Krank mit Gentech-Insulin

Für Diabetiker stehen fast nur noch gentechnisch hergestellte Humaninsuline zur Verfügung. Patienten, die diese nicht vertragen und Schweineinsulin benötigen, sind auf aufwändig zu besorgende Arzneimittel aus dem Ausland angewiesen

VON GISELA SONNENBURG

Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) verspricht viel: „Diabetes erforschen und verhindern, behandeln und heilen“, prangt als Motto auf ihrer Homepage. Heilbarer Diabetes? „Da muss wohl ein Fragezeichen hin“, meint der Düsseldorfer Ernst Chantelau, ein so erfahrener wie streitbarer Diabetologe. Streitbar, weil er kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es um die Methoden der Gentech-Industrie geht. Diese sponsert und beeinflusst entsprechende Tagungen und Kongresse, Journalisten- und Arztschulungen, Studien und Forschungen – und Fachverbände wie die DDG.

Seit 1982 hat der zunehmend blühende Industriezweig die Zuckerkrankheit als Testfeld: Sie gilt als unheilbar und schwer kontrollierbar, Nebenwirkungen werden der Krankheit zugeschustert. So genannte Humaninsuline, von genmanipulierten Bakterien und Pilzen fabriziert, und ihre künstlich nochmals veränderten Derivate (Analoga) sind die am häufigsten benutzten Gentech-Arzneien. „Biotech“-Produkte, wie es auf Neudeutsch heißt: Jüngere Gentech-Firmen schmücken sich gern mit der nach Öko klingenden Vorsilbe „Bio“. An der Börse sind sie übrigens ein Renner. Insider vergleichen sie mit der New-Economy-Blase vor einigen Jahren.

Die Alternative zur Biotech-Ware, das tierische Insulin, ist in Deutschland nicht mehr zugelassen

Damals, im November 2001, erlebte die 47-jährige Lehrerin Sabine H. ein Fiasko. Tagelang litt sie unter Erbrechen, keine Spritze vom Arzt half – sie kam mit Lebensmittelvergiftung ins Krankenhaus. Ein Nachbar machte den Sanitäter auf die Humaninsulin-Allergie der Diabetikerin aufmerksam – und händigte ihm einen Beutel mit Schweineinsulin-Ampullen, Spritz- und Testgeräten aus. Der Beutel landete auf H.s Nachttisch in der Klinik. Aber den entsprechenden Aktenvermerk zu machen, versäumte die anwesende Ärztin. Oder nahm sie den Hinweis nicht ernst? Sabine H. wurde in der Klinik mit Humaninsulin-Infusionen fast getötet: Atemstillstand, Hirnödem, Nierenversagen.

Zögerlich verabreichte man H. das Schweineinsulin – ihr Zustand stabilisierte sich. Nur: Damit war offenkundig, dass H. mit Humaninsulin falsch behandelt worden war. Als wollte man davon ablenken, behandelte man sie nun auf Herpes-Virus im Hirn. Symptome dafür – Lähmungen, Fieber, Kopfweh – fehlten zwar. Aber das drogenähnlich wirkende Mittel, das man ihr gab, führte bei der Nierenstörung der Patientin zu Wahnvorstellungen – eine medikamentös erzeugte Psychose.

H. kämpft jetzt vorm Landgericht Lüneburg um Entschädigung. Vorläufiger Streitwert: 300.000 Euro. Denn seit der gleich doppelten Falschbehandlung in der Klinik ist sie berufsunfähig. Der für ihr Martyrium zuständige Chefarzt meint hingegen, ihre Humaninsulin-Allergie sei „etwas naturwissenschaftlich völlig Unmögliches“ – obwohl sie labortechnisch nachgewiesen ist. Der vom Gericht beauftragte Gutachter, Ulrich Schwedes aus Hamburg-Barmbek, ist gar ein Günstling der Gentech-Industrie: Er stellte 2004 im Auftrag des Konzerns Lilly in einer Studienauswertung fest, das Analogon „Lispro“ sei für Schwangere verträglich, obwohl australische Forscher schon 1997 Fruchtschädigungen durch „Lispro“ festgestellt hatten.

„Lispro“ ist wie die ihm ähnlichen Kunst-Insuline „Aspart“ und „Glulisin“ umstritten. Das IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) kam jüngst zu der Erkenntnis, dass diese kurz wirksamen Substanzen nicht die von der Industrie versprochene Verbesserung der Lebensqualität leisten, sondern vielmehr im begründeten Verdacht stehen, Krebs zu erregen. Doch als der Gemeinsame Bundesausschuss bekannt gab, diese zudem teuren Insulinanaloga aus dem Zahlungskatalog der Kassen nehmen zu wollen, organisierten Verbände wie der Deutsche Diabetiker Bund (DDB) Proteste. Auch Lobbyisten wurden tätig – vom Spiegel bis zum ZDF vermeldeten Leitmedien, den Patienten sollten „moderne“ Arzneimittel vorenthalten werden. Vom Krebsverdacht war keine Rede – davon erfuhr nur, wer selbstr recherchierte.

Langzeitstudien zu Krebs bei Menschen, die Gentech-Insulin nehmen, gibt es nicht. Die Alternative zur Biotech-Ware, das tierische Insulin, ist in Deutschland aber nicht mehr zugelassen, sondern nur noch als Einzelimport erhältlich. Die Vergleichsgruppen schwinden also. Laut Chantelau ist das Teil einer perfiden Strategie: „Die Industrie nimmt die alten, preiswerten, tierischen Insuline vom Markt, damit die neuen, teuren Gentech-Produkte gekauft werden.“

Der Zugzwang zu „Biologicals“ geht zu Lasten jener Minderheit, die Schweineinsulin braucht. Für Helmut Lueginger begann 2005 eine permanente Katastrophe des Mangels: Das durch die Substanz „Surfen“ verzögert wirkende Schweineinsulin, mit dem der Stuttgarter Handwerksmeister gut zurecht kam, verschwand vom globalen Markt. Das zinkhaltige Produkt, das er stattdessen nimmt, bescherte ihm, obwohl er Zink verträgt, schon mehrfach Unterzuckerungen. Gefährlich sind diese, wenn der Körper, wie bei Humaninsulin-Unverträglichkeiten, vorher keine Warnsignale zeigt: Bleiben Zittern, Schwitzen und Heißhunger aus, fallen die Patienten rasch ins Koma.

„Dead in bed syndrome“ heißt es, wenn Diabetiker im Schlaf sterben, weil sie das falsche Insulin benutzten. Dass es Menschen gibt, die an Gentech-Insulinen sterben können, wird oft vertuscht. Immerhin empfahl jetzt die angesehene Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft den Spitzenverbänden der Kassen, tierisches Insulin wieder zu zahlen. Und in Kanada wurde, nachdem Schweineinsulin dort Jahre vom Markt war, selbiges wieder zugelassen: Manchmal macht Erfahrung klug.