Lustvolle Metamorphosen

FRAUEN, TIERE, MONSTER Zwitterwesen aus Mensch und Tier verunsichern. Besonders bedrohlich sind diese Hybriden, wenn sie weiblich sind – wie beispielsweise Dren, das Monstrum in Vincenzo Natalis Horrorfilm „Splice“

VON ROCHUS WOLFF

Wie sieht ein weibliches Monstrum aus? In der Alptraumfabrik Kino meist schlank, schön und makellos, mitunter verführerisch. Ganz anders Dren, die Protagonistin von Vincenzo Natalis Horrorfilm „Splice“. Dren ist zwar unverkennbar menschlich und weiblich, zugleich aber immer überdeutlich fremd. Sie hat keine Haare, ihre vogelartigen Beine haben zu viele Gelenke. Und doch ist sie womöglich das verführerischste Monstrum, das das Horrorkino seit langem hervorgebracht hat.

„Splice“ reiht sich in das Subgenre der mad scientist-Filme ein und ist zugleich Hommage an den Monsterfilm der 1930er-, 1940er-Jahre: Drens „Eltern“, das Forscherpaar Clive und Elsa, sind nach Schauspielern aus James Whales Frankenstein-Klassikern benannt. Die beiden sollen eigentlich für ihren Arbeitgeber hybride Tierarten entwickeln, aber ihr Forschungsdrang treibt sie weiter: Sie vereinen die DNA von Menschen und mehreren Tierarten, sodass Dren einen ganzen Cocktail anatomischer Besonderheiten mitbringt, die der Film erst nach und nach enthüllt.

Elsa nutzt ihre kulturelle, wissenschaftliche Macht, um ein Monster zu erschaffen

Fleischgewordene Erinnerung

Die Kulturwissenschaftlerin Catherine Shelton hat das unheimliche Potenzial von Tiermenschen im Horrorfilm damit erklärt, dass sie sowohl dem Bereich des Tierischen wie auch dem des Menschlichen angehören. Sie sind fleischgewordene Erinnerung daran, dass auch wir stets Teil der Natur sind.

Den Lebenswissenschaften ist dies freilich nicht fremd: Drei Viertel unseres Erbguts teilen wir schließlich selbst noch mit Fadenwürmern. Das Animalische, das spricht der Horrorfilm bildhaft aus, lauert dicht unter der Oberfläche unseres Körpers. So knabbert der Tiermensch fortwährend an der Grenze zwischen Natur und Kultur, an deren Existenz wir so gerne glauben wollen, und ist immer dann am beunruhigendsten, wenn er uns ähnlich und doch anders ist.

Von allen körperlichen Funktionen ist dabei die Reproduktion vielleicht die unheimlichste, nicht nur, weil sie, etwa beim Sex, fast automatisch mit dem Verlust von intellektueller Kontrolle einhergeht, also genau dem, was uns zu Kulturwesen macht. Schwangerschaft und Geburt setzen diese Konfrontation mit unserer Körperlichkeit dann geradlinig fort.

In „Splice“ wollen Clive und Elsa die Natur dadurch bändigen, dass sie Dren in einer künstlichen Gebärmutter heranwachsen lassen. Aber natürlich sucht sich, wie es einmal in „Jurassic Park“ hieß, das Leben seinen Weg. Denn nicht nur wächst der hybride Embryo schneller als erwartet, sondern Drens Geburt macht deutlich, dass die Wissenschaft Sexualität und Fortpflanzung nicht so leicht gezähmt bekommt.

Die Reproduktion von Monstren ist ein wichtiges Thema des Horrorfilms, seit sich die Möglichkeiten genetischer Manipulation dort als Standardtropen etabliert hatten. Nun sind es vor allem weibliche Hybriden, die zur Gefahr werden, legt ihnen doch die Gentechnologie die Replikation gewissermaßen mit in die Laborwiege. Dass sie sich vervielfältigen können, schließt die Möglichkeit ein, wir Menschen könnten auf den Status einer Kreatur unter anderen degradiert werden und plötzlich nicht mehr oberstes Glied der Nahrungskette sein.

Die genetischen Hybridfrauen sind insofern geradezu archetypisch für das Monströs-Weibliche („The Monstrous-Feminine“), das die Filmwissenschaftlerin Barbara Creed auf der Grundlage feministischer Filmtheorie im Horrorfilm von „Alien“ bis „Carrie“ identifiziert hat: Anders als beim männlichen Monstrum sei das weibliche schon qua seines Geschlechts monströs – gerade die Fähigkeit zu Schwangerschaft, Reproduktion und Mutterschaft sei konstitutiv für seine Monstrosität.

