Pflichtschuldige Aufarbeitung

Die WM-2006-Kulturbeauftragten Beckenbauer und Heller hätten es nicht besser machen können: Eine ziemlich belanglose Dokumentation zur Geschichte des Berliner Olympiastadions und Reichssportfeldes von 1909 bis heute

Nicht erst seit der Eröffnung des sanierten Berliner Olympiastadions im Juli 2004 hat es Pläne gegeben, die Geschichte des sogenannten „Reichssportfeldes“ samt seiner für die Sommerspiele 1936 errichteten Arena aufzuarbeiten und zu dokumentieren. Geschichtswerkstätten, das kleine Sportmuseum vor Ort und zuletzt die von Künstlern initiierte Idee einer „historischen Kommentierung“ der Nazi-Architektur nahmen Anlauf auf die Geschichte – und scheiterten: mangels Durchsetzungsvermögen, Geld und politischem Interesse für jene bauliche Chiffre ungeliebter deutscher Vergangenheit.

Wären nicht das Land Berlin und der Bund immer wieder an ihre Verpflichtung erinnert worden, als integraler Bestandteil des Stadionumbaus auch die Geschichte des „Reichssportfeldes“ als NS-Weihestätte für den Sport und dessen Pervertierung im Faschismus zu dokumentieren, es gäbe wohl bis dato kaum etwas über die Arena und ihre ideologischen Spuren zu sehen.

Nur ein wenig mehr als nichts ist aber das geworden, was nun unter und auf der Tribüne der berüchtigten „Langemarckhalle“ am Maifeld hinter dem Stadion zu erleben ist. Dank der Initiative von Volkwin Marg, Architekt des umgebauten Olympiastadions, und dem Deutschen Historischen Museum (DHM) ist es zwar gelungen, zur Fußballweltmeisterschaft 2006 eine Schau zu stemmen. Doch „Geschichtsort Olympiagelände 1909, 1936, 2006“, wie der Titel lautet, verweist schon per Etikett auf das Unpräzise des Themas und wird bestimmt kaum einen WM-Fan ermuntern, sich historische Zusatzinformationen zur Losung „Zu Gast bei Freunden“ zu holen.

Was hätte man machen können im größten erhaltenen nationalsozialistischen Bau- und Flächendenkmal aus Olympiastadion und dem Maifeld, Glockenturm und Langemarckhalle! Doch anstatt das Bauwerk in seiner Gänze zu bespielen als lebendiger Architektur-, Kunst- und Geschichtsort, taucht der Besucher ein in eine kleine Halle unter der Westtribüne am Maifeld, wo in musealer Langeweile 100 Jahre deutsche Sportgeschichte – beginnend mit Turnvater Jahn – von einem guten Dutzend Stellwänden herabblicken.

Es folgen die bekannten Fotos von den Olympischen Spielen 1936, ihren Siegern (Jesse Owens) und Ausgeschlossenen (dem Sinto und Boxer Jakob Bamberger), der Propagandistin der Spiele (Leni Riefenstahl) und ihrem Herrn, dem Gleichschalter von Sport und Wehrertüchtigung, Adolf Hitler. Ein wenig kommt die Ausstellung an eine kritische Dechiffrierung der Nazi-Architektur heran, als sie die Baugeschichte des Geländes von 1909 zur modernen Sport- und zugleich Weihestätte für die Nazis 1936 bis 1945 aufreißt. Das ist nicht neu, aber noch immer beeindruckend, Architektur und ihre brutale Inszenierung vorgeführt zu bekommen.

Schließlich muss sich der Besucher noch durch das Nachkriegs-Olympiagelände bis heute quälen mit Bildern vom „British Tattoo“-Musikfestival, von großen Berliner Rock-, Sport- und anderen Veranstaltungen wie der WM 1974, dem Kirchentag 1989 und Hertha-Spielen, denen jede Aufklärung und Kommentierung zum Umgang mit dem kontaminierten Areal abhanden gekommen scheinen.

Nur einmal gelingt der Dokumentation etwas, das für ganze Schau zum Konzept hätte werden können. Im zweiten Obergeschoss wird in der Langemarckhalle Geschichte und Mythos der von den Nazis zum Heldenepos stilisierten Weltkriegs-Schlacht beim namensgebenden Ort Langemarck ausgestellt. Die Verklärung des angeblich freudigen Todes tausender jugendlicher Kriegsfreiwilliger 1914 münzte das NS-Regime um in sein erstes gebautes Kriegerdenkmal in Berlin. Man kann die Langemarckhalle begehen, hinaustreten auf die Tribüne, von der Hitler wütend hetzte, und sieht das ganze Maifeld und Olympiastadion in einer anderen Klarheit: nämlich als gebaute Ideologie, als gigantisches militärisches Aufmarschgelände. ROLF LAUTENSCHLÄGER

Täglich 9 bis 18 Uhr