Mord liegt in der Luft

Nirgends sonst werden so viele Kriminalromane geschrieben wie im niedersächsischen Drochtersen-Hüll. Der Rönndeich, an dem gleich mehrere Autoren wohnen, gilt als „Deutsche Krimistraße“

Im Kehdinger Land sind auch schon Menschen eines natürlichen Todes gestorben. Das ist leider keine Selbstverständlichkeit. Auf dem schwerem Moorgrund südlich der Elbe ist ein großes Thema, wie man Feinde gewaltsam um die Ecke bringt. Auch die Selbstmordrate ist bemerkenswert hoch. Allerdings muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass auch der Suizid durch Erhängen als natürliche Todesursache gilt. Einen Strick hat jeder im Haus, und die alten Bauernhäuser und Katen sind rustikal gebaut, will heißen: Die Balken halten. Würde sich plötzlich jemand durch Tabletten oder Herabstürzen in die Tiefe ums Leben bringen, böte die unkonventionelle Methode sicher mehr Gesprächsstoff als der Suizid selbst.

Was wie Natur aussieht, ist künstlich angelegt

Das Land zwischen Elbe, Oste und Rönne befindet sich auf zugeschlicktem Meeresgrund. Bei Sonnenschein betrachtet, könnte man es als herrliche Natur beschreiben, mit endlos grünen Wiesen und Wasser, wohin das Auge blickt. Entlang des Elbdeiches weiden Schafe, die Nebenarme des Flusses sind von einer Allee Birken gesäumt.

Doch das Kehdinger Land gibt nur vor, Natur zu sein. Alles ist hier von Menschenhand angelegt, es gibt nicht einen Zentimeter Erde, der „nicht schon einmal auf einer Schaufel gelegen hat“, wie die Autorin Elke Loewe spottet. Und das offenbart sich auf den zweiten Blick oder wenn Wolken aufziehen und mit dem Sonnenlicht auch das Idyll trüben.

Die Entwässerungsgräben in den Wiesen sind gerade gezogen, als würde jemand regelmäßig überhängende Grasbüschel abschneiden. Die Straßen entlang sind Obstbäume in so regelmäßigem Abstand aufgereiht, dass jeder Zentimeter nachgemessen scheint. Um diese Zeit, wenn sie noch keine Blüte tragen, erinnern die knorrigen Skelette an die Kreuze eines Friedhofes, „die Toten von Stalingrad“, nennt sie Autor Wilfried Eggers. Die Gegend ist so aufgeräumt, dass sie in guten Momenten besinnliche Ruhe ausstrahlt, die sich in schlechten dann über ein Gefühl der Trostlosigkeit bis hin zur unerträglichen Einsamkeit steigern kann. Denn auf den zweiten Blick ist jeder Anblick gleich, egal wohin man guckt. Keine andere Perspektive für das eigene Leben zu finden, gilt denn auch als Hauptmotiv für die hohe Rate der Freitode durch Strick.

Ein aufregendes Leben wird herbeiphantasiert

Die Alternative zum Strick ist, sich ein wildes Leben auszumalen. Tatsächlich scheint das Leben in der platten Einöde phantasieanregend zu sein. Im Kehdinger Land wird gemordet, was das Zeug hält – zumindest fiktiv. Über den gewaltsamen Tod in all seinen Spielarten gibt es hier Geschichten nachzulesen. Nirgends sonst in dieser Republik ist die Anzahl veröffentlichter Krimis im Verhältnis zur Anzahl der Einwohner so hoch wie in der niedersächsischen Ortschaft Drochtersen-Hüll, bestehend aus den Dörfern Drochtersen und Hüll. Es gibt kaum einen Fleeth, in den nicht schon mal ein verschnürter Leichnam geplumpst, kaum eine ungesunde Pflanze, die nicht schon mal als Giftcocktail verabreicht worden sein soll. Allein 170 Folgen der Fernsehserie „Der Alte“ sowie zahlreiche „Tatorts“ und „Derricks“ hat beispielsweise der Autor Volker Vogeler hier verfasst. Er hat lange Jahre am Rönndeich gelebt, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Schriftstellerin Elke Loewe und Autor Jürgen Petschull. Deshalb kann man auf der Suche nach dem Rönndeich auch nach der „deutschen Krimistraße“ fragen und man findet den Weg.

