DIR USA MÜSSEN ERKLÄREN, WARUM SIE MIT TEHERAN NICHT REDEN WOLLEN

Ein kluger Schachzug des Irans

Inhaltlich bietet der Brief von Präsident Mahmud Ahmadinedschads an George W. Bush nichts Neues, auch keinen Vorschlag zur Lösung des Atomkonflikts. Seine Bedeutung liegt allein in der Tatsache, dass der Iran sich direkt an den „großen“ Satan wendet – ein kluger Schachzug, der die USA in Bedrängnis bringt und der Welt vor Augen führt, dass es in dem iranischen Atomstreit längst nicht allein darum geht, den Gang Irans in den Club der Atommächte zu verhindern. Die mitschwingenden Irrationalismen und Emotionen haben dem Konflikt inzwischen eine einzigartige Bedeutung verliehen – nahezu alle Probleme, die zwischen dem christlichen Abendland und dem islamischen Morgenland existieren, laden den Streit weiter auf.

Wie sonst ließe sich erklären, dass schon der bloße Verdacht, der Iran könnte die Fähigkeit zum Bau der Atombombe erlangen, im Westen Angst und Schrecken auslöst? Bis zum heutigen Tag gibt es dafür keinerlei Beweise. Keiner spricht mehr von Nordkorea, das angeblich im Besitz der Atombombe ist. Niemand regt sich über die Nuklearwaffen auf, die sich in der Hand der pakistanischen Regierung befinden, und die möglicherweise bei der nächsten Wahl direkt in die Hände der Terroristen fallen werden. Und keiner thematisiert das Atomarsenal Israels mit mehr als 200 Nuklearbomben, obwohl durchaus die Möglichkeit besteht, dass diese bei einer Zuspitzung des Nahostkonflikts eingesetzt werden.

Natürlich ist die Atombombe in der Hand von Radikalislamisten vom Schlage Ahmadinedschads eine grauenhafte Vorstellung. Aber es geht nicht allein darum. Die USA haben erklärtermaßen das Ziel, im Iran einen Regimewechsel herbeizuführen. Sie sind bis auf Syrien und Iran fast in jedem Land der Region präsent. Diese Lücken müssen geschlossen werden, und sei es durch einen militärischen Angriff. Denn es geht um die Sicherung der Energieversorgung und um lukrative Märkte. Der Brief Ahmadinedschads hat die USA in Zugzwang gebracht. Jetzt müssen sie erklären, warum sie bereit sind, sogar mit Nordkorea zu verhandeln, aber mit Teheran nicht. BAHMAN NIRUMAND