Die Filme der „Alien“-Reihe sind Fundgruben für Bilder solch beängstigender Weiblichkeit; von der perversen „Schwangerschaft“ mit außerirdischen Parasiten über die riesige Alien-„Königin“ bis hin zum Ripley-Alien-Hybriden aus „Alien: Die Wiedergeburt“, die ihre Abkömmlinge nunmehr wie ein Mensch gebiert. Noch näher an Creeds Thesen wirkt das B-Movie „Species“ aus dem Jahr 1995: Menschliches Erbgut wird mit DNA-Sequenzen von Außerirdischen verbunden, das daraus erwachsende Hybridwesen Sil hat äußerlich den Körper einer Frau, kann sich aber zu einem reptilienhaften Monstrum umwandeln. Natürlich entkommt Sil und will sich paaren – sie repräsentiert aktive, verführerische weibliche Sexualität, ist selbstbestimmt und gefährlich, eine Alien fatale. Ihre Schwangerschaft wird als hypertroph-beschleunigte Prokreation inszeniert: Schon Sekunden nach dem Samenerguss des Mannes bewegt sich ein Fötus in Sils Bauch.

Die mittlerweile drei nicht weniger trashigen Fortsetzungen spielen diese Bedrohung auch in anderen Geschlechterkonstellationen durch; stets wird aber der Vorgang von Schwangerschaft und Geburt als das eigentlich Monströse inszeniert: eine Alien-Invasion von innen.

Die Anthropologin Sherry B. Ortner hat 1974 beschrieben, wie Frauen aufgrund ihrer reproduktiven Fähigkeiten eine Position zwischen Natur und Kultur zugeschrieben wird, wie sie also jenen „irritierenden biologischen Zwischenstatus“ erhalten, den Shelton dem Tiermenschen im Horrorfilm zuschreibt. In „Splice“ scheint Elsa diese Zuschreibung völlig abzulehnen: Sie will kein eigenes Kind bekommen, stattdessen nutzt sie ihre kulturelle, wissenschaftliche Macht, um ein Monster zu erschaffen.

Anstatt daraus aber eine antifeministische Parabel über eine Karrierefrau zu stricken, die ihrer gesellschaftlichen Bestimmung als Mutter nicht nachkommen will, arbeitet Natalis Film vor allem daran, unsere Vorstellungen von Geschlecht und Reproduktion zu erweitern. Denn zunächst stellt Drens Entstehung schon die zwingende Bindung von Schwangerschaft an einen als biologisch weiblich apostrophierten Körper in Frage. Als Drens Sexualität erwacht und Elsa und Clive, in einem klassischen Coming-of-Age-Szenario unter monströsen Bedingungen, völlig die Kontrolle über ihr „Kind“ verlieren, offenbart sich dann auch das eigentlich Transgressive in Drens Wesen.

Ihr eigentlicher Schrecken liegt darin, dass es schön sein könnte, lustvoll, erlösend gar, Hybride zu sein

Lernfähig, aber nicht zivilisierbar

Sie vereint zu jedem Zeitpunkt Kultur und Natur, Trieb und Lernfähigkeit, Bewusstsein und Zügellosigkeit. Dren schwankt nicht zwischen vermeintlich unvereinbaren Polen hin und her, sie bleibt in ihren Metamorphosen, die jedes Mal scheinbar ihr wahres Wesen zum Vorschein bringen und doch nur neue Zwischenstadien markieren, immer sie selbst. Sie bleibt auch immer menschlich: Natali hat für die Darstellung seines Monstrums nur sparsam computergenerierte Bilder eingesetzt und verlässt sich vor allem auf die Schauspielerin Delphine Chanéac, die Dren Gesicht und Körper, Mimik und Gestik verleiht. Eine Stimme, um selbst zu sprechen, bekommt sie freilich nicht – so bleibt sie immer auch die Fremde, Andere.

Anders als man es aus den klassischen Tiermenschen-Filmen kennt, erlebt Dren ihre körperlichen Veränderungen zuletzt nicht mehr schmerzhaft, sondern lustvoll. Dren ist kein Monstrum wider Willen, sondern ein lernfähiges, aber nie in unserem Sinne zivilisierbares Anderes, für das auch die herkömmlichen Grenzen von Geschlecht und Sexualität nicht mehr gelten.

Darin liegt ihr eigentlicher Schrecken: dass es schön sein könnte, lustvoll, erlösend gar, Hybride zu sein, Mensch und Tier zugleich, Monstrum und Haraway’scher Cyborg, zwischen den Geschlechtern. Das ist es, was „Splice“ und seine Protagonistin Dren so unheimlich macht, so anziehend, so aufregend.

■ „Splice“. Regie: Vincenzo Natali. Mit Adrien Brody, Sarah Polley, Delphine Chanéac u. a. Kanada, Frankreich, USA 2009. 108 Min.