Wer den Garten von Elke Loewe betritt, sieht sich unwillkürlich nach Tante Robbie um. Tante Robbie ist im Kriminalroman „Die Rosenbowle“ eigentlich ganz friedlich eingeschlafen, denn Loewe mag es nicht gerne brutal. Bei ihr sterben die Menschen eher „leise und botanisch“, wie die Gartenfreundin es formuliert. Für Loewe ist das Schreiben Beruf. Sie hat zahlreiche Filmdrehbücher, Kinderbücher und historische Romane veröffentlicht, ehe sie 1982 den ersten und einzigen „Tatort“ auf Plattdeutsch schrieb. Da die Morde bei ihr in beschauliche Geschichten eingebettet sind, musste sie sich schon einmal als die „Rosamunde Pilcher von Kehdingen“ bezeichnen lassen. Doch das tut ihr Unrecht, denn die über 60-Jährige bringt durchaus etwas modernes Leben in diese Welt. Ihr Wohnzimmer ist so lichtdurchflutet, wie es in dieser Gegend maximal geht, und es gibt italienischen Milchkaffee im Glas.

Loewe sagt, dass das Kehdinger Land für Außenstehende „exotisch“ ist: „Das ist hier eine absolut künstliche Angelegenheit“. In ihren Büchern nimmt sie selbst die Rolle einer Außenstehenden ein. Die Krimis sind aus Sicht einer Münchnerin geschrieben, die der Zufall in das fiktive norddeutsche Städtchen „Augustenfleth“ verschlägt. „Ich möchte nicht das abschreiben, was ich sehe, sondern meine Phantasie einsetzen.“

Morde unter Bauern gibt es auch im echten Leben

Nur wenige Meter entfernt steht Wilfried Eggers in der Küche seines alten Bauernhauses am Rande von Drochtersen, mahlt die Kaffeebohnen von Hand und bietet dazu Rohmilch von der Kuh. Eggers liest selber nur selten Krimis. In seinem Hauptberuf aber ist er Rechtsanwalt und somit ständig mit dem Thema Wahrheit und Gerechtigkeit befasst. Also hat er sich auf das Genre Krimi verlegt, „man soll über das schreiben, wovon man etwas versteht“. Dass das die Maxime des Advokaten ist, der selbst aus einer Bauersfamilie stammt, ist schon am Titel seines ersten Buches abzulesen: „Die Tote, der Bauer, sein Anwalt und Andere“. Die Geschichte basiert auf einem realen Mord. Dass ein Bauer seine Frau umbringt, komme auch im wahren Leben gar nicht so selten vor, weiß Eggers. In der Landwirtschaft würden sich viele Familien „auf ihrer Scholle“ isolieren. Entsteht dort ein Konflikt, sind die Handlungsmöglichkeiten begrenzt. Eggers bettet seine Geschichten in seine reale Umgebung ein und benennt diese gleichzeitig um – auch um es sich nicht mit seinen Nachbarn zu verscherzen. Denn wer will schon gerne die Behauptung lesen, dass ausgerechnet im eigenen Garten eine entstellte Leiche gelegen hat?

Auch für Thomas Morgenstern liegen die Geschichten „auf der Straße“, was in seinem Fall eher der Kuhstall ist. Morgenstern ist Biobauer auf dem Hof Aschhorn in Drochtersen. Sein Krimidebüt handelt von einem „Milchkontrolleur“. Diesen Beruf gibt es tatsächlich. Morgenstern hat sein Geld früher selbst damit verdient, die Menge Milch abzulesen, die aus dem Euter einer Kuh geflossen ist. Die Milchkontrolle wird üblicherweise beim Melkgang am frühen Morgen gemacht. Um diese Uhrzeit, hat Morgenstern festgestellt, sagen die Bauern entweder gar nichts oder reden ohne Unterlass. „Die Geschichten sind da, man muss sie nur aufschreiben.“ Der Melkvorgang spielt nicht nur eine große Rolle in seinem Buch, sondern auch beim Schreiben selbst. Die Handlung seines Krimis hat sich Morgenstern beim Melken überlegt. Die Arbeit als Landwirt „erfordert nicht völligen geistigen Einsatz“, erklärt der Biobauer. „Wenn ich am Tag zwei Mal melke, brauche ich nicht über jeden Handgriff nachzudenken.“ Während die Maschine die Milch aus dem Euter pumpt, sinniert Morgenstern darüber, wie man am effektivsten missliebige Personen killt.

Autorin Elke Loewe warnt davor, den Grund für die fiktive Mordrate in Drochtersen-Hüll nur in der eigentümlichen Umgebung zu suchen. Denn „Morden“, erinnert sie, „kann man überall“.

Darüber hätte sie mit ihrer eigenen Figur Tante Marga in Streit geraten können. Die sagt in der „Rosenbowle“: „Nur an besonders klaren Tagen kann man das andere Ufer sehen, grad wie im Leben, wo ja auch manchmal ganz schöne Wolken aufziehen, denn das Leben an der Küste hier ist wie Ebbe und Flut, läuft auf, läuft ab, oder wie wir hier sagen, löpt op, löpt daal, dazwischen Stillstand …“