„Straflos davongekommen“

GESCHICHTE Ein Dokumentarfilm berichtet über ein wenig bekanntes Massaker der Nazis in Riga

taz: Herr Hobrecht, in Ihrem Dokumentarfilm „Wir haben es doch erlebt“, geht es um ein Massaker in Riga, das 1941 stattfand. Was ist damals passiert?

Jürgen Hobrecht: Bevor 25.000 deutsche Juden ab 1941 nach Riga deportiert werden konnten, wurde das Ghetto von Riga liquidiert. An zwei Tagen erschossen zwölf Schützen 27.000 lettische Juden im Wald von Rumbula, meistens Frauen, Kinder und alte Menschen. Das Kommando hatte der Höhere SS- und Polizeiführer Friedrich Jeckeln, der auch für das Massaker von Babi Jar drei Monate zuvor verantwortlich war, bei dem 33.000 Menschen ermordet wurden. In meinem Film wird weltweit erstmals von Rumbula erzählt.

Warum weiß man darüber bis heute so wenig?

Riga ist einer der ganz unbekannten Tatorte des Holocaust und führt auch in der historischen Literatur eher ein Schattendasein. Die Verbrechen sind lange von der sowjetischen Besetzung des Baltikums überdeckt worden – obwohl mit der Deportation der Juden aus dem Reich nach Riga die sogenannte „Endlösung“ begann, noch vor der der Wannsee-Konferenz 1942.

Wie kamen Sie auf das Thema?

Ich wurde 1990 auf das Thema aufmerksam, durch Winfried Nachtwei, der ab 1994 für die Grünen im Bundestag saß. Der kam entsetzt aus Riga zurück, weil es dort keine Erinnerungen an die dort ermordeten Juden gab, weder an die lettischen, noch an die deutschen. Wir sind dann 1991 zusammen mit zwei Überlebenden eines Transportes, der aus Westfalen nach Riga fuhr, nach Lettland gereist und haben Spuren gesucht. Das Ergebnis war der Film „Verschollen in Riga“. Er lag 20 Jahre brach, bis verschiedene Leute ihn nochmal zeigen wollten. Ich hab diesen Film daraufhin neu gestaltet und den Focus ausgeweitet.

Seit der Auflösung des Rigaer Ghettos sind über 70 Jahre vergangen. Mit wie viel Zeitzeugen konnten Sie sprechen?

Mit etwa einem Dutzend. Durch den Film melden sich jetzt noch immer wieder Überlebende.

Haben Sie auch mit Tätern gesprochen?

Nein. Einer der zwölf Schützen von Rumbula lebt möglicherweise noch; wir werden dazu ein Recherche-Projekt starten.

Wurden die Verantwortlichen je zur Rechenschaft gezogen?

Die zwölf Schützen von Rumbula sind davongekommen. Das Verbrechen ist nicht geahndet worden. Friedrich Jeckeln wurde 1946 in Riga gehängt – unter anderem wegen des Massakers von Rumbula. Damit beginnt mein Film.  Interview: Jan Zier

19 Uhr, Zentralbibliothek, Wall-Saal. Den Film gibt es für 15 Euro als DVD zu bestellen: info@phoenix-medienakademie.com

■ 56, Journalist, ist Regisseur und Produzent des Dokumentarfilms „Wir haben es doch erlebt“.