Auffälligkeitsmerkmal: Hautfarbe

RASSISMUS Der Filmemacher Riccardo Valsecchi nimmt sich in „ID WITHOUTCOLORS“ die polizeiliche Praxis des Racial Profiling vor – und thematisiert damit auch die institutionelle und alltägliche Diskriminierung in Berlin

VON LUKAS FOERSTER

Der junge Mann, der jetzt auf der Parkbank sitzt und von seinen Erlebnissen erzählt, stand im Jahr 2010 am Tempelhofer Damm vor einem Haus und war dabei, ein Telefongespräch zu beginnen, als er von zwei anderen Männern von hinten gepackt und auf den Boden geworfen wurde.

Jener afrikanischstämmige Mann, der nach einem Überfall auf einen Süßwarenladen in der Nachbarschaft ohne weitere Verdachtsmomente in das Visier der Polizei geriet, angegriffen und minutenlang auf dem Boden liegend festgehalten wurde, ohne eine Idee davon zu haben, warum, bleibt in Riccardo Valsecchis Film „ID WITHOUTCOLORS“ nicht nur anonym, sondern fast unsichtbar: Die anderen Interviewten sind deutlich und klar zu sehen, sein Gesicht aber bleibt unscharf. Der willkürliche Zugriff hat also seine Spuren nicht nur in der psychischen Konstitution des jungen Mannes hinterlassen, sondern auch in der visuellen Oberfläche des Films.

Den Ausgangspunkt des Films, der nun im Rahmen des „Festiwalla“ im Haus der Kulturen der Welt (s. Kasten) zu sehen ist, bildet ein anderes, ein weit reichendes Gerichtsurteil: Am 27. Februar 2012 hatte das Verwaltungsgericht Koblenz entschieden, dass die Bundespolizei bei „verdachtsunabhängigen“ Kontrollen auf bestimmten Bahnstrecken „Reisende mit auffallender Hautfarbe“ gezielt ansteuern dürfe – zwecks Aufnahme der Personalien.

Damit wurde Ethnizität ganz offiziell zu einem Verdachtsmoment erklärt – und Hautfarbe auch im Gesetzestext zu etwas, das in einigen Fällen „auffällt“, in anderen aber selbstverständlich nicht.

Die im Namen eines komplett empathielosen Pragmatismus gefällte Entscheidung sorgte für einen kleinen Skandal und wurde – wie kaum anders zu erwarten – Ende letzten Jahres in der nächsthöheren Instanz vom Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz kassiert.

Ein viel größerer Skandal sollte sein, dass sich die behördliche und polizeiliche Praxis, auf die sich die juristische Auseinandersetzung bezieht, weiterhin in vielen Situationen an der Auffassung des Verwaltungsgerichts ausrichtet – auch etwa im auf sein Multikulti-Selbstverständnis so stolzen Berlin.

All dies zeigt ID WITHOUTCOLORS, ein kleines Stück aktivistisches Filmschaffens jenseits aller traditioneller Vertriebsstrukturen. Der in Berlin lebende Regisseur Valsecchi ist ein italienischer Journalist (unter anderem für die taz) und Fotograf – es ist sein erster Dokumentarfilm.

Im Film geht er dabei nicht einfach nur von der Empörung über ein Gerichtsurteil aus, das immerhin den Vorzug der Eindeutigkeit hat und deshalb Ansatzpunkte für Widerspruch bietet. Er geht auch nicht nur von der in Nordamerika und in zahlreichen europäischen Ländern verbreiteten Praxis des Racial Profiling aus, sondern gleichzeitig von einem Erstaunen darüber, dass institutioneller und alltäglicher Rassismus in Deutschland im öffentlichen Diskurs kaum irgendwo thematisiert wird –, schon gar nicht aus der Perspektive der Leidtragenden, deren körperliche Unversehrtheit oft weniger schwer zu wiegen scheint als der „gute Ruf“, den Deutschland kurioserweise immer noch zu verlieren hat.

Diesen ohnehin schon fragwürdigen guten Ruf verliert man aber nicht nur bei rechtsextremen Nachbarschaftsmobilisierungen gegen Asylbewerberheime in Hellersdorf.

Wie brüchig der vermeintliche antirassistische Konsens ist, kann sich etwa auch in einem Fragenkatalog zeigen, die die taz einem FDP-Politiker mit familiären Wurzeln in Südostasien vorlegt.

Zuletzt unternahm eine Twitterkampagne mit dem Hashtag #schauhin einen bemerkenswerten Versuch, die zahlreichen kleinen und großen, in ihrer Gesamtheit fast alle politischen und gesellschaftlichen Lager betreffenden Erfahrungen von Diskriminierung aus der diskursiven Isolation zu befreien.

Dass all dies in Valsecchis vor wenigen Monaten produzierten Film nicht mehr aufgenommen werden konnte, zeigt nur, wie aktuell und dringlich sein Anliegen ist – und dass sich was bewegt. ID WITHOUTCOLORS entstand in Zusammenarbeit mit dem Migrationsrat und der Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt (KOP), die seit 2002 zahlreiche einschlägige Fälle dokumentiert hat. Die Berlin-Premiere in der Haus der Kulturen der Welt wird von einer Fotoausstellung begleitet (in deren Rahmen auch die hier zu sehenden Bilder ausgestellt werden).

Der halbstündige Film stellt Bildmaterial von polizeilichen Übergriffen neben Interviews mit Aktivisten der Kampagne und mit einigen Polizisten, die sich dem Problem zumindest stellen; fast durchweg bleibt der Film dabei der Empirie verpflichtet und diesseits ideologischer Gesamtbetrachtungen. Lösungen bietet er nicht.

Auch wenn die Filmemacher gut daran getan hätten, mehr auf das schon für sich selbst eindrückliches Material zu vertrauen und auf die eine oder andere Spielerei mit den grafischen Möglichkeiten moderner Videoschnittprogramme zu verzichten: ID WITHOUTCOLORS stellt Bilder und Erzählungen bereit, die wichtige Teile der deutschen Realität sichtbar machen, jenseits der Wunschvorstellungen von Imagekampagnen und der vorgefilterten Tagespresse.