signal aus deinem Körper an einen Rechner schicken und ihm so befehlen, etwas zu tun.“

Warwick ließ sich weitere Chips implantieren, die mit seinen Nerven verbunden waren und die Bewegungen seines Arms in digitale Signale übersetzen. Mit ihnen konnte er von seinem Schreibtisch in Großbritannien einen Roboterarm in den USA steuern. Ein anderes Implantat verband ihn auf neuronaler Ebene mit seiner Frau. Cyborg-Grundlagenforschung. Am eigenen Körper.

Dabei fürchtet Warwick nicht, dass Cyborgs ihre menschliche Eigenschaften verlieren. Im Gegenteil – er hofft darauf. Gedächtnis und Kommunikationsfähigkeiten des Menschen seien stark verbesserungswürdig.

In der Vorstellung von Warwick könnte sich die Welt künftig spalten. In diejenigen, die als Cyborgs auf ganz neuartige Art und Weise kommunizieren und sich vernetzen können – auch mit der Welt der Algorithmen, mächtigen Netzwerken und künstlichen Intelligenzen, die schon heute vom Finanzsektor bis zu militärischen Drohnen unser Leben steuern. Und in diejenigen, die all das nicht können – weil sie keine Implantate haben. „Wenn du kein Cyborg bist, keine Implantate hast, vergiss es und genieße das Leben, solange du noch kannst“, sagt Warwick. Wieder so ein Szenario wie aus einem Science-Fiction-Roman.

Rin Räuber hat sich im Oktober einen Chip bestellt, den sie sich implantieren lassen will. Einen RFID-Chip, der Daten ohne Berührung an Geräte überträgt. Man könnte damit Türen öffnen, sich bei dem sozialen „Ich bin übrigens auch hier“-Dienst Foursquare automatisch anmelden und Smartphones entsperren. Räuber ist sich aber nicht sicher, wie sinnvoll das alles ist.

„Ich bin dagegen, Dinge technisch zu lösen, die dadurch nicht einfacher werden“, sagt sie. Sie habe außerdem in ihrem Informatikstudium gelernt, dass technische Lösungen nicht immer die besten seien – weil mehr Komplexität größere Fehleranfälligkeit bedeute. Andererseits: Coole Gadgets, sagt sie, lassen sie die Fehleranfälligkeit auch wieder vergessen.

■  Meike Laaff, 33, ist Redakteurin im Ressort tazzwei/Medien

■  Daniel Schulz, 34, leitet das Ressort tazzwei/Medien

■  Johannes Gernert, 33, ist Redakteur der sonntaz