Gutmenschentum und Wortverbot

Nie im Leben würde unsere Autorin Milošević am Grab besuchen. Aber Peter Handke, sagt sie, muss man dennoch verteidigen. Ihm den Heine-Preis zu verweigern, ist für sie reine Empörungsgymnastik. Heilung entsteht aber nicht aus Rechthabenwollen

VON MARICA BODROČIĆ

Ja, wir wissen, wie es geht, das Leben, die Wahrheit und der Wind der Sprache. Wir kaufen uns die Wörter gleich schon aus den Träumen weg und treiben damit Handel, wie es uns beliebt. Wir sagen Dinge, ohne auf die Wirkkraft des Gesagten zu achten, ohne uns bewusst zu sein, dass die Sprache unseren Verrat an uns selbst am besten archiviert. Wie eine Mathematik des Hohns kommt einem dieser Tage der Umgang mit der Vergabe des Heinrich-Heine-Preises und mit dem Schriftsteller Peter Handke vor.

Unser Gutmenschentum hat eine neue Qualität bekommen. Freilich war sie schon immer da. Nur jetzt trauen sich die Leute, laut zu sagen, was sie denken. Sie denken, man könne einfach mit Menschen verfahren wie mit heißen Kartoffeln. Ist das ein Zufall, in einem Land, in dem man die Leute auch auf ihre Gesinnung hin zu prüfen gedenkt, wenn sie eines deutschen Passes würdig sein sollen? Offenbar hält die Demokratie vieles für möglich, auch das Verbot, auch die Ermessensgrenze für gute und für schlechte Urteile. Urteile, darin sind sich alle einig, sind etwas Gutes.

In der Literatur, in der guten, würde man auf eine solche Haltung pfeifen, sofort, nach den ersten drei Seiten, und das Buch wieder zur Seite legen. Die einen, in der Welt, dürfen sagen, was die Welt ist und wie sie zu funktionieren hat. Die anderen, die sich das wahrhaftige Sagen zum Beruf gemacht haben, dürfen das jetzt nicht. Sie werden mit einem üblichen Gestus der Empörung einfach von der Landkarte des Sagens gelöscht. Unsere wohlfeile Wegwerfkultur macht diesen Habitus ernsthaft möglich. Auch Politiker und Jurymitglieder des Heinrich-Heine-Preises halten sich nicht mehr an den allgemein anerkannten Ehrenkodex. Das Plappern ist eine Devise geworden, eine Währung ohne Rückstoß, die Wörter haben Unterröcke bekommen und schmutzige Füße und einen ohne das Gewissen schlingenden Mund.

Der verfressenen Rede aber hat sich Peter Handke mit seinem ganzen Werk, von Beginn an, entgegengestellt; wobei das „gegen“ nie seine Sache war, sondern immer nur der Blick, das Für-die-Welt, Für-das-Licht und die Dinge. Einem Autor wie ihm nun den bereits anvisierten Heinrich-Heine-Preis wieder zu entziehen, geht über einen Skandal hinaus. Es muss möglich sein, einem streitbaren Menschen, den Heinrich Heine als Erster hätte überhaupt einmal eine eigene Preisrede halten lassen, mit Achtung zu begegnen.

Was meint aber das Wort Achtung? Aufmerksamkeit ohne Verlogenheit. Ohne den Anspruch, der eigenen Welthaltung dabei spießbürgerlich genaue Rechnung zu tragen. Was uns nicht gefällt, soll auch nicht gesagt sein. Wir haben keine Ohren. Keine Augen. Wollen nicht sehen, was unserem Urteil entgegenwirkt, aber doch wirksam ist. Was auch immer Peter Handke getan, gesagt und vor allem in seinen Büchern geschrieben hat, es hat uns immer angerührt, verstört auch (warum denn nicht!), hat uns meist auch eine Welt geschenkt, einen inneren Blick und die Fähigkeit, unser Inneres größer zu denken.

