portrait

Pädagogin auf Seiten der Verfolgten

Wer 101 Jahre alt geworden ist, hat viel erlebt – vor allem, wer als Jüdin in Deutschland geboren wurde. Sophie Friedländer kam am 17. Januar 1905 als viertes von fünf Kindern und einzige Tochter eines Hamburger Lehrerehepaars zur Welt. Ein Jahr später zog die Familie nach Berlin. Nach ihrem Schulabschluss verbrachte Friedländer einige Monate in England, bevor sie in Berlin Pädagogik, Drama, Englisch und Geografie studierte.

Nach ihrem Examen machte sie ihr Referendariat an der Karl-Marx-Schule in Neukölln, an der auch ihr Vater unterrichtete. „Es war eine Atmosphäre von Suchen und Finden, von Geben und Nehmen und nicht eine Abfütterung von zugemessenem Wissen“, schrieb sie später in ihren Memoiren. Ihr zweites Staatsexamen legte sie im Jahr der Nazi-Machtergreifung 1933 ab. Da sie als Jüdin nicht in staatlichen Schulen arbeiten durfte, ging sie ans Landschulheim Caputh am Schwielowsee bei Potsdam. Das Heim war von der jüdischen Sozialpädagogin Gertrude Feiertag gegründet worden, die später in Auschwitz ermordet wurde. Es sollte zunächst 30 gefährdete Kinder nicht nur jüdischen Glaubens aufnehmen, doch unter den Nazis wuchs die Zahl schnell auf fast 100 Kinder, die in anderen Schulen keinen Platz mehr hatten.

Das Heim wurde 1938 nach der Kristallnacht von Anwohnern zerstört, die Caputh „judenrein“ haben wollten. Zu der Zeit war Friedländer, die 1937 an die Jüdische Oberschule in Berlin-Moabit gewechselt war, bereits nach England geflohen. Dort arbeitete sie als Haushaltshilfe und später, während des Kriegs, als Übersetzerin und Englischlehrerin für Flüchtlinge.

In England traf sie die Kindergärtnerin Hilde Jarecki wieder, mit der sie bereits in Caputh zusammengearbeitet hatte. Jarecki war 1939 in letzter Minute vor den Nazis geflüchtet. Die beiden Frauen beschlossen, ihren Lebensweg gemeinsam fortzusetzen. Sie kümmerten sich um die 10.000 jüdischen Kinder, die 1938 und 1939 im Rahmen des Kindertransports nach England gekommen waren. Friedländer gründete 1942 in Birmingham ein Heim für Flüchtlingsmädchen, ein Jahr später zog sie mit Jarecki nach Reading um und betreute 5- bis 16-jährige jüdische Kinder, die den Holocaust überlebt hatten.

1955 ging Friedländer wieder in den Schuldienst, während Jarecki sich um sozial benachteiligte Kinder in London kümmerte und ein Netzwerk von 300 Gruppen aufbaute. 1970 wurde Friedländer pensioniert und widmete sich der Malerei und Bildhauerei. Ihre Memoiren „Sophie und Hilde. Ein Zwillingsbuch“ erschienen 1996, ein Jahr nach Jareckis Tod. Sophie Friedländer starb vor kurzem in London. RALF SOTSCHECK