Träume mit Victor

„Kampf an neuen Fronten“, so hat Eric Gujer sein Buch über den Bundesnachrichtendienst (BND) genannt. Wie passend angesichts dessen, dass der BND offenbar nicht nur im Ausland spionierte und Terroristen verfolgte, sondern auch hierzulande über Jahre missliebige Journalisten bespitzelte.

Gujer ist gut informiert. Nicht umsonst ist er sicher Mitglied im „Gesprächskreis Nachrichtendienste in Deutschland“. In diesem gemeinnützigen Verein treffen sich vor allem ehemals hochrangige Mitarbeiter von BND und Verfassungsschutz, um aktuelle Sicherheitsprobleme zu diskutieren. Angesichts des aktuellen Kampfs gegen den Terror verwundert es jedoch, dass Gujer den Kampf an „neuen Fronten“ über die ersten beiden Kapitel hinweg erst einmal entlang den alten Schützenlinien des Kalten Krieges stattfinden lässt. Dazu gehört etwa die „Rübezahl“-Affäre um den früheren Leiter der BND-Sicherheitsabteilung, Volker Foertsch, heute Vorstandsmitglied des „Gesprächskreises“. Der war 1998 in den Verdacht geraten, ein russischer Doppelagent zu sein. Zwar war der „Maulwurf“-Vorwurf nicht zu beweisen, Foertschs Agentenkarriere allerdings ging zu Ende.

Nun zeichnet Eric Gujer diese Affäre noch einmal ausführlich nach – ausschließlich aus der Sicht des ehemaligen BND-Direktors. Reiner Zufall? Natürlich fehlen auch die ewigen Wiedergänger deutscher Geheimdienstbücher bei Gujer nicht. Etwa die nahezu unermüdlichen Grabenkämpfe in der Pullacher Chefetage und die ständigen Querelen zwischen Politik und Geheimen. Geradezu vernarrt scheint er zudem in die Geschichte um den einstigen BND-Top-Spion Leonid Kutergin (Deckname „Viktor“).

Erst wenn dies alles abgehandelt ist, nähert sich Gujer über die Anschläge vom 11. September 2001 und Bushs Irakkrieg von 2003 seinem eigentlichen Thema. Und da wird es dann merkwürdig dünn. Zwar werden auch hier verschiedene Ermittlungserfolge von Geheimdiensten und Polizeien detailliert nachgezeichnet – doch der BND ist kaum dabei. Stattdessen erfährt man, dass der Nahe Osten, Pakistan, Indonesien und Nordafrika als Hauptbasen für die Rekrutierung von Attentätern gelten. Das ist jedem aufmerksamen Zeitungsleser bekannt. Ebenso, dass im Sommer 2005 beim BKA rund 180 Ermittlungsverfahren im islamistischen Umfeld anhängig waren, davon zirka 80 wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung.

Auch dass es schwierig ist, hier Informanten zu werben, ist nicht neu. Gujer macht dafür das unterschiedliche Weltbild und damit mangelndes Verständnis zwischen westlichen Geheimen und radikalen Muslimen mitverantwortlich. Zum Vergleich werden dann wieder die guten alten Zeiten bemüht. Am Ende erscheint einem „Viktor“ fast schon im Traum. Interessanter ist es da schon, etwas über die Bemühungen zum Aufbau eigener Forschungsstellen und Computerdateien und die damit verbundenen Schwierigkeiten zu erfahren. Ähnliches gilt für den Schmusekurs bei der Kooperation mit nahöstlichen Geheimdiensten. Nicht umsonst gelten jene von Jordanien und Syrien hier als die bestinformierten. Folter hin oder her – in der Welt der Schlapphüte gibt es keine Schurkenstaaten.

Insgesamt merkt man dem Buch an, dass es unter hohem Zeitdruck ständig aktualisiert wurde. Dies führt zu häufigen Sprüngen in den zeitlichen Abläufen und zu lästigen Doppelungen, teilweise auch zu Widersprüchen. Letztlich bleibt dem Leser der Eindruck, ein klares Bild vom neuen Terrorismus und seiner wirksamen Bekämpfung haben weder der BND noch der Autor. Somit ist das Buch zwar eine beachtliche Fleißarbeit, aber überzeugende Antworten gibt es nicht. OTTO DIEDERICHS

Eric Gujer: „Kampf an neuen Fronten. Wie sich der BND dem Terrorismus stellt“. Campus, Frankfurt a. M. 2006, 316 Seiten, 24,90 Euro