Kroatien ist ein Land, das gut auf Handke schimpfen könnte. Tatsächlich werden derzeit Übersetzungen geplant Wir müssen widersprechen. Aber mit den Mitteln der Sprache und der Freiheit, nicht mit ihren Gegenspielern, den Verboten

Wenn ich auch selbst nicht im Traum daran denken würde, Slobodan Milošević am Grab von dieser Erde zu verabschieden, möchte ich doch die Frage stellen, ob unsere Verlogenheit auch, würden wir von Handkes Grabbesuch in Pozarevac in einem Roman gelesen haben, so weit ginge, ihm diesen moralisch zu verbieten? Oder würden wir doch wissen wollen, was dies rechtfertigt, warum es geschehen ist – selbst dann, und doch gerade dann, wenn wir dies nicht begrüßen. Jede Kopftuchträgerin in Deutschland und Frankreich muss sich dem Argument unserer Aufklärung stellen, muss sich an Voltaires Wahrheitsanspruch messen lassen, nach dem, so heißt es, alles getan werde, was dem Anderen die eigene Welt ermögliche. Nicht das Einverstandensein hat Voltaire zu Voltaire gemacht, nein, dass er bereit war, sogar dafür zu kämpfen, dem Anderen das Seine möglich zu machen. Das ist Aufklärung und das ihr innewohnende Gewährenlassen.

Leicht sagt es sich, Handke beleidige mit diesem oder jenem die Opfer des einstigen Krieges und rücke nun auch die Stadt Düsseldorf in schlechtes Licht. Ja, unsere Angst ist größer als unser Wissenwollen. Bemerkt auch niemand im so genannten Westen, dass unsere Überheblichkeit, nun auch schon im Namen der Opfer zu sprechen, eine seelenlose Form eingenommen hat, die zu wahren Handke doch immerhin stets versucht hat.

In der kroatischen Hauptstadt werden derzeit Übersetzungen von Peter Handkes Werk geplant. Der junge mutige Verleger Seid Serdarević hält dies offenbar für möglich, sogar in Kroatien, einem Land, das auf Peter Handke gut schimpfen könnte. Und obwohl es ein so kleines und an demokratischer Erfahrung junges Land ist, will es sich dem Gespräch stellen. Natürlich nicht als solches, als Land, als Volk, aber doch mit seinen Mittlern, den Menschen, wenn auch die Mutigen an den Fingern zweier Hände abzählbar sind, aber es gibt sie. Und man traut ihnen schon seit jeher nicht zu, Voltaire im Original zu lesen. Und nicht nur das: zu inhalieren. Die Freiheit wird gewollt. Auch wenn sie noch in schweren Ketten liegt. Aber sie wird möglich gemacht, möglich durch Menschen, die sich nicht scheuen, gegen den Strom zu schwimmen, und die genau wissen, dass sie sich dabei einen großen Muskelkater holen werden.

Die Politiker wissen es besser. Sie denken noch immer in der Vergangenheitsform, und es kommt einem vor, als interessiere sie überhaupt keine Form von Heilung oder Erneuerung. Allein deshalb, betrachtet man den Schritt des kroatischen Verlegers, ist die ganze deutsche (und französische) Debatte so schädlich. Es ist vielleicht für uns, die wir hiesige Politiker sind, nicht wichtig, dass das alles in Kroatien möglicherweise noch mehr Engstirnigkeit und Schwarzweißmalerei fördern wird. Aber was kümmern uns die Menschen, die dort leben, wir wollen eine eigens für uns reine Stirn haben! Und sagen können, dass wir mal an die Opfer gedacht haben, bevor wir unsere Diäten und Gehaltserhöhungen für einen Wochenendausflug investiert haben, bei dem es Champagner und geräucherte Schafe, Ziegen, Lämmer gab. Politiker, ja, die gehen in Rente.

Aber die Menschen vor Ort, jene, die mit ihren Nachbarn leben müssen, sind nicht so schnell mit einer deutschen, französischen, englischen Pension gesättigt. Sie können nicht sagen, jetzt haben die Grünen verloren und die SPD ist nicht mehr unser Koalitionspartner und wir haben jetzt eine Kanzlerin an der Macht. Nein!, die Menschen vor Ort haben ihre Wunden, Wunden, die keine Grenzen haben, die ein Gedächtnis werden, die auch in zehn, fünfzehn, zwanzig, fünfzig Jahren noch immer fortwirken und mit einem Mal einem anderen, traurigen armen Menschen das schreckliche Recht geben werden, zu den Waffen zu rufen. Wir, die wir uns so stolz und so wissend Europäer nennen, wir haben nichts von der Geschichte und unserer Verantwortung in ihr verstanden. Wir polieren unsere Gesichter und Wörter immer noch mit einem alten Schminkreflex zurecht. Wir geben Ratschläge, ja, im Schlagen sind wir Meister! Wir denken, wir sind gute Menschen, wenn wir es nicht erlauben, dass Opfer in unserem Namen beleidigt werden.

