Das geplünderte Land

Ein 2.300-Seiten-Bericht zeigt das Versagen der isländischen Politik. Im Theater lesen Schauspieler dem wütenden Volk jedes Wort vor

AUS REYKJAVÍK DANIELA ZINSER

Es hört sich an wie ein Märchen. Von Asche handelt dieses Märchen, viel Asche – doch die legt nicht Europas Flugverkehr lahm, sondern das gesamte Bankenwesen, ja das ganze Land. Asche, Geld, Krona, isländische Kronen, Millionen, viele Zahlenkolonnen kommen darin vor und immer wieder Kaupthing, Landsbanki, Glitnir. Die drei großen isländischen Banken, die irgendwann zu riesig geworden waren und Island 2008 an den Rand des Staatsbankrotts führten. Seitdem ist Island so etwas wie das internationale Krisenlabor, und daraus kommt nun der erste offizielle Untersuchungsbericht. Er ist ein Lehrstück. Auch im Theater.

Die Schauspielerin vorne an ihrem milchweißen Rednerpult verhaspelt sich manchmal, sie hat den Text nie vorher gesehen, schön klingt es trotzdem, poetisch fast. Neben ihr sitzt ein Kollege, der sie gleich ablösen wird. Vor ihm auf dem Tisch eine Wasserkaraffe, Halsbonbons und ein Stapel Bücher. Neun Bände. Der am vergangenen Montag vorgestellte Abschlussbericht des vom Parlament eingesetzten Untersuchungskomitees. Im Borgarleikhúsiš, dem Stadttheater von Reykjavík, lesen seitdem 45 Schauspieler abwechselnd die ganze Woche lang den Bericht vor. 2.300 Seiten. Tag und Nacht.

Die Krise: Der Zusammenbruch der drei größten Banken führte Island im Herbst 2008 an den Rande des Staatsbankrotts. Ehemals eines der reichsten Länder der Welt, stürzte es mit seinen rund 300.000 Einwohnern tiefer in die Finanzkrise als jedes andere Land.

Das Komitee: Ein vom Parlament eingesetztes Untersuchungskomitee befasste sich seit Anfang 2009 mit der Rolle von Spitzenpolitikern und führenden Staatsbeamten im Bankencrash. Die drei Komiteemitglieder – ein oberster Landesrichter, der Ombudsmann des Parlaments und eine Isländerin, die in Yale lehrt – haben 147 Beteiligte verhört.

Der Bericht: Vergangenen Montag legte das Komitee den 2.300 Seiten starken, neunbändigen Bericht vor. Sieben Politiker und Beamte werden darin als Hauptverantwortliche benannt, darunter der Ministerpräsident, der Finanz- und der Wirtschaftsminister sowie der ehemalige Regierungschef und damalige Chef der Zentralbank David Oddsson. Sie alle hätten „grob fahrlässig“ gehandelt, heißt es im Bericht.

Die krummen Dinger: Unglaublich scheint, was das Komitee zusammengetragen hat: Warnungen wurden ignoriert, weil sie von Parteigegnern stammten, Kredite zu verlängern wurde schlicht vergessen, und die Eigentümer der größten Banken hatten „ungewöhnlichen“ Zugang zu Krediten, den sie auch ausgiebig nutzten.

Die Schuldigen: Bislang entschuldigte sich nur die ehemalige Außenministerin Ingibjorg Solrun Gisladottir öffentlich für ihre Rolle während des Crashs. Der ehemalige – und vom Komitee beschuldigte – Wirtschaftsminister Björgvin G. Sigurdsson ist als Fraktionschef der Sozialdemokraten zurückgetreten, betonte aber, seine Unschuld werde noch bewiesen werden. Ein Parlamentsausschuss soll nun klären, inwieweit den im Bericht Erwähnten nach dem Gesetz der Ministerverantwortung der Prozess gemacht werden kann. Ihnen drohen bis zu zwei Jahre Haft. Die Schuldigen im Finanzwesen sucht derzeit ein Sonderermittler, der ankündigte, bald werde es die ersten Strafverfahren geben. (daz)

Böse Finanzwikinger

Mehr als 400 Zuhörer kommen jeden Tag, Schulklassen, Studenten, Mütter mit ihren Kindern, ältere Paare. Manche stricken, andere schreiben mit ihrem Laptop alles mit. Sie hören unglaubliche Geschichten von Gut und Böse, von Oben und Unten, von Finanzwikingern und Politikern, die ihnen in Ignoranz, Arroganz, Inkompetenz nichts entgegensetzen können – oder wollen. Und von einem Land, das dafür büßen muss.

Monatelang haben die Isländer auf den Bericht des Komitees gewartet, nun ist er da, und das Land scheint unter Schock. Es gab keine großen Proteste, es scheint, als sei jeder noch dabei, all die tausend Seiten zu verarbeiten. Im Fernsehen gibt es täglich neue Sondersendungen mit Statistiken, Diskussionsrunden, auch wenn das Thema ein Stück nach hinten gerückt ist, hinter den Vulkan.

„Die Menschen wollen verstehen, was da passiert ist, sie wollen alles durchleben und dann daraus lernen. Aber es ist eine Herkulesaufgabe“, sagt Ingibjorg Elfa Bjarnadottir, Inspizientin am Theater. Sie ist sichtlich aufgebracht über all die Enthüllungen. „Es ging alles nur um Geld, nicht um die Menschen“, sagt sie. Getroffen hat es jeden Einzelnen, mit unbezahlbar gewordenen Krediten, verteuerten Lebensmitteln.

