bob dylan & die rare kunst, nicht andywarholtauglich zu sein von WIGLAF DROSTE

Die Rezeptionsgeschichte Bob Dylans ist die Geschichte von Missverständnissen. „Judas!“ wurde er gerufen, als er in den sechziger Jahren geschmackssicher zur Stromgitarre griff. Ein dümmerer Anwurf ist nicht denkbar; Dylan verriet niemanden und nichts mit seinem neuen Sound – nur war er eben nie Teil der Gemeinde, die ihn übergriffig dreist für sich reklamierte. Dass sein „Blowing in the wind“ zur Hymne halbdebiler Glaubetrottel wurde, die das Lied an Milliarden von Lagerfeuern zerschunkelten, zerschrummelten und zerbongoten, geht so wenig auf Dylans Konto wie die Fehlinterpretation, „The times they are a-changing“ sei ein Lied über den Aufbruch in bessere, glückliche Zeiten.

Was Dylan von solchen Eingemeindungen hält, schrieb er im ersten Teil seiner Autobiografie „Chronicles, Volume One“ sehr deutlich auf. Er verabscheute, „dass man alles Mögliche in meine Texte hineingeheimniste, dass ihre ursprüngliche Bedeutung in etwas Polemisches verkehrt wurde – und dass ich zum Oberpopanz der Rebellion ernannt worden war, zum Hohepriester des Protests, zum Zaren der Andersdenkenden, zum Herzog der Befehlsverweigerung, zum Chef der Schnorrer, zum Kaiser der Ketzer, zum Erzbischof der Anarchie, zum Großen Zampano.“

Auch auf dem Frankfurter Bob-Dylan-Kongress im Mai 2006, mehr als 44 Jahre nach der Veröffentlichung seiner ersten Schallplatte, wurde Dylan noch als „Stimme“ und „Sprecher seiner Generation“ bezeichnet – obwohl er selbst doch unmissverständlich erklärt hatte: „Die Schreihälse von der Presse verkündeten unermüdlich, dass ich das Sprachrohr einer Generation sei, ihr Wortführer oder sogar ihr Gewissen. … Ich hatte sehr wenig mit der Generation gemein, deren Stimme ich sein sollte, und ich wusste auch nichts über diese Generation. … Ich hatte nie die Absicht gehabt, anderer Leute Meinung ins Mikro zu schreien. … Ich war eher ein Kuhhirte als ein Rattenfänger.“

Im Negativen funktionieren die Ein- und Zuordnungen Dylans genauso wenig. „Mit nur etwas gutem Willen / Singst du besser als Bob Dylan“, pflegte der Sänger Ekki Busch, langjähriger ‚Element of Crime‘-Akkordeonist, zu sagen – hübsch formuliert, aber leider nicht wahr. Denn Robert Zimmerman, der die Kunstfigur Bob Dylan schuf und wurde, klingt niemals nach seinen Vorbildern, zu denen einmal – aber ja! – auch Neil Sedaka gehörte, sondern immer ausschließlich wie er selbst, wie Dylan. Der die große, rare Kunst beherrscht, nicht andywarholtauglich zu sein. Dylan lässt sich nicht xerokopieren, nicht einmal von sich selbst.

Auch die aktuellen Versuche von Konservativen, Dylan als einen der ihren für sich abzugreifen, werden der Mann und seine Lieder unbeschadet überstehen. Dylan, scheint es, ist alles, was es gibt – ihn auf seine religiösen oder explizit christlichen Partikel zu reduzieren, ist genauso falsch, wie ihn als Protestsänger misszuverstehen. Man kann das Universum eben nicht in kleine Schachteln packen und in der Einkaufstüte mit nach Hause nehmen. Dass dieses Universum aber am 24. Mai 2006 seinen 65. Geburtstag feierte, macht es angenehm süß. Niedlich wird es dennoch nie.