Hat einer der nun reumütig gewordenen Jurymitglieder die Menschen vor Ort, in Kroatien, in Bosnien, in Serbien, im Kosovo, in Makedonien besucht? Einer der Düsseldorfer Politiker, die eine autonome Juryentscheidung nun durch einen Beschluss unterwandern, je einem beinlosen Kind in die Augen gesehen? Einer Bäuerin aus Serbien beim Kuhmelken zugeschaut? Das kroatische Binnenland bereist, die Häuser gesehen, an denen nur das Wetter eine Handschrift hinterlassen hat?

Peter Handke hat all das getan, auf seine, dem schreibenden Menschen gemäße Art. Was unsere moralische Empörungsgymnastik nie geschafft hat, wird sein Werk längst in Bewegung gebracht haben. Und wir sehen es auch; von heute aus betrachtet, begreifen wir, wie unsinnig es war, die serbischen Menschen aus der Luft zu beschießen, Brücken zu zerstören und Feindschaft zu säen. Wen machen die Serben für all das verantwortlich? Selbstverständlich insgeheim die Kroaten. Und das kann uns in Düsseldorf wirklich ganz egal sein, wir hören nur in den Nachrichten, dass „da unten“, wie wir uns so oft ausdrücken, wieder der Teufel los sei. Der Teufel, den wir selbst mitgemalt haben. Spricht man mit jungen Menschen in Zagreb, so findet sich kaum einer, der das Nato-Bombardement begrüßt hätte, kaum einer noch, der sich im Namen von Tudjman an irgendeine blutdurchtränkte Grenze legen und blind drauf losschießen würde.

Aber im Westen ist es noch immer Konsens, die Beschießung Serbiens ist noch immer im Bewusstsein der Politiker ein politisch korrekter Akt. Wie kriegen wir das in unserem Weltbild zusammen? Wie können wir tatsächlich einem Menschen, der, natürlich mit vielen Widersprüchen (wer widerspricht sich nicht?), der uns auf all das alleinstehend auf großer Flur aufmerksam gemacht hat, allen Ernstes wieder den Heinrich-Heine-Preis aberkennen wollen?

Das bloße Daherreden ist zum eigenartigen Gefuchtel geworden. Es ist traurig, dass es uns nur um unseren guten Ruf geht. Und eben nicht um die Menschen. Wer interessiert sich für sie nach den Debatten? Wir, die Hüter des Wissens und des Rechtes, wir, die wir so viel zu wissen glauben, sollten wirklich erst einmal Leser werden, bevor wir so viel Unbrauchbares, so viel Schädliches sagen. Das darf am Ende niemals einfach nur ein dummes Einverstandensein mit sich bringen. Wir müssen widersprechen. Aber mit den Mitteln der Sprache und der Freiheit, nicht mit ihren Gegenspielern, den Verboten.

Das wirkliche Reden und Sagen beginnt aber erst, wenn wir es uns leisten können, angstlos zu sein und den Anderen aussprechen zu lassen. Wenn wir Abstand nehmen von den Verboten, die doch nur verraten, dass wir nicht Fähige des Wortes sind. Wir können es nicht verkraften, die Wahrheiten, jede für sich, jede einzelne stehen zu lassen. Dass Politiker das nicht können, das ist leider ein längst bekannter Gemeinplatz. Aber Menschen, die dem Namen Heines genügen wollen – und das wollen sie wohl, wenn sie in seinem Namen einer Jury beiwohnen –, sind dabei allerdings ein deutsches Novum. Auch das ist eine Kultur der Lüge, eine Züchtung der Eitelkeiten. Welche Devisen haben wir noch, nach den Zerstörungen und öffentlichen Onanien? Können wir wirklich so gut schlafen und sicher sein, dass nicht die Diktatur am Ende in den Fluren unserer eigenen Träume sitzt und Däumchen dreht und dumm dreinschaut, am Ende, so ganz nebenbei, mit unseren eigenen Augen?

Marica Bodročić wurde 1973 in Dalmatien, dem heutigen Kroatien geboren. Sie ist Schriftstellerin und lebt seit 1983 in Deutschland. Ihr letzter Roman „Der Spieler der inneren Uhr“ erschien bei Suhrkamp