Die 47-Jährige kann kaum glauben, was sie hört: „Jetzt leugnen alle es, aber verdammt, die wussten genau, was da passierte. Waren sie zu dumm oder zu faul, um zu reagieren?“

Sieben Spitzenpolitikern und Staatsbeamten, allen voran Islands Politpaten, dem langjährigen Regierungschef und Zentralbankchef David Oddsson sowie seinem Ziehsohn und Nachfolger Geir H. Haarde, weist der Report detailliert nach, „grob fahrlässig“ gehandelt und ihre Pflichten vernachlässigt zu haben. Sie sahen zu, wie die Eigentümer der privatisierten Banken sie quasi von innen aushöhlten.

Die Isländer werden in Zukunft vorsichtiger sein, wem sie vertrauen, sagt die Inspizientin, und dann fügt sie bitter hinzu: „Die Politik in Island ist tot.“ Aber was dann? Eine Regierung des Volkes wünscht sie sich. „Wir sind doch nur 300.000, da müsste das doch gehen.“ Aber wie das aussehen könnte, weiß sie auch nicht. Es ist mehr ein Wunsch.

Damit jeder den Bericht – unkommentiert von den Medien, denen viele hier misstrauen – hören kann, wird die Theaterlesung auch im Internet übertragen. Erna Yr Gudjonsdottir hört oft zu. Die 23-Jährige arbeitet für eine Firma, die Touristen mit hinausnimmt aufs Meer, um Wale zu beobachten. Ihr platinblonder Pony wackelt, als sie von ihrer Wut erzählt. Geahnt habe es ja jeder, aber je mehr bekannt werde, desto größer werde die Wut. „Die Verantwortlichen sollen ihren Hut nehmen und nie mehr für ein Amt kandidieren dürfen“, stößt sie hervor. Und dann? Wie macht man weiter, wenn man auf mehr als 2.000 Seiten dargelegt bekam, wie die politische Elite versagte? „Island bleibt Island. Wir werden es wiederaufbauen, Schritt für Schritt,“ sagt Erna Yr Gudjonsdottir. Aber dafür müsste das Volk besser informiert werden: „Wir haben es verdient, involviert zu werden.“

Der Bericht ist für all das ein erster, wichtiger Schritt, sagt Halldor Gudmundsson: „Er ist sehr gut gelungen – noch besser, als man sich erhofft hatte.“ Klar, objektiv, bislang unanfechtbar. Mit dieser Art der Aufklärung sei Island anderen Ländern voraus. „Das war sehr wichtig für die Moral in der Gesellschaft“, sagt Gudmundsson. „Die isländischen Steuerzahler mussten mehr und mehr Bürden auf sich nehmen, ohne zu sehen, dass jemand sich seiner Verantwortung stellt und bestraft wird. Das war sehr demoralisierend.“

Der 54-Jährige hat mit dem Buch „Wir sind alle Isländer“ einen erhellenden Einblick in ein Land in der „Kreppa“, wie sie die Krise hier nennen, geschrieben. Und er ist so etwas wie der Literaturbotschafter Islands, gerade organisiert er den Auftritt Islands als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse 2011. Sein Büro ist über einer Filiale der isländischen Buchhandelskette Eymundsson. Dort ist der Bericht schon ein Bestseller, Platz eins der Verkaufslisten. Für 5.990 Kronen gibt es die neun Bände, jeden Band ziert ein Foto wie aus dem Island-Reisekatalog. 3.000 Exemplare wurden gedruckt, der großen Nachfrage wegen werden nun noch mal 2.000 nachgelegt.

„Waren sie zu dumm oder zu faul, um zu reagieren? Die Politik in Island ist tot“

THEATERINSPIZENTIN BJARNADOTTIR

Und welche Lehren kann man bei der Lektüre ziehen? „Wir haben die Kontrolle verloren, wir haben zu viel an die Privatwirtschaft abgegeben. Und die Politiker haben nicht genug aus Interesse an der Bevölkerung gehandelt, sie glaubten einfach: Der Markt wird das schon richten“, sagt Gudmundsson. So etwas könne nur eine starke, demokratische Offenheit verhindern, die kritische Aufmerksamkeit der Bevölkerung, der Medien. Die politische Führung müsse ihre Arbeitsweise offenlegen, die Kontrollmechanismen ernst genommen werden.

Arrogante Parteisoldaten

Iris Erlingsdottir geht noch weiter: „Wir brauchen eine neue Verfassung.“ Die Journalistin bloggt für die Internetzeitung „Huffington Post“ und das alternative isländische Webmagazin „Eyjan“. Korruption in der Politik gebe es überall, sagt sie, aber „in Island entscheidet nicht deine Qualifikation, ob du ein Amt bekleiden kannst, sondern deine politischen Verbindungen. Du hast nur als Parteisoldat eine Chance. Die Parteien entscheiden alles. Das ist ein riesiger Machtapparat.“ Da sei ja die USA sogar noch vorbildlicher. „Die isländischen Politiker haben die geistige Haltung eines Teenagers. Jeder schiebt die Schuld auf den anderen. Dass keiner den Mut hat, seine Fehler einzugestehen, das ist der traurigste Aspekt des Ganzen“, sagt sie.

Tatsächlich hat von den im Bericht genannten Hauptverantwortlichen niemand bislang seine Fehler eingeräumt. Zwar gab es zwei Rücktritte unter den noch amtierenden Politikern, doch stets versehen mit dem Hinweis, man hoffe, ein Strafverfahren – in Island können Politiker nach dem Gesetz der Ministermitverantwortung belangt werden – werde die Unschuld beweisen. „Die Menschen haben diese arrogante Haltung so satt“, sagt Iris Erlingsdottir. „Wir brauchen eine massive moralische Wende. Wie viele da weggeschaut haben: So etwas darf nie wieder geschehen.“