STÄNKERN GEGEN DEN FACEBOOKTWITTERGOOGLE-KOMPLEX

Auf Seiten der Däumlinge

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VON ARAM LINTZEL

Tagtäglich muss ich mich anstrengen, nicht doch zum Kultur- und Medienpessimisten zu werden. Von Kretschmann bis Konkret, von Günter Grass bis Sibylle Berg: Aus allen Richtungen wird gegen den FacebookTwitterGoogle-Komplex gestänkert. Während der baden-württembergische Ministerpräsident nach eigener Aussage vor dem „Schlamm“ auf Facebook in die Kirche flüchtet, entdeckt Konkret-Autor Magnus Klaue in den sozialen Medien nichts als „Sprachklump“ und stinkende Exkremente. „Ein Tweet verhält sich zum Twittern wie das Produkt der Notdurft zum Prozess, der es hervorbringt“, schreibt er im aktuellen Heft. Alles nur Kacke beziehungsweise „Scheißdreck“ (Günter Grass)? Der Trend-Philosoph Byung-Chul Han findet keine Fäkalien, lästert aber dafür in seinem neuen Buch „Im Schwarm“ gepflegt über die ganze Vernetzungspest. Die neuen Medientechnologien seien als „Erfüllungsgehilfen“ dafür verantwortlich, dass, was uns einst lieb und teuer war, sich auflöst. Im Modus klassischer Kulturkritik ahnt Han nichts als Ende und Verschwinden. Respekt, Charisma, der Andere, der Blick, die Innerlichkeit, die Erde, das Wohnen, die Erfahrung, das Geheimnis, die Verantwortung, der Zweifel, der Eros, das Begehren: alles weg, versunken im digitalen Morast! „Der neue Mensch fingert, statt zu handeln“, schreibt Han, und eine neue „Psychomacht“ sorge dafür, dass es mit Denken und Wahrheit zu Ende gehe. Kleiner geht es nie beim Chefdiagnostiker. Han, der einsame Vogel, hat sich vom Schwarm entfernt und beobachtet von ganz weit oben den „allgemeinen Werteverfall“. Allein sein allumfassender, nichts auslassender Gegenwartscheck ist noch längst nicht zu Ende. Über die „Müdigkeitsgesellschaft“ hat er geschrieben, über die „Transparenzgesellschaft“, über Shanzai und die „Agonie des Eros“. What’s next?

Noch so ein Theoriegeneral mit Hang zu Generalthesen ist der französische Philosoph Michel Serres. Auch er sieht einen „anderen Kopf“ und einen „neuen Menschen“ entstehen. Allerdings ist sein kürzlich bei Suhrkamp erschienener Essay „Erfindet euch neu!“ kein kulturpessimistisches Requiem, sondern – so der Untertitel – „eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation“. Euphorisch und liebevoll umarmt der 83-Jährige die „Kleinen Däumlinge“, wie er sie nennt: die Jugend von heute mit ihren Tablets und Smartphones. Während Byung-Chul Han ein „obsessives, zwanghaftes Verhältnis zu dem digitalen Apparat“ ausmacht, freut sich Michel Serres über die „neue Autonomie des Verstandes“ und die „zwanglosen Körperbewegungen, die jener Autonomie entsprechen“. Seine optimistische Sicht der Dinge gründet Serres auf Beobachtungen in Vorlesungssälen weltweit: „Die Kleinen Däumlinge, die Gefangenen von einst, befreien sich von den Ketten, die sie in der jahrtausendealten Höhle auf ihren Sitzen gehalten hatten, still und stumm, mit festgewachsenen Hintern und versiegelten Lippen.“ Wo Han nur den sinnleeren „Lärm“ der Shitstorms hört, vernimmt Serres einen befreienden „Krawall“, eine Unordnung, bei der die Körper in Bewegung kommen. Und wo Han Narzissmus beklagt, begrüßt Serres die Befreiung von Zwangskollektiven. Mehr Gegensatz geht kaum.

Han fragt, was fehlt, Serres: Was geht?! Mag sein, dass Michel Serres an einigen Stellen etwas zu übermütig und gut gelaunt ist, wenn er den Nörglern Kontra geben will. Seine Fürsprache für die jungen Leute bleibt sympathisch und ist dem kulturkritischen Lamento allemal vorzuziehen. Han dagegen wird zum Handke und will seine Ruhe. „Souverän ist, wer eine absolute Stille zu erzeugen, jeden Lärm zu beseitigen, mit einem Schlag alle zum Schweigen zu bringen vermag“, schreibt er, mit Carl Schmitt kalauernd, und wünscht sich die charismatische Herrschaft zurück: „Das Charisma als auratischer Ausdruck der Macht wäre der beste Schutzschild gegen Shitstorms.“ Serres hat verstanden, dass sich die gute alte Quasselbude zum „weltweiten Tohuwabohu“ entgrenzt hat und es kein Zurück zu Ordnung und Gehorsam gibt. Die Gesellschaft der Zukunft wird auf Lärm und Schlamm gebaut sein, da kommen wir nicht mehr raus.

■ Aram Lintzel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Grünen-Bundestagsfraktion und freier Publizist