Im roten Jahrzehnt verharrt

Etwa einhunderttausend Menschen, zumeist junge Studenten, haben sich in den 1970er-Jahre dem Leben in den K-Gruppen verschrieben. In diesen ideologisch aufgerichteten Gegenwelten begriff man sich als Avantgarde der Weltrevolution, studierte emsig die kommunistischen Schriften und imitierte Moral und Sitten der idealisierten Arbeiterschaft.

Mit ihnen befasst sich Andreas Kühn in seiner Studie „Stalins Enkel, Maos Söhne“, die nun die drei wichtigsten und größten Gruppen im „roten Jahrzehnt“ (Gerd Koenen) untersucht: Joscha Schmierers Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW), Jürgen Horlemanns und Christian Semlers Kommunistische Partei Deutschlands, Aufbau-Organisation (KPD-AO) sowie Willi Dickhuts und Ernst Austs Kommunistische Partei Deutschland, Marxismus-Leninismus (KPD/ML).

Wenngleich der Buchtitel ankündigt, die Lebenswelt der Parteimitglieder zu betrachten, hat Kühn doch weniger die Alltagskultur als vielmehr die politische Programmatik und die Agitationsmodi der K-Gruppen analysiert. Dazu studierte er in mühevoller Detailarbeit die eher unerfreulichen Traktate in den „Zentralorganen“ dieser Gruppen.

Nur in einem von elf Kapiteln streift er Lebensalltag, Rituale und Arbeitsethos der selbst ernannten Eliteparteien. Hierin wird deutlich, dass sie das Sektierertum mit der autoritären Binnenstruktur des „Demokratischen Zentralismus“ kombinierten. Und dieser Zentralismus war nichts anderes als das Herrschaftsinstrument einer auf Befehl und Gehorsam ausgerichteten Hierarchiestruktur. Rockmusik à la Jimi Hendrix, lange Haare und freie Sexualität, antiautoritäre Erziehung, Haschkonsum und Hedonismus hatten im strengen revolutionären Kampf selbstverständlich wenig zu suchen.

Wenn schon Urlaub, dann, bitte schön, mit Kritik und Selbstkritik in organisierter Busreise der KPD/ML „Skanderbeg-Reisen“ als Polittourist nach Albanien. Die Alternativszene mit ihrer Emotionalisierung einer Politik der Selbsterfahrung musste angesichts dieser Ästhetik des Verzichts und der revolutionären Enthaltsamkeit nahezu pornografisch und kleinbürgerlich albern erscheinen.

Tatsächlich aber war es die verstaubte K-Gruppen-Rhetorik aus dem Agitprop-Arsenal der Zwanzigerjahre, die in Zeiten des postmateriellen Wertewandels der 1960er- und 1970er-Jahre albern, ja wie von einer anderen Welt wirkte. Diese politische Haltung war, so lernt man in Kühns Arbeit, in der KPD/ML am stärksten ausgeprägt. Gegen die Engstirnigkeit des bereits 1923 geborenen Ernst Aust und des nochmals fast zwanzig Jahre älteren Willi Dickhut, die selbst den lieben Gott noch für einen Geldsack hielten, wirkte die KPD-AO spätestens ab 1976/77 politisch beweglicher und toleranter. Denn seinerzeit ermöglichte vor allem der Physikprofessor Jens Scheer die Öffnung zur Anti-AKW-Bewegung.

Der KBW, ohnehin ständig mit oft erfolglosen Kooperationsangeboten an die anderen K-Gruppen beschäftigt, fand seinen Ausweg aus dogmatischem Maoismus und Verehrung für Albaniens Enver Hodscha teils durch die Mobilisierungserfolge der Frauenbewegung, teils durch die aufsteigende Anti-AKW-Bewegung. Die dynamischen Neuen Sozialen Bewegungen veränderten jedoch auf lange Sicht eher die K-Gruppen und führten letztlich zu deren Auflösung, als dass die Indoktrinierung etwa durch den KBW erfolgreich gewesen wäre.

Nur in wenigen Passagen des Buchs wird sichtbar, dass das stolze Selbstbild einer geschlossenen Politiksekte keineswegs immer der Realität entsprach. Zu dieser Einsicht gelangt Kühn aber bloß, wenn er nicht nur auf die Lektüre der Zentralorgane fixiert ist, sondern auch interne Parteipapiere oder Erinnerungen und Interviews konsultiert.

Je tiefer man nämlich in der Hierarchie auf den Alltag der einfachen Parteimitglieder blickt, desto mehr erkennt man lediglich die Vision einer totalen Geschlossenheit. In der politischen und soziokulturellen Praxis wurde der Anspruch der Parteiführungen vielfach gebrochen, und es gab bereits Mitte der 1970er-Jahre immer wieder Kontakte mit undogmatischen Linken aus dem Alternativmilieu.

Bedauerlich an diesem spannenden Buch ist, dass das Alltagsleben und die alltagsweltliche Plausibilität, die diese Gruppen für ihre „Basismitglieder“ hatten, nur sehr selten verständlich werden. So wird auch nicht recht einsichtig: Wie gelang den Mitgliedern der Ausstieg aus dieser Gegenwelt, und wie vollzog sich der zum Teil rasche Ein- und Aufstieg in der SPD und bei den Grünen – man denke etwa an Krista Sager, Reinhard Bütikofer, Jürgen Trittin, Joscha Schmierer oder Antje Vollmer?

Andreas Kühns die Verlautbarungsebene fokussierende Untersuchung führt auch zu unnötigen und ärgerlichen Übersteigerungen, wie sie sonst nur in der abrechnenden Erinnerungsliteratur zu finden sind. So spricht der Verfasser von Erziehungsmethoden, Heidenkulten, Mutterkreuzideologien oder Führer- und Jugendverehrungen wie bei den Nazis und findet bei einigen K-Gruppen-Führern, die sich in der Gewaltfrage wie „Einsatzgruppenleiter“ geriert hätten, sogar die „rationale Kälte, die den Technokraten des Reichssicherheitshauptamts gleichkam“.

Durch solche verzerrenden Vergleiche mit dem Nationalsozialismus erinnert die Darstellung eher an die politische Kampfrhetorik eines in den Siebzigerjahren generalisierten Faschismusvorwurfs als an eine nüchterne wissenschaftliche Erklärung. SVEN REICHARDT

Andreas Kühn: „Stalins Enkel, Maos Söhne. Die Lebenswelt der K-Gruppen in der Bundesrepublik der 70er Jahre“. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2005, 358 Seiten, 39,90 Euro